Ich komme nicht mehr mit. Gar nicht mehr. Und ich ahne: das wird mir irgendwann – wenn nicht das Genick – die Festplatte brechen. Bluray, HDTV – keine Ahnung, was ich damit soll! Und wozu man das benötigt. Ich werde es einmal konkret machen:
Mein Bruder, 20 Jahre alt und all meine Freude im trüben Ostfriesland, hat sein komplettes Weihnachtsgeld für einen riesigen Fernseher auf den Kopf gehauen. Die Daten dazu: sie sagen mir gar nichts. Auch die Größe entlockte mir nur ein: „Häh?“ Also stand er auf, ging mit mir zu dem Küchenschrank, in dem Teller und Schüssel stehen und sagte: „So ähnlich, Schwesterherz.“ In seiner Stimme schwang leichte Überheblichkeit und großes Unverständnis. Dann fing er an und erzählte mir etwas von Sendungen in HD und solch einem Kram. Und ich wieder: „Häh?“ Und er: „Schwester (Anmerkung der Bloggerin: das Herz war wohl schon verloren), die neue Simpsons-Staffel ist zum Beispiel in diesem neuen Format.“ Und ich: „Aha?“ Und der Bruder: „Naja, bei Deinem kleinen Fernseher sieht man den Unterschied ohnehin nicht.“ „Hast Du etwas gegen meinen Fernseher?“ Er zog lachend die Augenbrauen hoch, drehte sich um ging wieder zu seinem Becher Kaffee. Ich ging hinter ihm her: „Hast Du etwas gegen MEINEN Fernseher?“ Immer noch lachend antwortete er: „Er ist klein und nicht ein bisschen flach.“ (Unter uns: Mein Fernseher ist so schwer, dass man das Gefühl, es wäre ein Betonbatzen darin. Sein Bildschirm ist so groß wie ein Schulheft (DIN-A-4, nix anderes) und geschenkt bekommen habe ich ihn, als ich 17 Jahre alt war. Er ist nun selber also schon 11 und geht auch gerne einfach so aus). „Ich mag meinen Fernseher!“, wurde ich nun langsam zickig. „Aber Deine Freunde nicht!“ Damit traf er auch einen wunden Punkt. Denn es gibt folgende – wahre – Begebenheit:
Vor einigen Jahren, ich wohnte noch in Oldenburg, kamen ein paar Freunde zum Fußballgucken. Wir saßen da, ich hatte für alle gekocht und alles schien perfekt. Bis einer sagte: „Ulrike, man erkennt den Ball nicht.“ Und ja, er hatte recht. Aber: Er saß auch ziemlich weit vom Bildschirm entfernt. Möchte man Fußball sehen, muss man eben auch sehr nah an den Fernseher heranrücken. (Später sagte der Moderator übrigens: “ Es haben sich viele Zuschauer bei uns beschwert, man könne den Ball nicht sehen. Liebe Zuschauer, das liegt daran, dass Schnee liegt. Und der Schiri noch keinen orangenen Ball ins Spiel gegeben hat.“)
Egal, zurück zum Bruder. Es herrschte betretenes Schweigen. Dann sah er mich an. „Worauf guckst Du eigentlich DVDs?“ Und ich: „Auf meinem Laptop.“ Und er: „Naja, dann brauchst Du auch kein Bluray.“ Und ich wieder: „Häh?“ Wieder das merkwürdige Schweigen. „Du weisst doch, was Bluray ist?“ „Naja. So etwas wie DVD?“ Der Bruder holte tief Luft. „Ja, Ulrike. Genau.“ Dann wurden seine Gesichtszüge wieder ganz lieb (er hatte vorher doch etwas verkrampft angenervt geguckt): „Aber Dein Fernseher ist ja auch schon ziemlich kaputt. Wenn der dann ganz hin ist, kannst Du Dir ja einen neuen holen.“ Entgeistert blickte ich zu ihm: „Wenn der kaputt ist, kaufe ich mir keinen mehr.“ Ich merkte, wie sein Herz aussetzte: „Und womit siehst du dann die Serien?“ „Ach, dann hole ich mir die auf DVD und gucke die auf dem Mac.“ Stille. Schweigen: „Ulrike, die gibt es bald auf Bluray. Und das kann Dein Mac nicht lesen.“ (Kann er nicht?) Ich rührte meinen Kaffee um: „Naja, dann habe ich halt Pech gehabt. Habe ich mehr Zeit zum Lesen.“
Genau so geht es mir auch mit anderen Dingen: Mein Handy hatte einen Sprung im Display. Es war mir egal. Natürlich hätte ich auch gerne ein iPhone. Aber ich würde es mir wohl ins Regal stellen und nur angucken, nicht benutzen. Die Funktionen sind Begehrlichkeiten, die ich nicht habe. Die iPhonisten werden nun zwar schreiend aufspringen und schreien „AppAppApp“, aber: Nöö. Ich bin bei der Arbeit so ständig erreichbar, dass ich da in meinem Privatleben keinen Wert drauf lege (auch, wenn ich gerne twittere). Wenn ich lese, dass Pärchen nebeneinander auf dem Sofa sitzen und beide mit dem iPhone beschäftigt sind (das ist jetzt nichts gegen Euch. Ich mag Euch. Wirklich!), dann ist das für mich unverständlich. Vielleicht bin ich spießig – oder doof. Oder ich habe andere Prioritäten. Für Bücher (NEIN, Kerstin, ich will kein E-Book) gebe ich gerne Geld aus. Für Schuhe. Für leckeren Käse und guten Wein. Für Musik (die ich mir im Geschäft kaufe – Stärkung der heimischen Wirtschaft -, ich brauche dafür kein App).
Was ich aber zugebe: Vor Jahren habe ich 400 Euro für einen iPod ausgegeben. Damals waren die noch so teuer.
Da erzählte die Ex-Kollegin mehr als ein Jahr lang, sie schlafe mit dem Chef. „Er will seine Frau für mich verlassen“, sagte sie. „Er liebt nur mich“, sagte sie. Sie zeigte SMS: „Bitte verlasse mich nicht“, stand darin. Mit Fehlern (Unter uns, es war mehr ein: „Bite verlas mich nich“). Nun ist herausgekommen: die ganze Geschichte gelogen, die SMS hatte sie an sich selber geschickt (hätte ich auch selber draufkommen können). Und man fragt sich doch: Wieso denkt sie sich das mehr als ein Jahr aus? Gibt es so etwas nicht eigentlich nur in schlechten Vorabendserien? Landen die Frauen dann nicht in der Psychiatrie oder werden – äußerst dramatisch aufgearbeitet – von einem Bus erfasst, kurz bevor sie in der Kirche Buße tun wollen? Wie kommt man auf die Idee, sich so etwas auszudenken? Auch wenn man die Phantasie hat, solch eine Geschichte zu entwickeln: moralisch muss man schon ganz schön neben der Spur sein.
Und während ich die vergangenen Tage noch wütend war (auf sie und auf mich), bemerke ich doch, dass ich sogar so etwas wie Mitleid für dieses Mädchen entwickele. Wahrscheinlich wollte sie nur etwas Aufmerksamkeit und Zuwendung. Vielleicht auch Anerkennung, weil sie es geschafft hat, den Mann welchen rumbekommen zu haben (schließlich frisch verheiratet und so). Trotzdem: doofes Ding. Ich. Weil ich das geglaubt habe. Jawohl. Von nun an glaub ich an nix mehr. Nur noch an den Fußballgott. Jawohl.
Kommunikation birgt schier unglaubliche Schwierigkeiten. Ich thematisierte an anderer Stelle schon einmal die passende Verabschiedung, was aber genau solche Probleme machen kann, ist die richtige Begrüßung – am Telefon. Ich hätte nie gedacht, dass das einmal für mich ein Problem werden könnte, bis A. als äußerst geschätzter Gesprächspartner in mein Leben trat.
Und plötzlich öffnet sich folgendes Problemfeld: Meist ruft er mich an – mit seiner Superdooperflatrate kann er mich umsonst anrufen – da kann ich mir das Geld ja sparen. Also es klingelt (Wenn er mich anruft, schallt Clueso aus dem Telefon – nur einmal so), ich sage so etwas wie „hej“, „hallo“ oder „na“. Er sagt „hej“. Und dann ist Stille. Also: Stille. Vor kurzem haben wir es auf annähernd eine Minute gebracht, in der keiner einen Ton sagte. Ich widmete mich der Milch in meinem Kaffee, er starrte wahrscheinlich nur so in die Luft. Dann empfand ich die Stille als doch zu doof (auch wenn wir umsonst telefonieren können: So ein Hörer am Ohr ist ja auch nervig. Außerdem wird mein Ohr davon ohnehin rot und heiß) und sagte: „Wolltest Du irgendwas?“ Und er – ein Meister der klugen Antworten: „Vielleicht mit Dir telefonieren?“ Folgend auf diesen merkwürdigen Dialog entspann sich eine Diskussion, ob nach dem beiderseitigen „hej“ er oder ich etwas sagen müsste. Ich fand (und finde), er müsse etwas sagen. Denn er hat ja MICH angerufen – also muss er sich auch den Einstieg ins Gespräch überlegen. Er fand (und findet), dass ein Gespräch ja immer im Wechsel stattfindet – und da er das letzte Wort („hej“) hatte, müsste ICH den einstieg ins Gespräch finden.
Gut, das Problem konnte bisher nicht gelöst werden. Und so begab es sich dann in der vergangenen Woche, dass A. mich abends anrief. Mein Bruder war gerade bei mir. Um das lange Schweigen abzukürzen (A. Ich hatte Besuch. B. „Bauer sucht Frau“ lief), fragte ich ihn nach seinem „hej“: „Uuuund? Wie geht es Dir?“ Das wiederum veranlasste meinen Bruder laut zu brüllen: „Mein Gott! Nun verarsch den armen Jungen doch nicht auch doch.“ Als ich ihm (A. immer noch am anderen Ende der Leitung) das Problem schilderte, zog er die Augenbrauen hoch, stand auf und holte sich noch etwas Essen aus der Küche. A. wurde auch etwas kurzangebunden, wiederholte seinen Standpunkt und mit anderen hätte er dieses Problem noch nie gehabt. „Na, vielleicht rufst Du die ja auch nicht einfach so an?“ fragte ich ihn. Da wurde er leicht grummelig. Ich legte auf, er legte auf. Und wir sahen beide – er im Emsland, ich in Ostfriesland – „Bauer sucht Frau“ und die Thailänderin Narumol, die zu ihrem Bauern sagte: „Ich versteh Dich manchmal einfach nicht.“ Wie wahr.
Ich habe Urlaub. Also mein erster richtiger Urlaub, seitdem ich arbeite. Zwei Wochen – eine habe ich bereits hinter mir. Und ich bin schockiert, wie schnell ich gelernt habe, nix zu tun. Beispiel heute (Sonntag): Bis halb eins geschlafen (dass das überhaupt noch funktioniert), Fernseher angemacht, im Internet gedaddelt, geduscht, Frühstück gemacht, Kaffee wieder mit ins Bett genommen, „Supertalent“ geguckt, im Internet gedaddelt, immer noch im Bett liegend mit dem Schildermann telefoniert, Simpsons geguckt, Essen gekocht, im Bett Kartoffelsuppe gegessen. Nun liege ich immer noch im/auf dem Bett, sehe NCIS und kann voller Stolz behaupten, dass ich es gerade geschafft habe, mein Tellerchen immerhin abzuwaschen.
Ich sollte mir für die kommende Woche einen Plan machen. Einen Plan, mit Dingen, die getan werden sollten. Beispielsweise: Zwei Stunden an der frischen Luft verbringen. Oder: Kühlschrank abtauen (währenddessen kann ich ja auch auf dem Bett liegen und Unterschichtenfernsehen konsumieren). Oder auch: Dem Kollegen die restlichen Süßigkeiten von Martini vorbeibringen (das bedeutet Kaffee bedeutet Reden bedeutet Kontakt zur Außenwelt). Plan mache ich morgen. Nun daddel ich noch im Internet. Vielleicht lege ich gleich auch ein paar Klamotten zusammen. Gestern habe ich nämlich eine Waschmaschine angestellt!
Heute Morgen guckte ich auf meinen Kalender und sah folgende Glückseligkeit: Nur noch zwei Wochen bis Bochum. Die beste Kesro, der beste Ika, die bequemste Schlafcouch – und Björn nicht weit (und Daniel und Anja gibt es da ja auch noch). Den Wert guter Freundschaft weiß man scheinbar erst zu schätzen, wenn sie (so örtlich gesehen) weit weg ist. Nicht, dass hier keine netten Menschen wohnen, doch. Aber es gibt eben nur wenige Menschen, denen man sich so gerne anvertraut und die einen auch ungeniert kritisieren dürfen (so wie der junge, leicht zynische Mann aus Essen). Wie ein kleines Kind würde ich jetzt schon gerne meine Tasche packen. Wollte ich nur loswerden. Ja.