Vom Nein-Sagen

•November 1, 2009 • 4 Kommentare

Erlebt, an einem Tag. Mittags ein Gespräch mit dem Lokalchef: „Du musst lernen, mehr Nein zu sagen. Das dankt einem doch meistens ohnehin keiner.“

Später bei einem Termin zu einer Nachbarschaftsserie frage ich: „Was ist denn das besondere an ihrem Nachbarn?“ „Er sagt nie Nein. Wenn man ihn braucht, ist er da.“

Also: Nein sagen? Nein oder Ja?

Männer mit Landebahn für Herzen

•Oktober 14, 2009 • 4 Kommentare

Es gibt ein interessantes Phänomen. Erzählt man von „seinem“ Blog, möchten viele als erstes folgendes wissen: „Steht da auch was über mich?“ Und bei einigen: „Schreibst Du bald mal was über mich?“ Entzückend, weil man was schlechtes dann ja kaum noch schreiben kann. Dabei ist der Mann, um den es im folgenden gehen soll, ein Quell ewigwährender Geschichten – und daher ist es auch mehr als verwunderlich, dass er von mir zwar schon bei Twitter erwähnt wurde, nicht aber hier, an viel geheiligterer Stelle. Und seine Trauer, hier noch nie erwähnt worden zu sein, schien echt – obwohl er eigentlich dafür bekannt ist, nicht der sensibelste zu sein. Kleiner Schläger hier, großer Herzensbrecher da.

Worum es aber eigentlich gehen soll: Es gibt Männer, denen fliegen die Herzen der Frauen einfach so zu. Sie brauchen nur lächeln und man tut alles für sie. Mein kleiner Bruder ist so einer und auch der Kollege. Dabei werden ihm Affären mit einigen Kolleginnen nachgesagt, die er aber charmant abstreitet („Bist Du bekloppt?“) – und Affären machen Männer bei mir eigentlich eher unsympathisch.
Was bei diesem Typ Mann bemerkenswert ist: Bringt man ihm nicht die gewünschte Aufmerksamkeit und die weit aufgerissenenen, anhimmelnden Augen entgegen, wird er ganz anders. Lieb. Was er sich davon verspricht: Keine Ahnung. Was nichts an den Gefühlen für ihn ändert. Er ist eben wie der kleine Bruder: Sieben geworden und dann nur noch gewachsen; weint, wenn er sich die Finger verbrennt; hört harte Musik und hat Angst davor, von Mädchen mit Overknees und Minirock gefressen zu werden; hat gewagte Rezeptideen („Ulrike, ich möchte einen Cheeseburger panieren und frittieren.“) und muss sich dann erklären lassen, wie eine Friteuse funktioniert.

Niedlich eben. Niedlich.

Meine Kurven und ich

•Oktober 14, 2009 • 3 Kommentare

Die Brigitte schafft sie ab: die spindeldürren, latent bulimischen Klappergestelle, genannt Models. Normale Frauen sollen es nun sein – die, die aussehen wie WIR. Und Karl Lagerfeld wettert dagegen, keiner wolle „runde Frauen“ sehen. Als ob es kein Mittelding zwischen Skelett und Tonne gibt. Und als ob rund gleich hässlich, unerotisch und sonst noch etwas wäre. So viel Intoleranz von einem Menschen, der einem als Zuschauer ohnehin schon sehr viel Toleranz abverlangt – nicht einfach.
Ich als eher runde Frau mit Kleidergröße 42/44 (eher 44 vielleicht….) fühle mich diskiminiert! Sogar noch mehr als von dem Schild vor einer Sportanlage „Eintritt für Männer zwei Euro, für Frauen und Senioren ein Euro“.
Als ob ich ätzend wäre – und keiner mich sehen wollen würde. Okay, in schwachen Momenten fühle ich mich so, als sollte ich mich keinem zumuten, aber wer hat das nicht? Und ich für meinen Teil würde mich als Klappergestell auch nicht wohlfühlen (Ergebnis meiner Serie für meinen Arbeitgeber) – ich möchte ja niemandem in Abrede stellen, sich dürr wohlzufühlen. Aber mit welchem Recht wird dem Leser der MAXI, MYSELF und wie sie alle heissen, solch ein Schönheitsideal vorgesetzt? Warum gibt es für Männer als Rechtfertigungsgrund für ihren kleinen Bierbauch den Spruch „Was wollt ihr Frauen mit einem Sixpack, wenn ihr ein ganzes Fass haben könnt?“ und für Frauen keinen? Und warum habe ich ohnehin ständig das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen?

Über die Freuden des Reisens

•Oktober 10, 2009 • 10 Kommentare

Im November/Dezember habe ich Urlaub. Ganze zwei Wochen, die nur mir zur Verfügung stehen. Und weg soll es auch gehen. Aber wohin? Welche Form? Alleine, das ist schon mal klar, aber danach hört es auch schon auf. Die Alternativen:
1. Geplant war eigentlich eine ganze Zeit, dass ich mir ein Haus auf einer niederländischen Insel miete. Schön in den Dünen, ganz viel lesen, schlafen, frische Luft (auch mit Regen) und spazieren gehen am Strand. Klingt unspektakulär – aber muss Urlaub aufregend sein, wenn es der Alltag meistens schon ist?

2. Eine Städtereise. Es gibt so viele Städte, die ich gerne mal (wieder) besuchen würde: Dublin, Edinburgh, Newcastle, Rom, St. Petersburg, Moskau, also: quer durch. Aber eine Stadt alleine erlaufen? Darauf habe ich keine Lust. Jemanden finden, der Ende des Jahres noch genug Urlaub für solch einen Trip hat? Eher schwierig.

3. Last Minute. Für eine Geschichte war ich im Reisebüro und da erzählte mir die Reiseverkehrskauffrau, dass Ende November noch einmal richtige Schnäppchen kommen. Fürn Appel und Ei nach Ägypten, in die Türkei, Tunesien oder die Kanaren. Eine Möglichkeit?

4. Kein richtiger Urlaub, sondern Freunde besuchen. Schließlich sind die mittlerweile in Deutschland und dem umgebenden Ausland verteilt. Also warum nicht Zugtickets buchen und mal wieder die sozialen Kontakte pflegen? Ein wenig was von der Welt sehen?

Schwierig, schwierig. Achja. Möglichkeit 5: Gar nicht fahren – argh.

Die Realität

•September 30, 2009 • 4 Kommentare

Unter meinen Kollegen gibt es einen Ausspruch: „Im Gerichtssaal ist die reale Welt.“ Und darüber möchte man eigentlich gar nicht nachdenken. Nicht über den 50 Jahre alten Mann mit der umfangreichen Kinderpornographie-Sammlung, über den selbstständigen Familienvater, der aus lauter Geldnot bei Hehlereien mitmacht oder den 18-Jährigen, der sich nicht anders als durch Gewalt zu helfen weiß.

Oder über das heute morgen. Was irgendwie merkwürdig war. Drei junge Männer, 18 bis 20 Jahre alt, eine Clique. Und man sitzt da und denkt darüber nach, dass die drei zwar dämlich (Zitat: „Ich hab ihn halt geschubst – mit meiner Faust“) sind, aber gemeinschaftliche Körperverletzung kein Bringer für die Zeitung ist. Und so zu denken: Dafür schäme ich mich schon. Nur: Ist leider so. Wie häufig Körperverletzungen verhandelt werden: Unfassbar. Was das für Typen sind: unfassbar. Wenn man da sitzt, denkt man zwar: „Bah“, aber weiß gleichzeitig: „Das interessiert kein Schwein.“
Egal. Es geht zum letzten Teil der Verhandlung. Da, wo die Jugendgerichtshilfe ihren Senf abgibt, über die Familien der Täter spricht, über „Sozialprognosen“. Und wo die Vorstrafen verlesen werden. Und da ist mir die Kinnlade runtergekippt, der Kollege vom Konkurrenzblatt schluckte schwer, die Schöffen guckten betroffen. Da sitzt da einer der Angeklagten, der zwar in Handschellen hineingeführt wurde, aber irgendwie noch am „nettesten“ wirkte. Zwar völlig durch, aber irgendwie mehr wie gestrandet, ohne Perspektive und deshalb eben da, wo er ist. Und dann hört man, was er schon getan hat. Vergewaltigung (Anklageschrift wurde vorgelesen – unschön), sexueller Missbrauch eines Kindes (ebenfalls vorgelesen – ebenfalls unschön), Nötigung, Waffenbesitz, räuberische Erpressung. Und man denkt nur noch „Bah“. Und das ist so „Bah“, dass man es nicht mehr in Worte fassen kann. Und dann sieht man hinter sich und hat da die Freunde der Angeklagten sitzen. Denen die Bewunderung ins Gesicht geschrieben ist.