Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Was bleibt

8 Kommentare

In den vergangenen drei Monaten ist erst mein Opa gestorben, dann der Opa meines Freudes. Zweimal saßen wir dort und mussten Abschied nehmen, wie man so sagt. Wobei man nicht wirklich Abschied nimmt, weil vielleicht die Person weg ist, nicht aber das, an das wir uns erinnern, was die Person für uns ausmachte. Da ist noch so viel: Gespräche, die man hätte führen sollen, Fragen, die gefragt hätten werden müssen, Lachen, das hätte gelacht werden sollen. Vor allem das.

Zweimal saßen wir also dort. Einmal auf einem Schiff, weil mein Opa eine Seebestattung wollte und sie bekommen hat und es kaum etwas tröstenderes gibt, als zu wissen, dass er nicht irgendwo auf einem Friedhof liegt, sondern im Meer, im Dollart, dort, wo schon so viele ostfriesische Dörfer untergegangen sind, der Wind weht und es bei Sonne und Regen, Wind, Schnee und Nebel wunderschön ist. Einmal in einer kleinen Kapelle, weil der Opa meines Freundes in der Urne neben seiner Frau sein wollte, in der Stadt, in der er nach der Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen wurde.

Zweimal hörten wir den Rückblick auf ein Leben. Auf das, was uns Menschen ausmacht.

In der vergangenen Woche saßen wir da und sprachen über das, was vielleicht von uns bleibt. Was irgendwann, wenn wir nicht mehr leben, von uns bestehen bleibt. Welche Werte und Erinnerungen wir eigentlich hinterlassen und ob man und wie weit man in der Lage ist, dieses Bild wirklich mit zu formen.

Vielleicht, sogar sehr sicher, berührte mich – uns – das Thema so, weil wir gerade Eltern werden. Im Angesicht von Legida/Pegida und Krieg und Vertreibung und Hunger auf der Welt, frage ich mich sehr, welche Werte es sind, die mein Sohn mit auf seinen Weg bekommen soll. Kann es genügen, zu sagen: „Alle Menschen sind gleich. Das ist das Einzige, was Du wissen musst. Und weil jeder Mensch gleich ist, hat jeder gleich viel Recht auf Leben und Glück und das Gefühl, wie schön es ist, sein Gesicht in die Sonne zu halten, ohne Angst zu haben.“

Aber es geht ja um so viel mehr. Die Rückblicke und Erinnerungen an unsere Großväter waren so unterschiedlich, dass wir auch darüber sprachen. Der eine Opa, der Musik liebte, in den 1950er Jahren auf Hochzeiten neben seiner eigentlichen Arbeit Musik machte, der in seinen Instrumenten aufging, im Takt der Lieder, ohne dass er nur eine Note lesen konnte. Der andere, dem sein Beruf das Wichtigste war. Der stolz auf jeden Fortschritt war, auf jede Verantwortung, die man ihm übertrug.

Seltener wird einem die eigentliche Endlichkeit bewusst, als in den Momenten, in denen man sich fragt: Was bleibt man von mir, wenn ich irgendwann sterbe? Wird mein Sohn sich lachend an meine Tollpatschigkeit erinnern, wie ich ihm stundenlang vorlas, mir Geschichten ausdachte und ihn bei allem, was er tat, anfeuerte? Oder wird er mich irgendwann hassen, weil ich ihm peinlich bin, mit meiner Tollpatschigkeit, Geschichten ihn gar nicht interessieren und er keine Anfeuerungsrufe von mir wollte?

Man kann sich so viel vornehmen, was man irgendwann hinterlassen möchte. Dabei sind es vielleicht nicht die großen Dinge, die irgendwann bleiben. Sondern all die kleinen Erlebnisse, die man eigentlich schon längst hätte vergessen können, die aber mit einem Gefühl verbunden werden, mit dem Wissen, an diesem Ort mit diesen Personen richtig zu sein. Etwas, das nicht willentlich herbeigeführt wurde, sondern einfach da war. Der warme Kakao, nachdem man triefend nass zuhause angekommt, weil der Busfahrer wieder einmal zu früh war und losfuhr. Der spontane Ausflug ans Meer, wo man zu zweit allein stand, während der Sturm das Wasser mit Gewalt gegen die Küste schleuderte. Das Geburtstagsessen in jedem Jahr, zu dem es ohne zu fragen immer genau das Richtige gab. Der erste Besuch im Stadion eines Siebtligisten, wo die Bänke grau vom Alter waren, aber man das erste Mal verstand, was „Taktik“ überhaupt bedeutet. Kleine Ereignisse inmitten von Selbstverständlichkeiten. Oder: die Selbstverständlichkeiten.

Meine Oma, die schon lange tot ist, heißt bis heute bei mir und meinen Brüdern „Eis-Oma“, Weil es immer Eis gab, wenn wir Enkel kamen. Vielleicht bin ich einfach nur verfressen, vielleicht mag ich aber auch die Vorstellung, dass da Jemand war, der immer wollte, dass ich mich freue. Und sei es über ein Sandwich-Eis. Ihr Mann, mein Opa, der ebenfalls schon lange tot ist, brachte uns morgens immer Tee. Während wir bei meiner Oma im Bett schliefen, übernachtete er im Gästezimmer. „Opa, Tee!“ war sein Stichwort und er brachte uns die erste Tasse des Tages ans Bett, lachend, die Haare nach hinten gekämmt, eine lange graue Strickjacke an. Seitdem ist für mich eine der größen Gesten der Zuneigung, einer anderen Person morgens Tee oder Kaffee ans Bett zu bringen, sich die Füße in der kalten Küche abzufrieren, weil man weiß: Da ist Jemand, für den mache ich das gern. Es ist das, was von meinen Großeltern für mich bleibt.

Und vielleicht ist es das, um den Text zu einem Ende zu bringen, was man sich merken sollte, immer dann, wenn man sich fragt: Was bleibt irgendwann von mir? Dass es die kleinen Dinge sind, die uns ausmachen. Der Tee am Bett. Die Musik, wenn geprobt wurde und alle still waren. Das Eis. Das Geburtstagsessen. Viel mehr als Worte. Taten.

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8 Kommentare zu “Was bleibt

  1. Wo kann ich unterschreiben?

    Wie so oft glaube ich eh nicht, dass eins sowas planen kann. Genausowenig wie verlieben oder Glück oder oder…
    Woran will ich, dass andere sich erinnern, wenn sie an mich denken? Keine Ahnung. Eigentlich ist das auch nicht wesentlich, eigentlich ist wesentlich, dass sie sich an was gutes erinnern. Nicht „Der doofe Sack“ sondern „war ganz okay“. Und vielleicht ein paar irgendwie ein warmes Gefühl im Herzen oder im Bauch kriegen (da kommt Tee oder Kaffee natürlich wie gerufen).

  2. Sehr, sehr schön!!! Danke!

  3. Sehr berührend. ❤
    Nicht nur wie du es geschrieben hast, sondern auch was du damit gesagt hast.
    Wie du Gedanken formuliert hast, die man selbst vielleicht nicht mal zu denken wagt.

    Ein wirklich packender Text!

  4. … und jetzt sitze ich hier im Büro, und muss mich beherrschen, dass keine Tränen kullern …
    Wundervoll geschrieben, und genau das was mich seit ein paar Tagen/Wochen auch beschäftigt…. ♥

  5. Pingback: Unsere Netzhighlights – Woche 7/2015 | Apfelmädchen & sadfsh

  6. Besorg dir einfach mal ein Leben…

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