Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Ablaufdatum

30 Kommentare

Vielleicht schon etwas beschädigt, aber immer noch gut: (Kartoffel in) Herz(form).

Vielleicht schon etwas beschädigt, aber immer noch gut: (Kartoffel in) Herz(form).

Ich bin 32 Jahre alt. Als ich 15 Jahre alt war, dachte ich, dass man damit erwachsen ist. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Es macht vielleicht den Anschein, als sei ich erwachsen – immerhin arbeite ich, wohne nicht mehr bei meinen Eltern und mache meinen eigenen Wocheneinkauf. Aber machen wir uns nichts vor: Ich habe keine Ahnung, wie man sich als Erwachsene fühlen sollte, aber in meiner Vorstellung haben Erwachsene einen Plan vom Leben; ich verzweifle bereits an der Planung der kommenden Wochen. 

Aber darum soll es gar nicht gehen.

Vor einigen Wochen sagte ein Mann zu mir, für etwas Langfristiges sei ich zu alt. „Man muss ja auch etwas zusammen sein, um an Kinder zu denken; und in Deinem Fall bist Du dann einfach a l t. Du bist ja nun schon 32.“

Und gestern Abend, ich sprach mit einem Bekannten über dies und das, kam der Satz „Mit 32 Jahren hast Du Deine besten Zeiten ja auch schon hinter Dir“.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich die besten Zeiten hinter mir habe. Zurzeit habe ich sogar sehr sehr sehr das Gefühl, dass die besten Zeiten erst noch vor mir liegen. Dinge wenden sich zum Guten, ich bin mir endlich meiner Stärken und Schwächen bewusst, habe Frieden mit meinem Körper gemacht und einen Freundeskreis, ohne den ich nicht wüsste, was ich in Talphasen tun sollte.

Es war mir nicht klar, dass Menschen ein Ablaufdatum haben. Sicherlich: irgendwann sterben wir, aber vielleicht oder sogar sehr sicher ist der Tod das einzige Ablaufdatum, das wir haben.

Offenbar liegt das Ablaufdatum von Frauen dabei weit unter dem der Männer. Frauen sind mit 25 Jahren (so der Bekannte) abgenutzt, ein Fall für die Tonne, nur noch ein Restposten auf einem im Zug der Eingangstür stehenden Wühltisch. Wir sollten froh sein, wenn sich jemand erbarmt und Potential in uns sieht, glaubt, dass wir den Sonderpreis wert sind.

Als ich Weihnachten ein Foto mit der ältesten Freundin machte, sahen wir, dass wir uns in den vergangenen Jahren optisch nicht sonderlich verändert haben. Die Frisur vielleicht etwas anders, ich ein paar Kilogramm leichter – aber ansonsten sahen wir keinen großen Unterschied, hatten nicht das Gefühl, dass wir zu Sonderposten geworden waren, zu Mängelexemplaren, zu Restposten.

Sicherlich: Ich gehe freitagsabends nicht mehr weg, mache die Nacht durch. Ich gehe am Freitagabend meist früh ins Bett, weil ich müde bin. Und eventuell brauche ich auch einen Tag mehr, um meinen Kater auszukurieren. Aber mal ehrlich: das geht Männern ebenso. An ihrem Marktwert, ihrem Ablaufdatum zweifelt niemand. Nicht einmal sie selber. „Männer sind wie Wein. Sie werden nicht älter, sie werden besser.“ Ich hatte schon einmal einen Rotwein, der als Essig aus der Flasche kam.

Offenbar wird das Ablaufdatum von Frauen daran festgemacht, dass sie irgendwann keine Kinder mehr bekommen können. Und das in einer Welt, in der jeder Sexismus brüllt, sofort ein Mann eine Sekunde zu lang auf die Beine einer Frau sieht. Das festgemachte Ablaufdatum an einer willkürlichen Grenze festzumachen, das ist schon recht einfältig.

Ich liege ganz sicherlich nicht auf der Resterampe, jammernd darauf wartend, dass sich jemand erbarmt, mich mitzunehmen. Vielleicht, weil er sich nichts anderes leisten kann; vielleicht weil er Mitleid hat. Dafür bin ich viel zu gut. Stellt mich zu den Delikatessen oder zu der Ware für Fortgeschrittene. Mir egal. Aber ein Sonderposten… Nein. Wühltisch steht mir einfach nicht.

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30 Kommentare zu “Das Ablaufdatum

  1. 32 ist nicht mal annähernd Halbzeit.
    The best is yet to come.

  2. Pah. Mit 32 hatte ich den zukünftigen Vater meiner Kinder noch nicht einmal kennengelernt. Und das letzte Kind bekam ich mit 42. Was sind denn das für Männer, die so einen Quatsch erzählen!?

    Heute erst, mit 47, habe ich das Gefühl, kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums zu stehen. Ich kann also deine Gedanken gut nachvollziehen. Und trotzdem: Männer sterben früher. Isso.

  3. Der Bekannte sollte niemals mehr werden als genau das.

  4. Wenn wir dann bitte den bear aus dem Mindesthaltbarkeitsdatum noch nehmen könnten? Danke! (Hallo, Herr Freud!)

  5. Meine ehemalige Frauenärztin sagte mir mit 26: „So langsam sollten Sie aber mal los legen, der Lack ist mit spätestens 30 ab. Kinder kriegen Sie am besten JETZT! Mit 30 wird das nämlich schon zum Risiko.“.
    War auch schön und mein letzter Besuch bei Ihr 😉

  6. Puh. Da steck ich mit meinen fast 26 Jahren mit einem Bein schon im Restpostensortiment…aber mal ehrlich: das ist doch Schubladendenken. Als ob jede Frau das Ziel hat, mit 30 Jahren schon 5 glückliche Ehejahre hinter sich und bereits 2 wundervolle Kinder geboren zu haben. Solche Vorstellungen werden von ANDEREN vorgegeben. Kein Mensch, keine Frau muss sich an diese „Vorgaben“ halten.
    Erschreckend, dass manche Männer tatsächlich Frauen nach Alter abstempeln. Ich könnt da ja noch ewig abschweifen, aber das wäre dann fast ein eigener Blog-Eintrag 😉

  7. Eigentlich dürfte man dieser These gar keine Hinwendung schenken.
    Mensch, was hast du nur mit komischen Typen zu tun!

    @Christine
    Geiler Kommentar!

  8. Ich glaube, dass manche Männer Angst haben, dass Frauen über 30 schnell daran denken eine Familie zu gründen und sie wollen erst mal die gemeinsame Zeit genießen. Manche haben vielleicht Angst, dass die Frau nur nach potentiellen Vater ihrer Kinder suchen und nicht nach einem Partner fürs Leben. Solche Frauen gibt es auch. Die Männer haben generell leichter, weil sie sich länger austoben können und wenn sie Lust auf eine Familie haben, nehmen sie sich eine jüngere Frau.
    Mit 38 Jahre fühle ich mich wie mit 18, nur äußerlich kommen langsam Veränderungen zum Vorschein: ersten grauen Haare, Fältchen um die Augen. Damit muss man lernen zu leben 😀
    Viele Grüße

  9. Ich bin fast 50 und hab gerade dasselbe Thema. Da sagte mir einer meiner Leser, ich müsste mich doch jetzt langsam mal setteln, schließlich hätte ich jetzt die Hälfte meines Lebens rum (soll ich wirklich 100 werden?).

    Was für ein Bullshit. Klar werde ich älter. Man sieht’s an meiner Haut, und auch meine Knochen stöhnen hier und da. Tatsächlich aber geht’s mir heute dank Sport körperlich besser als noch vor 20 Jahren, und ich hab so viel dazu gelernt, dass ich auch emotional besser drauf bin. Also, nichts mit beste Zeiten hinter mir. Gar nicht!

    Vielleicht bin ich äußerlich zu alt für so manch einen Kerl. Mag schon sein. Aber auf Jüngere stand ich noch nie – auch wenn sich ab und an mal einer in meinem Leben verirrt – und auf Ältere oder Gleichaltrige, die mich für zu alt halten, kann ich dankend verzichten. Die sollen sich mal an die eigene Nase fassen – ich hab wenigestens aus mir und meinem Leben gemacht!

  10. Irgendwie habe ich mein Ablaufdatum verpasst 😛

    35, zwei Kinder und immer noch ordentlich Flausen im Kopf.

  11. Also, ich wurde al Mann mit 35 auch schon ab und zu alt genannt. Es hängst sicher auch davon ab, von wem so ein Spruch kommt.

    „Für etwas langfristiges“ denke ich eher andersherum – eine Frau die schon etwas Lebenserfahrung hat, und Ihren Platz gefunden hat, ist sicher eine gute Partnerin. Ist zumindest meine Idee.

    Der Körper ist etwa um die 20, das Gehirn etwa um die 25 fertig entwickelt. Von da ab kommt zuerst eine Phase wo sich körperlich wenig ändert, dann ein langsamer (körperlicher) Abbau, den man aber zuerst durch Wachsende Erfahrung und Übung ausgleicht, wenn man nicht gerade Spitzensportler ist, dann kann man schon sagen, Leute bleiben heute bis 50 jung.

    Ich bin selbst etwas über 40, und stecke in der gleichen Klemme, schon als Alt betrachtet zu werden, aber sich selbst noch gar nicht sicher im Leben zu fühlen.

    Ich denke, dass heute zu sehr auf die äusserlichen Zeichen des Alterns geschaut wird. Das kommt sicher auch mit diesem „Nacktheitskult“, dass Kleidung eher wenig verhüllen soll. Das ist meiner Meinung nach Unfug, und reduziert den Menschen fast schon zum Tier. Wir haben die Kultur nicht erfunden, um uns an der Straffheit der Haut messen zu lassen, und Kleidung ist eben dieser Teil der Kultur, der uns von disen merkmalen befreit hat – bevor der Nackte-Haut-Kult aufkam.

  12. Dieses Thema nervt mich auch!
    Ich bin jetzt 31 und seit meinem 30. Geburtstag versucht alle Welt mir einzureden, dass die biologische Uhr tickt.
    Und dann bin ich auch noch eine Kandidatin, die schon seit 8 1/2 Jahren verheiratet ist – Da versteht nahezu niemand, dass man nicht schon 2 Kinder hat.
    Der blanke Horror !!!

  13. Auf jeden Fall liegt die beste Zeit noch vor uns!!!! Keine Frage!

  14. ich glaube, dass mein ablaufdatum selbst bestimmt. wenn man sich dummstellt, kann das leben mit 17 rum sein – und wenn man klug und fröhlich ist, dann ist man mit 70 immer noch nicht fertig mit dem ganzen spaß.
    solche behauptungen stellen nur menschen auf, die ihre eigenen „besten zeiten“ hinter sich haben oder (noch schlimmer) deren ende befürchten. sage ich jetzt einfach mal, mit meinen zart-alten knapp 31.

  15. Das Thema mit dem Ablaufdatum finde ich spannend. Und auch ich bin davon überzeugt, dass sich das jeder selbst gibt. Mit Anfang 40 habe ich – obwohl schon immer neugierig und gut gelebt – so viele Dinge das erste Mal getan, dass ich mich alles andere als erwachsen fühle. Das erste Mal im Gruftioutfit, das erste Festival, klar, das haben viele mit 16 gemacht. Mit 42 ist das aber auch spannend. Ich bin sicher, dass über das persönliche MHD nur die innere Haltung entscheidet. Frisch halten müssen wir uns schon selbst, das nimmt uns kein Mann ab. Und dann bleiben wir es auch lange. Die Gehirnforschung weiß schon lange, dass nur wer immer mal wieder NEUES tut, lange jung bleibt.

    Also weg mit den alten, muffigen Vorstellungen vom gesetzten, mittleren Alter und vor allen mit den alten Säcken (egal, welches Geburtsjahr in ihrem Ausweis steht), die diese obsoleten Ideen auch noch weiter verbreiten, weil sie selber viel zu viel Angst vor dem Leben haben.

  16. Was für ein Dummfug! Es ist exakt diese eindimensionale Haltung, die es so mancher Frau aus meinem Freundeskreis derartig schwer macht, mit erhobenem Haupt durchs Leben zu gehen. Ich als 39-jähriger Mann finde es befremdlich, ja sogar verdammt traurig, wenn sich eine 34-jährige Freundin unter gesellschaftlichem Druck fühlt, weil sie seit 8 Jahren Single ist. – Weil ihr seit 8 Jahren nur Kerle über den Weg laufen, die diese tolle Frau nicht zu schätzen wissen, die nur mal ein wenig rumvögeln wollen und nichts ernstes suchen, weil sie selbst ja noch ewig Zeit haben – um was zu tun eigentlich? -, die immer dann einen Rückzieher machen, wenn es ernst zu werden scheint. Ungenannt Ganz abgesehen von den Männern, die ihren persönlichen psychologischen Müll bei ihr abladen und dann am Schluss mit der Ausrede “ Du, ich möchte unsere Freundschaft nicht gefährden…“ kommen. Ich dachte mal, dass Männer Ü30 erst zurechnungsfähig werden. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Irgendwie scheint es mehr und mehr Männer zu geben, die das eigene Alter völlig ausblenden und die Sache auf dem Rücken der weiblichen Biologie ausfechten. Sind sie nämlich dann irgendwie in der Mid Life Crisis, kommen die großen Fragen. Was hinterlasse ich auf Erden? Was kommt nun noch? Und so weiter… Ein Kind wäre dann z.B. nicht schlecht. Doch dann sind all die Frauen, die man in den zurückliegenden, wilden Jahren gern mal am Wegesrand mit abgegriffen hat zu alt? WTF! Und zur biologischen Uhr: Was soll das denn! Klar steigen die Risiken für Mutter und Kind bei fortschreitendem Alter. Aber soll sich Frau deshalb ab ihrem 30sten Geburtstag monatlich, pünktlich zum Eisprung quasi at random einen x-beliebigen Kerl suchen, um sich von ihm schwängern zu lassen? Ich finde, diese ganze Debatte über ein „Ablaufdatum“ dient nur dazu, Frauen in ihrer Selbstbestimmung und Entfaltung einzuschränken.
    Es ist so schade, dass sich zu viele Leute von außen reinquatschen lassen und ihr eigenes Standing somit völlig unterbewerten.

  17. Zur Pflege der „frischgehaltenen“ Männer reichen die „fristabgelaufenen“ Damen in ein paar Jahrzehnten dann doch noch.

  18. Wie du weißt, liebe ich deinen Blog – aber diese teilweise ein wenig eindimensional betrachteten Frauenzeitschriftenthemen stehen ihm nicht so ganz …

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