Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

… und zum Ende ist die Joghurtschublade wieder voll

2 Kommentare

Eine gute Entscheidung, immer: Mir Blumen kaufen.

Eine gute Entscheidung, immer: Mir Blumen kaufen.

Auch ich bin nur ein Mensch. Das mag dem ein oder anderen nun beinahe unrealistisch anmuten, aber auch die Autorin dieses Blogs muss hin und wieder Dinge tun, die alle anderen Menschen tun. Einkaufen beispielsweise. Damit sie nicht elendig verhungert oder verdurstet oder nach dem Duschen ohne Wattestäbchen dasteht.

Für gewöhnlich gehe ich am Freitagabend nach der Arbeit einkaufen. Weil mich am Sonnabend oft eine geheimnisvolle Schwere überfällt, die es verhindert, mich mit wichtigen Dingen zu bevorraten, und am Sonntag dazu führt, dass ich den nicht immer pünktlichen Pizza-Mann kontaktieren muss. Dem öffne ich dann die Tür in einer ausgebeulten Jogginghose, die zwar meiner Figur schmeichelt, aber doch eine Geschichte von nicht tolerierbarem Müßiggang erzählt.

Ich gehe also am Freitagabend einkaufen. Ich fahre mit dem Rad die zwei Straßen hinunter, die Haare wehen im Wind, die Tüten liegen der Befüllung harrend im Körbchen.

Dank eines entzückenden Twitterers stehe ich nun immerhin nicht mehr vor dem Problem, keine Einkaufswagenchips mehr zu besitzen. Er schenkte mir 500 Stück, passend zu meinem Nagellack. 500 Stück – da kann ich bei meiner Verlustquote rund 187-mal von Einkaufen gehen.

500 Einkaufswagenchips - nur für mich!

500 Einkaufswagenchips – nur für mich!

Ich kann nicht besonders gut schätzen und so geschieht es, dass ich im Supermarkt immer wieder vergesse, dass ich nur mit dem Rad da bin. Mittlerweile habe ich eine Tragetechnik für das Fahrrad entwickelt, die alle Backpacker in entzücktes Jauchzen verfallen lassen sollte. Meine Mutter, die vor einer Woche bei mir zu Besuch war, zeigte sich zumindest angemessen begeistert von meiner Art und Weise, den Einkauf in den Griff zu bekommen.

Freitagabends, da bin ich mittlerweile sicher, treffen sich sehr viele merkwürdige Gestalten im Netto an der Max-Liebermann-Straße. An sich habe ich die Vermutung, dass der Freitagabend kein guter Zeitpunkt zum Einkaufen ist.

Mütter, die noch schnell mit ihrem Nachwuchs die Reste einkaufen, bevor Vattern kommt. Vattern, der auf dem Heimweg per SMS noch schnell gesagt bekommt, dass die Pampers aus sind und er doch „noch eben“ welche besorgen soll. Schlagt ruhig die Hände über dem Kopf zusammen, aber: Beim Freitagabendeinkauf sind die Rollen ziemlich traditionell und nicht sonderlich fortschrittlich verteilt. Dazwischen, zwischen den obigen und mir, sehen wir dann noch die Rentner, die tatsächlich zu jeder Tages- und Nachtzeit die Märkte dieser Republik bevölkern. Weil sie es können.

Nun, der Einkauf geht bei mir nicht wirklich schnell. Sicherlich: Ich könnte Einkaufszettel schreiben. Das tue ich sogar hin und wieder. Aber ich lasse sie immer zuhause liegen. Dort bringen sie mir sehr wenig und gehen dann schnell den Weg eines jeden Stücks Altpapier. Ich könnte – natürlich – auch eine App verwenden. Aber das ist für mich irgendwie keine Lösung. Fragt nicht!

Und so stehe ich mitunter zehn Minuten am Gemüseregal und diskutiere in einem hitzigen Dialog mit mir selber, ob und welche Tomaten ich kaufe und warum ich es – verdammt noch einmal! – es wieder nicht geschafft habe, auf den Wochenmarkt zu gehen.

Ja, ich bin nicht sonderlich gut, wenn es darum geht, in meinem Privatleben Entscheidungen zu treffen. Meine gewöhnliche Antwort auf „Sag Du“ ist: „Ich entschied gestern, welcher Text den ganzen Tag oben auf der Seite stehen soll. Das muss reichen.“ Beim Einkaufen gibt es leider Niemanden, dem ich meine Entscheidungen aufdrücken könnte. Obwohl ich hin und wieder schon geneigt bin, wildfremde Menschen anzusprechen und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Aber man möchte ja nicht wunderlich wirken.

Schlimm wird es auch, wenn es nicht das gibt, was ich brauche. Der geneigte Leser weiß, dass ich strukturkonservativ bin. Vor einiger Zeit gab es meinen bevorzugten Orangensaft nicht mehr. Ich reagiere allergisch auf Zitrusfrüchte – und wenn ich schon unansehliche Pusteln bekomme, dann soll es sich auch lohnen. Ich stand also vor dem Kühlregal, in dem sonst der O-Saft steht. Da war aber ein Loch und ein Nichts. Nein, ich weinte nicht. Aber ich schluckte schwer und grummelte so böse in mich hinein, dass ich mich im Nachhinein für dieses emotionalen Ausbruch vor dem Frischeregal schäme.

Wenn ich dann an der Kasse, angstvoll auf die Mengen an Waren und Weinflaschen blickend, stehe, wartet schon die nächste Einkaufsschwierigkeit. Den Mann hinter mir, der nur Bier und Tiefkühlpizza hat, vorlassen – oder nicht? Ich lasse häufig Menschen vor. Ich versuche, mein Karma irgendwie auszugleichen. Aber es kommt immer wieder vor, dass diese Menschen einem ein Gespräch aufzwingen wollen (Dankbar- und Einsamkeit), während ich noch beschämt mein Klopapier (extraweich) und meine Tampons (unter dem Kochschinken versteckt) auf das Kassenband lege. Ich möchte nur ungern über das Wetter reden, während der mir unbekannte Mensch ganz so nebenbei meine Tampongröße erfährt.

Und wenn ich dann, das Fahrrad bepackt wie ein Lastenesel und ich schnaufend wie eine defekte Waschmaschine, die Straße wieder nach Hause hinauf schiebe, bin ich nur sehr froh, dass ich es hinter mich gebracht habe und ich weitere Neurosen befriedigen kann. Denn das allerschönste am erledigten Einkauf ist doch, wenn die Joghurt-Schublade und das Käse-Regal wieder aufgefüllt sind und ich mich wie ein erwachsener Selbstversorger fühlen kann.

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2 Kommentare zu “… und zum Ende ist die Joghurtschublade wieder voll

  1. Wie ich es kenne. Ich muss zwar nur einmal um die Ecke um zum von mir äußerst negativ beliebten (und keimigen) Rewe zu gelangen, doch ich geh da hin. Widerwillig. Es gibt aber auch Tage, meistens Samstage, wo ich es so lange hinauszögere, bis zu ist. Das sind dann auch noch Tage, an denen ich dann weder Brot oder Brötchen für den Sonntag, noch für den Montag habe.
    Aber selbst wenn ich einkaufen gewesen sein sollte, irgendwas fehlt ja doch immer. Und sei es eben nur die Wattestäbchen…

  2. Ich bin leidenschaftlicher Lebensmittelshopper. Als ich noch in Gohlis lebte, ist mir das mit dem Vergessen-wieviel-man-tragen-kann andauernd passiert, zum Amusement meiner Umwelt. Aber seit man mir letzten Sommer (mittlerwiele in Lindenau ansässig) ein neues Kaufland vor die Nase gesetzt hat, kann ich mich ruhigen Gewissens überladen, weil es ja keine 100m sind. Und ich bin im siebten Auswahlhimmel – K-Classic oder doch lieber der Serrano für das Fünffache? (mein Portmonee beantwortet solche Fragen für gewöhnlich von alleine – der Nachteil des Lochs zwischen Studium und Berufsleben).

    Noch lebe ich in der glücklichen Situation, mir die Tageszeit des Einkaufs aussuchen zu können (der Vorteil des Lochs zwischen Uni und Job :D), weswegen ich meist den frühen Nachmittag wähle. Da machen die Ommas und Oppas Mittagsschlaf, die Schüler haben sich ihre Vita Cola und Chips schon geholt und man hat im Kaufland einen praktikablen Handlungsradius.

    Und gut zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die ihre Damenhygieneartikel an der Kasse bestmöglich zu verstecken versucht-

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