Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Fahrradfahren

8 Kommentare

Schon häufig mit dem Fahrrad langgefahren. Alles für das große Ziel!

Schon häufig mit dem Fahrrad langgefahren. Alles für das große Ziel!

Ich gebe es zu: Ich sehe auf dem Fahrrad grausam aus. Wie bei jeder körperlichen Betätigung habe ich sofort ein rotes Gesicht, das nicht einmal mehr als niedlich bezeichnet werden kann. Ich werde nach einer Stufe, 137 Metern oder drei Liegestütze zu einer Art Reinkarnation von Dr Zoidberg – dem Krebs aus Futurama, für alle Ungläubigen.

Das rote Gesicht ist das grausame Erbe meiner Familie. Auch andere Familienmitglieder leiden darunter. Dabei habe ich es noch gut getroffen. Mein Cousin hat immer sehr rote Ohren – und die sind auch sehr groß. Das sieht zu den roten Haaren nicht immer stilvoll aus. Ein ehemaliger Bekannter meiner Mutter wurde DBLO genannt, was für „Dickste Blubbe, lüttjeste Oohren“ steht – „Dickster Kopf, kleinste Ohren“. Auch ein Schicksal.

Und ich, ich werde bei körperlicher Betätigung eben sehr schnell rot. Da ich leider nie braun werde, schwankt meine Gesichtsfarbe also zwischen Leichenblässe und Herzinfarktrot. Umrahmt wird all das von braunen Haaren, die nach drei Metern auf dem Fahrrad das Wort „Frisur“ auch nicht mehr buchstabieren können. Prinzipiell sollte ich das Fahrradfahren also lassen.

Aber das geht natürlich nicht. Während ich morgens noch ganz ruhig und mit Vorsicht (die Frisur!) zur Arbeit mehr rollere denn fahre, rase ich abends heimwärts. Für das größere Ziel. Denn auch wenn ich auf dem Rad und auch die rund 37 Minuten danach mehr als derangiert aussehe, so glaube ich doch, dass das Fahrradfahren mich in so 15 Jahren zu einer hammerscharfen Ihsche macht. Irgendwie eine MILF. Oder so.

So ist es ja mit allen Dingen, die im ersten Moment durchaus fragwürdig erscheinen. Wenn wir am Abend – um noch ein Beispiel zu nennen – Salat essen, obwohl der Sinn nach Döner mit Extrasauce und Extrakäse und bitte Fleisch bis zum Mir-fällt-alles-in-den-Ausschnitt steht. Natürlich mag ich auch Salat, aber hin und wieder esse ich ihn nur aus Vernunftgründen. Weil es im Moment nicht glücklich macht, aber ich bestimmt in einer Woche reinere Haut habe und mit 73 Jahren keine Kalkablagerungen in irgendwelchen Gefäßen habe, von denen ich nicht einmal im Bio-Unterricht hörte.

Aber zurück zum Radfahren. Das ist nun, wo der Frühling dem Winter endgültig darniedergestreckt hat, ein wichtiges Thema. Mein Aussehen ist für die Menschheit dabei nur zweitrangig, wenn für mich auch erstrangig. Der geneigte Leser weiß, dass meine Röcke hin und wieder in schamverletzender Weise kurz sind – das stelle, lieber Leser, sich nun einmal vor. Ich myokardinalinfarktisch-rot, die Haare abstehend, als wären ein Kamm und Haarspray Amok gelaufen, dazu am Stückchen Stoff zubbelnd, das eigentlich irgendwie meine Beine und meinen Hintern bedenken soll; eine Hand dazu am Lenker, den Blick angstvoll auf die Straße gerichtet, weil die Bremsen hin und wieder ein kaprioleskes Eigenleben führen.

Hin und wieder komme ich aber dennoch dazu, mir die anderen Radfahrer anzusehen. Es frustriert mich zutiefst. Die meisten sehen dabei in keinster Weise verstört aus. Die Haare perfekt, das Gesicht in Farben, die Photoshop überflüssig machen. Sie fahren locker herum, die Kette knirscht nicht (meine knirscht ständig oder springt ab oder macht einfach nicht das, was sie soll) und während ich hoffe, dass sich mein Fahrradfahren in Jahrzehnten einmal auszahlt, sehen sie so aus, als hätten sie schon die Gebärmutter mit dem Rad bereist. Es macht mich müde.

Immer wieder rede ich mir ein, dass ich in 18 Jahren lachen werde, wenn mein Hintern steht wie eine Eins, weil ich immer die doofe Straße mit dem Kopfsteinpflaster heraufrase. Und die anderen sind dann unattraktiv. Und dann weiß ich, dass das Schwachsinn ist, weil ja auch diese Menschen gerade fahren. Und dann werde ich nicht nur müde, sondern auch traurig.

Die einzige Freude erlebe ich am Donnerstag und Dienstag. Dann treffen sich am Nordplatz die Weight Watchers. Und während ich krebsesk die Straße hinuntergejagt komme, sehe ich häufig wie die Straßenbahn hält und dann die Weight Watchers aus der Bahn steigen, die Straße überqueren und zu ihrem Treffen gehen. Ich empfinde es immer als widersinnig. Da fährt man mit der Bahn zu einem Treffen, bei dem es um das Abnehmen geht. Wie viel Punkte erlaubt einem Radfahren?

Aber ach, ich sollte einfach meiner Wege fahren und mir einreden, dass den Menschen, die ich überhole, mein rotes Gesicht nicht auffällt und sie denken: „Wow, ist die schnell und perfekt. Und solch einen Hintern möchte ich vom Radfahren auch bekommen.“ Ja, das denke ich mir nun.

Und in eigener Sache: Mal hier klicken, auf Platz 2 gucken und lächeln. Danke für alles!

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8 Kommentare zu “Das Fahrradfahren

  1. Eine Stunde Rad fahren, mittleres Intensitätsniveau sind 4 Punkte nach WWPP2.0. Ein besseres Fahrrad, auf dem du sportlicher als dein Namensvetter („Ulle“ Ullrich) aussiehst, baut dir dein Bruder gerne 😉

  2. Ich kann echt froh sein, dass ich nicht rot anlaufe – nur eventuell von Alkohol. Aber meine Haare … ein Trauerspiel auf dem Drahtesel.

    Fahrradfahren wird uns beide aber fit halten. Ganz bestimmt!

  3. Schöner Blogeintrag.
    Mir geht es durchaus ähnlich.. bin nicht sonderlich ästhetisch gebaut und werde bei ungefähr JEDER Gelegenheit puterrot.. selten hat das auch mit Scham zu tun aber jegliche Körperliche Aktivität (die ich in letzter Zeit häufiger Versuche in meinen Alltag zu integrieren) lässt mich wie du sagst „herzinfakt-rot“ werden..
    Schicksal… Wir schließen uns zusammen!

  4. Zauberhaft-sympathischer Eintrag! 🙂

    Ich habe die Radsaison am Montag gleich mal mit einer Fahrradtour eingeweiht. Wenn ich deinen Text so lese, fühle ich mich mit meinen Haaren, die vom Radfahren erst so richtig schön Volumen bekommen, und mit meinem Hang dazu, den Elberadweg und ähnliche Großstrecken zu bezwingen, fast schon wie jemand, der Schuld hat (das mit der Gesichtsfarbe kenne ich aber auch gut) … aber bleibe dran, es gibt keinen besseren, in den Alltag integrierbaren Sport als das Radeln! Und unser aller liebster Wohnort Leipzig macht es einem auch ziemlich leicht, dankenswerter Weise.

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