Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Einkaufssoziologie

6 Kommentare

Ich bin neugierig. Das gehört zu meinem Job. Ohne Neugierde keine guten Geschichten. Das ist ja wohl klar. Manchmal überdrehe ich aber auch ein wenig. An der Kasse des Supermarktes beispielsweise. Ich schaue so ungeniert auf die Einkäufe meiner Mitmenschen, dass jeder andere rot werden würde. Einkaufssoziologie nenne ich diese Wissenschaft. Ich zeichne ein Bild von der einkaufenden Menge Menschen vor und hinter mir.

Gegen Abend nämlich, kurz bevor der Laden schliesst also, treffe ich vor allen Dingen junge Männer an. Chips und Bier stellen sie auf das Band. Dazu oftmals noch eine Spindel Rohlinge. Es sind die wichtigen Einkäufe vor einem richtigen Männerabend alleine auf dem Sofa – der Kontakt zur Verkäuferin ist der letzte soziale Kontakt des Abends. Oftmals. Der Augenkontakt zur Pornodarstellerin auf dem 120 Zoll-Bildschirm zählt nämlich nicht (wahrscheinlich gibt es dieses Maß gar nicht. Fernseher interessieren mich so vom technischen Standpunkt aus allerdinga auch nur gar nicht).

Vormittags – so gegen 11 Uhr – vermeide ich es, einzukaufen. Die jungen Mütter mit ihren Maximilian-Kevins (ein kläglicher Versuch sich aus der Kaste herauszubewegen, in der man sich befindet – und sich von den anderen Kevins dieser Welt abzusetzen) in diesen Gummischuhen, deren ästhetischer Wert sich mir wohl nie erschliessen wird – ich ertrage es kaum. Das schöne daran ist nur, dass die Obst- und Gemüseabteilung von diesen Menschen nicht aufgesucht wird. Keine angedetschten Auberginen, keine braungedrückten Champignons, keine auf den Boden gekullerten Kirschen behindern meinen Einkauf. Gehe ich allerdings am Süßigkeiten-Regal vorbei, ist es auch mit der Ruhe vorbei. Maximilian schreit zum Steinerweichen, er möchte unbedingt das pinke Spongebob-Esspapier haben. Und an der Kasse schreit es um einen herum, dass auch ich darüber nachdenke, mich auf den Boden zu werfen und einfach mitzumachen. (Ich habe nichts gegen Kinder. Ich liebe Kinder. Aber … puh!) Das Esspapier hat es meist wirklich in den Einkaufswagen geschafft (Konsequenz und Maximilian-Kevin schliessen sich aus), dazu Chips, Pommes, Biskin für die Friteuse, Cordon Bleus, Dosenpfirsische, Fertig-Obstboden. Meist wird noch das Gitter ratternd an der Kasse hinaufbewegt. Die Stange Billig-Zigaretten muss sein. Bezahlt wird – natürlich – mit Kleingeld.

Gegen Mittag ist es im Supermarkt am angenehmsten. Die Mütter sind mit ihren Kindern durch das RTL-Mittagsprogramm abgelenkt (so wie es übrigens auch vor kurzem war: Die Plattenbau-Diät beanspruchte all meine Aufmerksamkeit über unglaubliche fünf Tage), die Junggesellen entweder bei der Arbeit oder noch im Tiefschlaf. Nur nette Omis, die es morgens wegen eines Arzttermins nicht in den Supermarkt geschafft haben, bewegen sich durch die Gänge, sind freundlich, sagen „Moin“ und ich kann all meinen Liebreiz versprühen, in dem ich mich mit ihnen an der Käsetheke auf platt über die übervollen Wartezimmer des Dorfarztes aufrege. Mittags im ostfriesischen Supermarkt ist die Welt noch in Ordnung. Die älteren Damen kaufen Obst und Gemüse, eine Tafel Schokolade für die Enkel, die sie viel zu selten besuchen kommen, eine Flasche Klosterfrau Melissengeist („Ich trinke nicht, aber ohne ein Gläschen Klosterfrau kann ich einfach nicht einschlafen…“). An der Kasse machen sie mit den bleichen Händen ihr viel zu großes Portemonnaie auf, suchen mit spitzen Fingern, ob sie die 19,78 Euro nicht eventuell passend haben und zücken dann doch den 50 Euro Schein: „Eigentlich wollte ich den noch gar nicht anbrechen.“

Eigentlich ist es auch Morgens so. Dann sind es nicht die älteren Damen, dann sind es die Hausfrauen, deren Kinder in der Schule sind oder bereits Ostfriesland in Richtung „Hier ist mehr los“ verlassen haben. Gegen acht kommen sie mit den Holzkörben auf dem Fahrrad zum Supermarkt. Die Luft ist kalt und klar, die Sonne scheint vom makellosen Himmel, die Ketten der Fahräder machen ein surrendes Geräusch. Nach dem Einkauf guckt Porree aus dem sorgsam am Gepäckträger festgezurrten Korb, Kartoffeln sind darin, eine Tüte vom Schlachter. Frische Brötchen, Radieschen und eine Fernsehzeitschrift runden das Bild ab.

All das gilt übrigens am Wochenende nicht. Dann kann man gar nicht einkaufen gehen. Dann schieben sich schlechtgelaunte Menschen durch die viel zu schmalen Gänge, Champignons kullern über den Boden, an der Fleischtheke stauen sich die Menschen bis zum Käsestand und an den fünf geöffneten Kassen stehen Paare, die merken müssen, dass gemeinsam einkaufen keine Gemeinsamkeit ist.

Als ich übrigens über diesen Artikel nachdachte, dabei Einkaufen ging, danach auf meine Einkäufe sah, fiel mir auf: Die Leute müssen mich mich für einen Öko halten. Für einen Öko, der gerne Carrie Bradshaw wäre. Gut, dass ich kein Patschuli als Parfüm habe (und vielleicht fühlt sich ja der ein oder andere ermutigt, seine Einkäufe zu zeigen…).

Mein Einkauf am Donnerstag, den 28. Oktober…

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6 Kommentare zu “Einkaufssoziologie

  1. Aha. Es wird also doch beobachtet!

    Nunja, da ich das selbst immer mache, weiß ich das eigentlich genau. Nur seitdem ich mal ein Kilo Hackfleisch, eine Flasche Vodka und eine Dose Rasierschaum gekauft habe, ist mir allerdings nichts mehr peinlich!

    Und meinen nächsten Einkauf poste ich irgendwo, wo ich noch nicht mein Profil gelöscht habe 😉

  2. Ein wahrer Öko kauft nicht im Supermarkt ein.

  3. Ich muss auch Samstags einkaufen, weil ich es unter der Woche nicht schaffe (oder nur unter Stress). Natürlich bin ich dann schlecht gelaunt, wenn ich 15 Minuten an der Flaschenrückgabe warten muss, Omas auf den vollen Gängen aus Lust und Laune heraus einfach stehen bleiben und ständig jemand vor einem am Regal steht. Aber was soll man machen, wann anders geht halt nicht (auch Dank der tollen Ladenöffnungszeiten in Bayern).

    Meine Beobachtung aber: Während der Bundesliga ist der Frauenanteil im Supermarkt signifikant höher.

    PS: Du kaufst ja wirklich Milch in Flaschen! Aber dann das Zeug schön im Auto nach Hause fahren, ja ja.

  4. Ich gucke den Leuten auch immer aufs Laufband! Heute erst wieder im Bio-Supermarkt (ja, ich bin bekennende Bio-Hedonistin seit Jahrzehnten, seit meiner Mitgliedschaft in einer Food Co-Op…). Hinter mir ein Männer-Paar (?), jedenfalls lagen zwei Riesen-Fleischtüten vom Öko-Schlachter auf dem Band, ein enormer Einkauf, der auf mindestens Großfamilie tippen ließ und auf eine Abendeinladung mit Pot au feu. Meine Phantasie in der Kassenschlange immer ziemlich rege.

    Aber es gibt ja auch genügend Freak Show in der Bio-Supermarkt-Schlange. Dort heißen die Maximilian-Kevins natürlich Leon-Paul und kriegen selbstredend kein pinkes Esspapier in den Wagen, werden dafür aber bei an jeder Apfelkiste gefragt, ob sie lieber Gravensteiner oder Rubinette wollen. Was sie natürlich nicht minder kevinlike mit Genöle und Geplärre und Herumgelaufe quittieren. (Ich bin kinderlos und für die konsequente Benutzung des Kindersitzes im Einkaufswagen, wie Sie sehen!)

    Ja, und meine eigene Freak Show auf dem Laufband? Sechs verschiedene Vollkornbrötchen, ein Möhrenbrot, Milchtüten, zwei Mal derselbe Oliven-Tomaten-Käse und ein paar Wiener. Ich habe über mich selbst so vor mich hingedacht: Ach, da könntest du auch so eine richtige Familienmutti sein, die die Basics für die Sippe kauft. Aber nix da – ich exportiere ja gnadenlos gute Lebensmittel nach Kaufland-Town FFO, insbesondere wenn ich dort womöglich zwei Wochen am Stück sein muss. Deshalb auch zwei Mal identischer Käse.

    Bitte bleiben Sie übrigens auch künftig der schreibenden Zunft erhalten, sofern finanziell möglich und realistisch. Ich mag Ihre gut geschriebenen Geschichten sehr – und Ihr Video vom Schwebebalken-Selbstversuch war köstlich und zeugt von Ihrer Unerschrockenheit, auch selbst in Ihren beruflichen Geschichten präsent zu sein. Nicht nur bei Wasser-Fällen…

    • Danke für die lieben Worte. Ich bin aber sehr sicher, dass Leon-Paul sehr viel lieber das pinke Spongebob-Esspapier hätte, als sich zwischen Gravensteiner und Rubinette zu entscheiden.

      Möhrenbrot? Wo gibt es das? Das klingt sehr, sehr, sehr lecker. Ich esse gerne Brot, kaufe es aber nicht im Supermarkt, sondern beim Dorfbäcker meines Vertrauens.

  5. Hihihi. Also ich betrete den Supermarkt ebenfalls vorzugsweise um die Mittagszeit, wenn die Rentner nach dem Mittagessen schlafen und die anderen nervigen Kinder sowie meine eigenen, im Supermarkt ebenfalls nervigen Kinder, schön woanders sind. MIT Kindern gehe ich nur im äussersten Notfall einkaufen.

    Und hallo, ich gucke kein RTL Mittagsprogramm!

    Viele Grüsse! Christine

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