Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Säulen meiner Erde

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So schön. Kann das bitte so bleiben?

So schön. Kann das bitte so bleiben?

Der regelmäßige Leser weiß viel von mir. Dass ich Milchreis hasse und Frikadellen liebe. Beispielsweise. Dass ich keine Schubladen mag, weil man dort nie das findet, was man sucht. Und dass mein Lieblingsfußballverein Newcastle United heißt und mich manchmal sehr glücklich und manchmal sehr traurig macht.

Was der Leser meines Blogs auch weiß: Meine Welt besteht aus einfachen Säulen. Ich glaube an den Puddingismus, der besagt, dass die Welt nicht schlecht sein kann, wenn es denn noch warmen Pudding gibt. Ich gehöre der Glaubensrichtung des Eskapismus an und sehe in jedem Mineralwasser vor allem die prickelnden Blasen. Männer unterteile ich in Steak, Pudding und nüscht und das Wollen, Brauchen und Ziegenfrischkäse begleiten all meine Entscheidungen.

All diese Säulen stehen nicht auf einer Schildkröte, wie man nun meinen könnte, sie stehen auf den Grundfesten des Strukturkonservatismus. Oh ja! Ein langes Wort. Ein Wort, das manchen erschrecken wird. Konservativ klingt nach Mottenkugeln, Struktur nach Matheunterricht in der sechsten Stunde. Grauseliges entsteht im Kopf.

Aber ich, ich bin überzeugte Strukturkonservative. Manche mögen es leicht neurotisch finden, ich fühle mich allerdings ganz wohl auf dem Boden all meiner Säulen. Denn – und das macht den Strukturkonservatismus aus – da weiß ich, wo alles ist.

Dabei geht es weniger um dingliche .. naja… Dinge. Also auch. Aber nicht nur.

Ich mag keine Veränderungen. Wobei auch das wieder nicht stimmt. Ich mag sie. Aber ich muss sie wollen. Und zwar richtig. Ein Beispiel ist dieser Blog. Eigentlich hat der Festhaltefreund gesagt, er würde mir den „schön“ machen. Und mir eine richtige Domain besorgen. Und alles ganz schön und ullesk machen. Mit tollen Bildern und einem neuen Namen, weil ich ja einfach kein Girl mehr bin. Aber der Blog heißt seit 2007 so – das sind jetzt bald sechs Jahre. Ich kann das nicht EINFACH SO ändern. Und deswegen schmatzte ich das „Ja“ undeutlich, als er sagte: „Wir machen Deinen Blog schön.“

Als der Chef vor einiger Zeit ansprach, dass wir unsere Schreibtische vielleicht anders hinstellen müssen, um einen weiteren Tisch unterzubringen, wurde mir ganz heiß, warm und dann schlecht. Ich habe da jetzt doch meine Rollecke, den richtigen Abstand zur Wand und mein Chaos – das darf sich nicht ändern!

Denn nur weil man strukturkonservativ ist, heißt das nicht, dass man nicht kreative Denken und die Freiheit liebt. Wahre Freiheit und wahres kreatives Denken können nur auf dem Boden des Strukturkonservatismus entstehen. Er ist die weiche Schaumstoffmatratze unter den Höhenflügen des Eskapismus und der merkwürdigen Gedanken. Der Platz, an dem Drachen im Herbst festgemacht werden, damit sie nicht komplett in die Gewitterwolke fliegen und dort zerstört werden.

Ja, mir reicht das als Freiraum in meinem Leben. Ich liebe den Gedanken zu wissen, wo am Sonnabendmorgen mein Kaffee steht. Wo das Büro ist, in dem ich arbeite. Dass die niedrigen Gänge bei meinem Fahrrad nicht funktionieren, dafür die Klingel aber laut ist. Ich mag sogar den Hausmeister, der jeden Dienstag ab sechs Uhr in der Früh das Treppenhaus wischt und einen enormen Lärm veranstaltet, damit jeder merkt, dass er gerade arbeitet. Wenn er dienstags mal nicht da ist, werde ich nervös.

Das sind Dinge, an denen man sich im Leben entlang hangeln kann. Und – zur Not – festhalten kann. Wenn nichts mehr funktioniert, dann kommt wenigstens der Hausmeister am Dienstag (es ist übrigens egal, ob er putzt oder nicht). Dann liegt wenigstens der Kaffee an seinem Platz. Dann ist immerhin die Klingel am Fahrrad laut. Dann ist immerhin das Büro da, wo es ist. Und nein, fragt bitte nicht, was passiert, wenn das irgendwann nicht mehr so ist – der Gedanke erfüllt mich mit schnappatmender Panik.

Und vielleicht mag der ein oder andere das auch spießig finden. Aber wenn es mir mal den Boden unter den Füßen wegzieht, dann habe ich etwas zum Festhalten. Und sei es nur meine Fahrradklingel.

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