Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Trial And Richtig

4 Kommentare

Viel lieber hätte ich das Bild ohne die Menschen gemacht - muss ich mit leben.

Viel lieber hätte ich das Bild ohne die Menschen gemacht – muss ich mit leben.

In der vergangenen Woche schrieb ich über meinen wöchentlichen Einkauf und die Entscheidungsschwierigkeiten, die damit zusammenhängen. Rote Tomaten oder gelbe, lieber den Käse oder einen anderen – und wenn ich jetzt das statt dem kaufe und zuhause merke, dass meine Entscheidung nicht richtig war – was mache ich dann? Dieses ganze unfassbar komplexe Thema geht ja vor allem auf den einen Punkt zurück: man, ich, möchte keine Fehler machen. Nie.

George Bernard Shaw, ein irischer Schriftsteller, der auch viele Fehler machte (er war begeisterter Anhänger der Eugenik und befürwortete die Zwangskollektivierung in der UdSSR), sagte über die Fehler

„Ein Leben, das jemand damit verbringt, Fehler zu machen, ist nicht nur ehrenvoller, sondern auch nutzbringender als ein Leben, das mit Nichtstun verbracht wird.“

Und daran halte ich mich. Nicht gern, eher unfreiwillig. Aber immer wieder dann, wenn ich im Scherbenhaufen meiner Entscheidungen sitze (Ziegenkäse da, aber kein Camembert), sage ich mir, dass ich vielleicht unglücklich aussehe – die Mundwinkel nach unten, die fragwürdig-aussehenden Lippen (so einst eine Friseurin) verkniffen, die Augen zweifelverhangen – aber dabei immerhin ehrenvoll bin. Und was kann eine Frau mehr wollen, die von ihrer 86 Jahre alten Nachbarin misstrauisch beäugt wird, weil sie mit Anfang 30 immer noch nicht verheiratet, geschwängert und strähnchenbefärbt ist?

Und wenn ich auch jetzt, nach dem Einkauf, mehr Lust auf den Camembert habe, so kann es doch auch morgen ganz anders aussehen und ich habe Appetit auf gebackenen Ziegenkäse mit Honig. Dann wäre mein Fehler nur ein temporärer Fehler, der auf der uneinschätzbaren Lage des Appetits beruht. Also kein Fehler, sondern nur ein kurzzeitiges Wirrtum.

Es gibt natürlich andere Fehler, die sich nicht so einfach beheben oder drehen und wenden lassen. Manche Entscheidungen sind eben einfach falsch. Da vertraut man jemandem etwas an, um danach zu erfahren, dass man nicht nur dumm, sondern auch gutgläubig war und wohl naiv wie ein Mondkalb geguckt haben muss. Fehler eben. Oder man entscheidet sich für den einen Weg und nicht für den anderen und merkt erst auf halber Strecke, dass die Pumps sich im Disteldickicht nicht so gut machen.

Mein ehemaliger Arbeitgeber, vor allem der Chef in Form eines kleinen Mannes, hatte sein ganzes Unternehmen auf dem Trial and Error-Prinzip (also Versuch und Irrtum) aufgebaut. Das ist ungefähr die Art, wie ich Sudoku-Rätsel löse oder Wimmelbildspiele spiele. Beim Sudoku gebe ich irgendwelche Zahlen ein und hoffe auf eine Trefferquote von 17,3 Prozent. Bei Wimmelbildspielen lege ich meinen promiskuitiv-rot lackierten Fingernagel so häufig auf das iPad, bis ich die Bilder gefunden habe. Ich bin nicht sonderlich geduldig und hasse es, wie eine Irre auf das Tablet zu starren. Deswegen mache ich es so.

Meine Fehlerquote ist dabei natürlich extrem hoch. Vermutlich steht die frustrierende Zahl von rund 83,7 Prozent stellvertretend für den Rest meines Lebens. Den ersten Fehler mache ich schon morgens beim Aufwachsen. Statt frohgemut aus dem Bett zu springen, drücke ich gefühlte dreihundertmal auf Snooze. Das „oo“ in Snooze steht für Oolrike. Schlafforscher brechen dabei vermutlich in Tränen aus, weil es ein Fehler ist und meine schlechte Laune, die mich bis ungefähr 10.23 Uhr umtreibt, darin gegründet ist. Der nächste Fehler kommt dann unter der Dusche, weil ich mich ausnahmsweise sieben Tage die Woche dagegen entscheide, mich eiskalt abzuduschen. Manch sozialer Kontakt am Tag wird dann als Ausgleich dafür betrachtet.

Verlasse ich das Haus, fällt mir dann am Fahrrad ein, dass ich den Müllbeutel vergessen habe. Und so stehe ich dann rund eine Minute hadernd im Innenhof, wende mich zur Tür, wende mich ab – und fahre dann doch, ohne noch einmal in die Wohnung gegangen zu sein, um den Beutel zu holen. Im Sommer bedanken sich die Fruchtfliegen für meine Geburtshilfe, im Winter rede ich mir ein, dass der Müll sicherlich Wärme entwickelt hat und mir etwas Heizkosten sparte (ich sag nur: Müllkraftwerke! Gibt es bei Sim City.).

In unserer Bürogemeinschaft rege ich mich dann über Dinge auf, die ich nicht ändern kann. Was ebenfalls ein Fehler ist. Ich erspare dem geneigten Leser nun ein weiteres Fortlaufen dieser ermüdenden Aufzählung; die Intention sollte klar sein. Immerhin: Der Abend endet damit, dass ich das Wasser in der Wärmflasche zu heiß mache und mir meine Füße verbrenne. Immer. Wieder.

Natürlich gibt es auch durchaus produktive Fehler. Ich backe beispielsweise nie nach Rezept. ich backe immer irgendwie und nach Gefühl. Seltenst beschwerte man sich. Während also selbst ernannte Experten in ihren pinken Blogs predigen, beim Backen müsse man sich ganz genau an die Mengenangaben halten, weil sonst nichts funktioniert, kippe und rühre ich, begutachte Farbe und Konsistenz des Teiges wie manch stuhlfixierter Hypochonder den Toiletteninhalt und denke, dass es wohl werden wird. Und es wird immer. Backen ist Trial And Richtig.

Und natürlich mache ich nicht nur Fehler, manche Dinge habe ich auch richtig gemacht – meine Fehlerquote liegt ja nur bei 83,7 Prozent. Ich habe die richtigen Menschen in meinem Leben behalten und die falschen hinausgekickt. Ich habe gestern Zitronen-Buttermilch-Joghurt gekauft, über den ich mich jetzt sehr freue und der mich glücklich macht. Ich habe den coolsten Job der Welt, den mir auch die Bürogemeinschaft mit ihrem tetris-ösen Mülleimerberg nicht vermiesen kann.

Und weil George Bernard Shaw zumindest in einem Punkt richtig lag, werde ich mich morgen, wenn der Wecker zum 53. Mal klingelt, umdrehen, glücklich meine Decke über die Ohren ziehen und denken: „Es ist vielleicht falsch, was ich gerade tue, aber ich bin dabei verdammt ehrenvoll.“

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4 Kommentare zu “Trial And Richtig

  1. Großartig! „Und so stehe ich dann rund eine Minute hadernd im Innenhof, wende mich zur Tür, wende mich ab“ – und ich dachte immer, das passiert nur mir 😉

    Grüße aus dem Allgäu!

    Erika
    ulligunde.com

  2. Mit Menschen ist das Bild aber interessanter.

    Zu den Fehlern und dem Leben, dass man nicht mit Nichtstun verbringen sollte:

    In manchen Lebensbereichen ist es einfach so, dass einmal gemachte Fehler nicht wieder ausgeglichen werden können. Einem Arzt, dem ein Fehler unterläuft, stirbt im schlimmsten Fall ein Patient; Ein unvorbereiteter Bergsteiger, nimmt einen ungeeigneten Pass und stürzt – evtl. mit BergsteigerkollegInnen – ab …. Im (sonstigen) Leben kann und sollte man aber mutig sein und auch das Risiko eines Fehlers eingehen. Wenn jemand vor lauter Angst einen Fehler zu begehen gar nichts mehr tut liegt das sicherlich am jeweiligen Persönlichkeitsbild.

    Inwiefern man bereit ist Risiken einzugehen ist also vom jeweiligen Kontext abhängig und ob man „nur“ für sich Verantwortung trägt oder auch für andere. Einmal kein Risiko einzugehen kann wesentlich ehrenvoller und nutzbringender sein, also einfach drauf los zu stürzen.

    Oder?

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