Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das große Aufräumen

3 Kommentare

Straßenkunst.

Straßenkunst.

Ich bin eine Chaotin. Was okee wäre, würde ich mich in meinem privaten Leben nicht einer gewissen Faulheit hingeben. Und so gehe ich manchmal in die Küche, ohne meinen leeren Becher vom Schreibtisch mitzunehmen. Oder laufe dreimal am Wäscheständer vorbei, ohne etwas abzuhängen und in die Kommode zu legen. Und das Handtuch liegt viel zu häufig zusammengeknüllt auf dem Sessel und hängt nicht über der Heizung – und das, obwohl es zu den schönsten Dingen im Leben gehört, sich nach dem Duschen in ein warmes Handtuch einzurollen (und nicht nackt und nass ins Schlafzimmer zu rutschen, zu merken, dass das Handtuch auf dem Sessel liegt, noch feucht ist, und störend angekühlt in der Kommode nach einem neuen Handtuch zu suchen).

Ich bewundere Menschen, die ordentlich sind. Mein Umfeld und mein Inneres befinden sich meist in einem Zustand, der durchaus als „unübersichtlich“ zu beschreiben ist.

Das ist allerdings auch kein Wunder, weil: siehe oben. Handtuch. Becher. Wäscheständer. Spätestens nach dem dritten Mal am-Becher-vorbeilaufen, überkommt mich das schlechte Gewissen. Manchmal gehe ich die drei Schritte wieder zurück, manchmal nehme ich mir fest vor, beim vierten Mal aber endlich den Becher in die Küche zu nehmen und ihn dann auch in die Geschirrspülmaschine zu stellen; das ist dann bereits Schritt zwei und drei. Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zur Ordnung.

Hin und wieder überkommt mich dann das große Räumen und ich miste aus. Nach zwei Stunden sitze ich dann voller Selbstmitleid zwischen einem Haufen von Büchern und Fotos, CDs und irgendwelchen Erinnerungsstücken, die mich an nichts mehr erinnern.

Es ist kaum zu glauben, was man behält, weil es irgendeinen sentimentalen Grund dafür gibt. Bahnkarten, weil der Weg an diesen Orten drei Wochen lang mit schönen Erinnerungen verbunden war. Einkaufszettel. Postkarten. Kronkorken. Selbst wenn die Erinnerung nicht mehr schön ist, weil wir wissen, dass eigentlich nicht alles toll war; und ganz eigentlich gar nichts gut war und nur die Hoffnung und die Vorstellung – von dem wie schön es hätte sein können – uns in einen Rausch hineintrieb.

Das Beste, was dann passieren kann, ist ein Wasserschaden, der die Kartons im Keller aufquellen lässt und alles mit Schwarzschimmel überzieht. Oder ein großer Schock, der vor die existenziellen Fragen stellt: Was will ich? Wohin? Und welche Schuhe ziehe ich dafür an?

Dinge wegzuwerfen ist meist der letzte Schritt, um sich von Erinnerungen und Dingen zu lösen, die uns an einem Punkt festhalten, an dem wir schon längst nicht mehr sein wollen. Wie ein Anker ziehen sie uns immer wieder auf den Grund. Dabei wäre es leicht, einfach wegzuschwimmen (und auch sinnvoll, weil am Grunde des Bodens keine Luft zum Atmen ist); nur der Mut fehlt uns (mehr zu diesem Thema hier).

Wenn ich Dinge weggeworfen habe, dann fühle ich mich gut. In dem Moment, in dem ich sie in den Müllbeutel oder den Karton lege, mache ich meist kurz die Augen zu, atme tief durch – das ist man den Augenblicken, die man einst lebte, aber nicht mehr vor sich haben will, irgendwie schuldig. Dann ist es vorbei. Natürlich nie ganz. Nichts ist immer ganz vorbei, weil uns alles verändert. Aber es ist weg aus unserem Kopf, nicht mehr vor unseren Augen. Und es ist Platz für andere Dinge. Manches wegzuwerfen: das räumt von allen Seiten und aus allen Perspektiven auf.

An den Mülltonnen traf ich gerade die nette Nachbarin aus dem dritten Stock. Gemeinsam stopften wir unsere Müllsäcke in den Container, mit einer Kraft, die nur auf einem emotionalen Vorgang für uns beide schließen ließ. Danach gingen wir schweigend ins Haus zurück, beide in Jogginghose und mit strähnigem Pferdeschwanz, lächelten uns an und wünschten uns einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Ich liebe es, wenn das Leben die besten letzten Absätze schreibt.

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3 Kommentare zu “Das große Aufräumen

  1. Die Jogginghose und der strähnige Pferdeschwanz verrät, was im Mülleimer landete. Frauen lassen sich gehen, wenn ein Mann ging.

    Mülleimer – Friedhof der Kuscheldears.

  2. Du sprichst mir aus der Seele. Auch ich muss endlich mal lernen „loszulassen“, was gar nicht behaltenswert ist. Warum klammert man sich so an diese sogenannten Erinnerungsstücke, wenn man sie doch meist sowieso nur in einer Kiste vor sich hingammeln lässt?

    Ganz liebe Grüße

    Nathalie

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