Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Einfach mal loshüpfen

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Pistazien. Pistazuös.

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Freund über Kontrolle. Ich halte mich eigentlich nicht für sonderlich kontrolliert, eher für irrational und impulsiv, was für meine Mitmenschen extrem anstrengend und verwirrend sein kann. Ein ehemaliger Freund bekam das mehrfach zu spüren, wenn ich ihn mit Dingen bewarf. Einmal war es sogar eine Bierflasche. Eine volle. Das gute Bier.

Der Freund konnte meiner Selbstansicht nicht so ganz zustimmen. „Du bist schon sehr kontrolliert“, sagte er. Und: „Denk mal drüber nach. Du kontrollierst Deine Grenzen sogar extrem.“

Und natürlich musste ich dann darüber nachdenken. Wenn jemand zu mir sagt: „Denk drüber nach“, dann tue ich das. Tatsächlich ist es so, dass mich die Sache mit der Grenze und der Kontrollierbarkeit kein bisschen mehr losgelassen hat – was vermutlich an meinem Leben liegt.

Ich habe mir die Wörter in ihrer Dinglichkeit vorgestellt – so, wie ich es häufig mache, wenn ich etwas verstehen will. Und das eigene Leben ist eben ein Land. Drumherum die Grenzen, drinnen wir. Mit einer Hauptstadt bestehend aus Prioriäten, mit kleinen Dörfern mit Dingen, die uns wichtig sind, aber nicht immer angesehen werden, nicht immer besucht werden, weil man ja in der Hauptstadt lebt. Es gibt tiefe Wälder und Schluchten, die die dunklen Seiten sind, Geheimnisse und Gefahren, denen man nur zu gern aus dem Weg geht. Hin und wieder wagen wir uns dort hin, sind froh, wenn wir wieder raus sind und all das Bedrückende und Beängstigende hinter uns liegt.

Und dann gibt es eben das Grenzgebiet als Puffer. Die Dinge, die im Leben wichtig sind, fasern hier ein wenig aus. Es ist nur dünn besiedelt und trotzdem oder gerade deswegen sichern wir diesen Bereich. Niemand soll das Gebiet betreten, umgekehrt möchte man auch nur ungern sein Land verlassen.

Das Leben das wir leben – geschützt im Schützengraben (Balu, Kettcar)

Hin und wieder wagt man sich mit einem Fuß über die Grenze, sieht sich an, was da so ist – außerhab. Aber immer eben mit einem Teil in seinem Land, man möchte sicherlich wieder zurück können, nur kurz seine Neugierde befriedigen. Es ist ein beruhigendes Gefühl, zumindest mit einem Fuß sicher zu stehen. Einfach loszuspringen, hinein in das Andere – das erfordert Mut. Und weil Grenzen hin und wieder überschritten wurden, es Kriege gab und wir mit Verletzungen zurückkehrten, deswegen wird man eben vorsichtiger und legt immer mehr Wert auf den Fuß auf eigenem Boden. Das ist Kontrolle. Innerhalb unserer eigenen Grenzen mögen wir irrational und mal und mal so sein – aber alles auf Heimatterritorium.

Gelegentlich – und das war auch der Grund für das Gespräch mit dem Freund – sollte man aber einfach loshüpfen. Man sollte mit Anlauf über die Grenze springen, das eigene Land das eigene Land sein lassen und etwas wagen. Auch wenn es noch so schwer ist, weil doch das Eigene das Beste ist und niemand auch nur ahnt, was sich dort hinten, außer Sichtweite, befindet.

Das ist eine Form von Loslassen, vor der man ja auch so viel Angst hat. Als ich Probleme mit Überschriften hatte, sagten meine Kollegen mir: „Lass doch los.“ Aber das ist gar nicht so leicht. Denn wer loslässt, der weiß nicht, ob er zurückkann, ob er tief fällt, weich oder hart landet, an Geschwindigkeit gewinnt und die Orientierung verliert oder in einer Schlucht mit dem Gesicht an Wurzeln und spitzen Steinen langschrammt, ob er irgendwo landet, wo es gut und richtig ist, oder wo es so furchtbar ist, dass man sich wünscht, nie losgelassen zu haben. Und Überschriften sind da das geringste Problem.

Nur: Wo wären wir, wenn nie einer loslassen würde? Wenn nie einer mal sein eigenes Land verlassen würde oder immer nur halb, mit der Option auf „Ich kehre zurück, ich mache das hier nur halb“? Denn das Tolle am Grenzen-überschreiten ist doch, dass sich neue Möglichkeiten ergeben. Länder können zusammen finden und ein Großreich bilden – mit einer gemeinsamen Hauptstadt, gemeinsamen Stränden, den Schluchten, um die man sich gegenseitig herum oder durch die man sich Hand in Hand führt. Nun, Alexander der Große hat sich in seinem Großreich eine kaputte Leber angetrunken. Aber das muss ja nicht jedem passieren.

Und die meisten Menschen finden die Idee eines Großreiches doch auch – wenn jeder ehrlich ist – verlockend. Zwei Länder, deren Grenzen aufbrechen, mit all diesen Gemeinsamkeiten und Unterschieden – das hat etwas für sich. Doof nur, dass man vorher springen muss. Rüber. Mit beiden Füßen in der Luft. Gleichzeitig. Aber wer weiß: Vielleicht warten drüben Tee und Frikadellen, Rotwein und Pistazieneis.

Ich nehme dann mal Anlauf.

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