Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ein Hoch auf das innere Grollen

8 Kommentare

Nicht traurig, dafür aber mit unbewegter Miene: Ich, schlecht gelaunt.

Nicht traurig, dafür aber mit unbewegter Miene: Ich, schlecht gelaunt.

In unserer zwangsoptimierten Welt ist es der größte Frevel, einen inneren Groll zu hegen. Yoga, Joggen, Glückstee: Ständig sind wir gezwungen, uns zu erden, uns mit den Dingen auseinanderzusetzen, um nicht zu hassen – sondern aus allem etwas Positives zu ziehen. „Das innere Gleichgewicht“, „die innere Mitte“. Als wäre unser Leben eine Wippe auf einem morschen Spielplatz, auf der wir rumbalancieren.

Sicherlich: Grollend herumzulaufen, das ist kein Zustand, der von Dauer sein sollte. Meist legt er sich aber auch von allein. Ohne nach Staubmäusen schmeckendem Glückstee, ohne einen Kopfstand. Ohne das „Komm mal klar“ von Menschen, die mit einem „darüber reden“ wollen. Warum reden, wenn man doch nur seine Ruhe haben möchte? Wenn ohnehin jedes Wort so „passiv-aggressiv“ und „gehässig“ oder gar „verbittert“ ist?

Ich habe recht gern schlechte Laune. Nicht nur, weil die Bremer Freundin meint, mein Unterhaltungswert würde mit sinkender Laune steigen. Nein, ich empfinde es als kleine Wohltat, mal nicht nett zu sein, lächelnd den Einkaufswagen zu schieben und als Sonnenschein durch diese Welt zu hüpfen.

Es ist verdammt anstrengend, immer nett zu sein. Weil die Welt nicht immer nett ist. Da sind so viele Enttäuschungen und Momente, in denen wir uns fragen, warum wir uns das alles antun: da ist mein Glas manchmal nicht einmal mehr halbleer, es hat unten schon einen angetrockneten Kalkrand und nein, ich will kein Wasser da drauf, ich will nur meine Ruhe.

Mir sind Menschen unheimlich, die immer gute Laune haben. Ebenso wie Menschen, die immer perfekt geschminkt sind oder nie aufstoßen, sich zuckend die Stirn kratzen oder laut niesen müssen. Wie schafft man es, immer nett und ausgeglichen zu sein, was ist das Geheimnis?

Ich muss hin und wieder aufstoßen, vor allem bei Bier, manchmal juckt meine Stirn und niesen muss ich sogar recht häufig. Und ja, ich habe hin und wieder solch eine schlechte Laune, das in meinem Kopf kleine verbale Gemetzel stattfinden. Dann stehe ich unter der Dusche und rede laut und sehr energisch auf Menschen ein, die nicht da sind. Beim Einkaufen lasse ich niemanden vorbei, auch nicht, wenn die Person nett aussieht und vielleicht nur eine Banane mit Buttermilch kauft. Und ich lächle niemanden an, antworte nur knapp auf „War alles in Ordnung“ an der Supermarktkasse und lasse die Haustür nicht für den Nachbarn offen, obwohl ich gesehen habe, dass er gerade herangeeilt kommt.

Weil mir die Menschen dann egal sind und es meine Art von Feldzug gegen die Welt ist. Und weil es geächtet wird, marodierend und brandschatzend auf dampfenden schwarzen Hengsten durch die Gegend zu galoppieren, dabei animalische Laute von sich zu geben und kleine Kinder am Rand mit Matsch zu bespritzen, deshalb lasse ich an der Kasse eben niemand vor. Es ist meine Art von mittelalterlichem Teufelsritt, bar jeder Vernunft aber mit der negativen Leidenschaft eines stürmenden Heeres.

Ich nehme mir das Recht, hin und wieder richtig scheiße zu sein, ein Ausbund an Antipathie, der Scham meiner wohlerzogenen Großmutter. Weil ich weiß, dass es temporär ist. Und weil ich weiß, dass es gesünder ist, hin und wieder leidenschaftlich zu hassen, der Welt mit Abscheu und Verachtung in ihr wankelmütiges Gesicht zu blicken. Und weil ich niemanden verbal angehe, sondern der Protest gegen die Welt in meinem Inneren stattfindet.

„Nein, ich lasse die Frau mit den Bananen und der Buttermilch nicht vor“ ist nur in meinem Kopf eine Diskussion; die Person hinter mir denkt vermutlich nicht einmal drüber nach. Dennoch ist es für mich ein Sieg über die Nettigkeit, der ich mich rund 83,7 Prozent meines Lebens hingebe. Und was ist in Phasen der schlechten Laune schöner, als im Inneren zu wissen, dass man gerade einen kleinen Sieg errungen hat – und alle anderen sicherlich nicht?

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8 Kommentare zu “Ein Hoch auf das innere Grollen

  1. Schlechte Laune und nicht immer nachgeben tut gut.
    Es IST unheimlich, wenn alle permanent grinsend und gut gelaunt durch die Gegend schweben.
    So jemand empfinde ich als unglaubwürdig.
    schönen Abend!

  2. Nun ist es oft auch nur eine Maske, dieses scheinbar fortlaufende Lächeln. Sie dient dem eigenen Schutz, weil unsere Umwelt mit sozial-negativer Energie gar nicht richtig umgehen kann. Dennoch besteht für mich zwischen nett sein und schlechter Laune nicht unbedingt ein Zielkonflikt.

  3. Muss ich drüber nachdenken

  4. Da fallen mir doch gleich zwei passende Zitate von Osho ein:

    „Glück ist bedrohlich und Unglück ist sicher – sicher für das Ego. Das Ego kann nur im Unglück und durch Unglück existieren. Das Ego ist eine Insel, die von der Hölle umgeben ist, Glück ist bedrohlich für das Ego, für seine Existenz. Glück geht auf wie die Sonne, und das Ego verschwindet, verdunstet wie ein Tautropfen auf dem Grashalm.

    Glück ist der Tod des Ego. Wenn du von der Existenz getrennt bleiben möchtest, wie fast jeder es möchte, dann hast du Angst davor, glücklich zu sein. Dann fühlst du dich schuldig, wenn du glücklich bist. Du hast das Gefühl, dich umzubringen, denn auf der psychischen Ebene, der Ebene des Ego, verübst du Selbstmord.

    Meist ist es so, dass die Menschen ein paar Momente des Glücks genießen und sich hinterher schuldig fühlen. Die Schuld entsteht aus dem Ego. Das Ego fängt an, sie zu quälen: „Was machst du? Hast du dich dazu entschlossen, mich zu töten? Und ich bin dein einziger Schatz. Mich töten? Das wird dich zerstören. Wenn du mich tötest, zerstörst du dich selbst.“

    ______________________________________________

    „Unglück kann dir vieles geben, das Glück dir nicht geben kann. Im Gegenteil, Glück nimmt dir vieles weg. Tatsächlich nimmt Glück alles von dir, was du je hattest, alles, was du je warst, Glück zerstört dich. Unglück nährt dein Ego, und Glück ist im Wesentlichen ein Zustand ohne Ego. Das ist das Problem, der springende Punkt. Darum ist es für die Leute schwierig, glücklich zu sein. Darum müssen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt unglücklich sein, darum haben sie sich entschieden, unglücklich zu sein. Es gibt dir ein sehr, sehr kristallisiertes Ego. Unglücklich bist du etwas, glücklich bist du nichts. Unglücklich: Kristallisation; glücklich wirst du diffus.

    Wenn du das verstanden hast, wird alles sehr klar. Unglück macht dich zu jemand Besonderem. Glück ist ein allgemeines Phänomen, es ist nichts Besonderes daran.“

    😉

    • Hier mal noch eine kleine Ergänzung die eigentlich in meinen ersten Kommentar vor die Zitate gehört hätte.
      Ich finde den Artikel gut und stimme ihm auch voll zu. Wenn man schlechte Laune hat, und das geht wohl jedem Menschen mal so, dann ist es nicht sinnvoll sich noch zusätzlich zu belasten indem man versucht das zwanghaft zu kaschieren, vor anderen und/oder sich selbst. Damit hält man sie nur fest, also lieber – in angemessenem Maßstab wie in dem Artikel beispielhaft sehr schön beschrieben – rauslassen, damit sie weiterziehen kann.
      Die Zitate waren also keineswegs als belehrende Kritik gemeint, sondern einfach eine Ergänzung, die allerdings zugegebenermaßen aus gedanklichen Assoziationen bei mir herausgerissen wurden, die angemessen auszuführen hier definitiv den Rahmen sprengen würde.
      Also am besten die Zitate gar nicht auf den Artikel beziehen und ignorieren wenn man nichts mit anfangen. Und vielleicht kann ja sogar irgendjemand auch ganz unabhängig von dem Artikel damit etwas anfangen.

  5. Hier geht es doch nicht um Unglück, sondern um schlechte Laune. (Sich den Luxus zu gönnen, diese nicht zu überspielen, kann wirklich sehr befreiend sein 😉 )

    Ansonsten ist, fürchte ich, im Gegenteil, Glück eben nicht ein allgemeines Phänomen.
    Dass es bedrohlich für das Ego ist, finde ich etwas dick aufgetragen, und das Unglück zu suchen, nur um sich besonders zu fühlen, hm. Kommt mir vor wie ein Statussymbol. Mein Cadillac, mein Haus, mein Pool, mein Unglück. 😉

  6. @sinnlosS: osho war alles andere als ego-los (was nicht heisst, er wäre kein stellenweise guter philosoph gewesen); ich weiss, wovon ich rede, ich war fast eine dekade „sannyasin“. und auch schön, wie hier gleich (wenns nur um schlechte laune & nicht um „unglück“ geht) die üblichen verdächtigen aus ihren löchern kriechen und verschwurbelte philosophisch-esoterische weisheiten zum besten geben, hart an der missionierung. voll ringelatscht ins klischee, glückwunsch.

    • @DasKleineTeilchen Prinzipiell kann ich deine Schlussfolgerung nachvollziehen, da du mich nicht kennst und ich verstehe, dass so ein Beitrag falsch rüberkommen kann. Es amüsiert micht, stört mich aber nicht. Ein wenig schade finde ich aber, dass jemand, der „eine Dekade Sannyasin war“ eine so offensichtlich willkürliche Interpretationsmöglichkeit als so absolut darstellt. Ich könnte fast geneigt sein zu unterstellen, dass du dann ganz offensichtlich in dieser Dekade nichts gelernt und Oshos „Lehre“ in keinster Weise verstanden hast. Zumindest nicht das, was ich mir daraus ziehe. Ich vermute aber eher, dass du einfach gerade einen schlechten Moment/Tag hattest und dich ein wenig auskotzen wolltest.
      Ich bin im Übrigen niemand der nur mal irgendwo zufällig diese Zitate von Osho gelesen, sie für toll befunden hat und jetzt jedem unter die Nase reiben will. Ob Osho ein „Ego“ hatte oder nicht ist für mich auch eine vollkommene irrelevante Frage. Er hat viele Aussagen getätigt die ich ablehne und absurd finde. Das spielt aber keine Rolle. Diese Punkte ignoriere ich und suche mir aus seinem Vermächtnis die Dinge heraus, die für mich Sinn machen und mir helfen ein glücklicheres Leben zu führen. Die konkrete Person Osho ist mir egal, ich wollte nur eine Quellenangabe nicht unterschlagen.
      Warum ich das hier gepostet habe? Ich habe mit der Verfasserin schonmal auf Twitter geschrieben, lese ihre Beiträge dort, und habe mir irgendwie eingebildet, dass sie aus den Zitaten wohl die gleichen positiven Denkanstöße ziehen kann wie ich. Das mag wohl im nachhinein betrachtet vermessen gewesen sein. Ein „Missionierungsgedanke“ steckte da aber absolut nicht hinter. Dafür weiß ich viel zu gut, wie sinnlos Missionierung generell ist.

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