Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ein Monster namens Alltag

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Hallo Milchschaum mit Zimt!

Hallo Milchschaum mit Zimt!

Als ich vor einigen Tagen meinen Kalender umblätterte – den analogen, in den ich selbst die kleinsten Kleinigkeiten hineinschreibe -, fiel mir auf, dass das Jahr schon wieder rum ist. Also beinahe. Aber wäre das Jahr eine Bierflasche, dann wäre nur noch der Spuckschluck drin und der schmeckt nicht mehr und zählt nicht als Inhalt. Also: Jahr rum. Und ich fragte mich wie eine alte Frau und eine beim Friseur sitzende und um Smalltalk bemühte Kundin, wo das Jahr denn geblieben sei – als ob ein Jahr irgendwo anders als in der persönlichen Erinnerungskiste bleiben könnte.

Ich habe irgendwann mal irgendwo gelesen, dass die Zeit schneller rumgeht, weil der Mensch so viel Alltag hat. Ich hasse Alltag. Wobei es viel weniger die Tatsache des Alltags ist, als der Begriff „Alltag“. Ein Tag wie alle. Und ich will nicht, dass jeder Tag wie der andere ist. Wenn wir ehrlich sind, ist ja auch nicht jeder Tag wie der andere. Mal steht man schlechtgelaunt auf und singt sich unter der Dusche glücklich, mal steht man glücklich auf und hat dann keinen Honig mehr für den Kräutertee. Und dann läuft den ganzen Tag alles schlecht und am Abend bekommt man in der Lieblingskneipe Vodka Martini und eine Abendbrotplatte und weiß, dass man es doch eigentlich ganz gut hat.

Wir unterscheiden in Alltag – was die Tage einschließlich und zwischen Montag und Freitag betrifft – und das Wochenende, das aus Sonnabend und Sonntag besteht, aber nicht Besondertage heißt, was doch das Gegenteil von Alltag sein müsste. Oder Nicht-Jeder-Tag.

Die Wochentage sind auch fürwahr keine schöne Zeit. Selbst wenn die Arbeit Spaß macht (glücklicherweise der Fall), sind da so viele Dinge, die für uns erwachsene Menschen dazugehören, dass es schwer fällt, jeden Tag etwas zu sehen, das dann doch besonders ist. Wie kann man die Mittagspause in der Sonne genießen, wenn man weiß, dass man am Abend vielleicht über die Rente oder den Studienkredit nachdenken muss?

Da sind so viele Dinge, die wir müssen. Und dann noch die Dinge, die wir wollen. Wir schwanken eigentlich den ganzen Tag zwischen den Bedürfnissen und den Bemüssnissen des Lebens. Leckeres Essen mit doppelt Käse und auf dem Sofa liegen trifft dann auf „Vielleicht doch einmal an die Hüfte denken“ und „Frische Luft am Abend macht müde“. (Dass das „Brauchen“ hier keine Rolle spielt, ist im Angesicht von Ziegenfrischkäse und so kein Wunder.)

In jedem Glückskeks und auf jeder Glückskeks-Verpackung steht irgendein Kram, das wir das Monster namens Alltag nicht zulassen sollten. Menschen mit Tattoos an den Wänden und „Ohne Dich ist alles doof“-Kissen auf dem Sofa haben als Motto „Carpe Diem“, obwohl sie nicht einmal wissen, welches Wort was bei diesen Worten bedeutet. Und trotzdem lese ich überall das Wort „Alltag“ und habe es in den vergangenen Stunden so häufig gebrabbelt, dass es mir schon ganz komisch vorkommt.

Wenn Frauenzeitschriften (Notiz an mich: das Phänomen „Männerzeitschrift erforschen und Exemplare kaufen) uns für Beziehungen den Tipp geben, keinen Alltag aufkommen zu lassen, reißen wir uns frohgemut die Kleider vom Leib und wackeln mit dem Hintern. In allen anderen Bereichen aber lassen wir die Kleidung an, nicken kurz und machen weiter. Ich nehme mich da nicht aus: zu meinem Strukturkonservatismus gehört ja auch ein Hauch von Alltag.

Vermutlich geht es mir mehr darum, ich werde die nächste Nacht, in der ich nicht schlafen kann (also diese), einmal darüber nachdenken, dass ich nicht immer nur Alltag haben will. Nicht 24 Stunden am Tag, sondern vielleicht nur dreizehn. Dann habe ich noch acht Stunden Schlaf (also der Versuch, das im Bett liegen und Star Wars: Tiny Death Star spielen), sind wir bei 21 Stunden – übrig bleiben drei Stunden, die man doch besonders verbringen könnte. Mehr darf es nicht sein, sonst wissen wir Gierhälse es wieder nicht zu schätzen. Das Konzept „Dinge schätzen“ ist im menschlichen Wesen ja ohnehin nicht verankert.

Wir könnten unter der Dusche in die Shampooflasche singen (ich singe zurzeit immer Jets Look What You’ve Done, was in keinster Weise schön ist, aber: die Dusche ist unser aller Bühne!), Brötchen mit dick Butter und noch mehr Käse essen, Kakao dazu schlürfen und Wickie und die starken Männer gucken. Wir könnten durch die nebelige Nacht laufen, laut Musik hören und Fußballaufkleber auf Lampen festbappen. Wir könnten mit Glühwein und drei Handtüchern unter den Füßen auf dem Balkon stehen und die Lichter in den Fenster beobachten. Wir könnten uns das Kind der Freundin leihen und im Kino Popcorn essend (ich mag gar kein Popcorn) Kinderfilme gucken.

Wir könnten so viel. Stattdessen schreiben wir „Carpe Diem“ in Klassenfreundebücher, essen Glückskekse, kleben die Sprüche an unsere Bildschirme im Büro und denken, dass das reicht.

(Käsebutterbrötchen machend, Kakao kochend, ab.)

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5 Kommentare zu “Ein Monster namens Alltag

  1. Bei mir ist es umgekehrt. Ich kann nicht viel, wenn man den Aktionsradius betrachtet (kein Geld, 3 kleine Kinder zu versorgen). Und trotzdem merke ich, wie wichtig es ist, auch an sich selbst zu denken. Bedürfnisse austarieren ist schwierig, wenn andere lauthals schreien. Ich versuche, innerhalb meines engen Korsetts mir kleine Freiheiten zu nehmen. Die bezahle ich dann bitter, z.B, heute den Vormittagsschlaf, weil mich bleierne Müdigkeit übermannte, durch entgangene Frei- oder Arbeitszeit. Aber es ist meine Wahl. Und das alleine ist schon ziemlich gut.

    Viele Grüsse, Christine

  2. Mit 37 Jahren stecke ich so richtig tief im Alltag, dass ich kaum noch Zeit habe Dinge zu tun, die ich nach gerne tun würde – die Freizeit ist zu knapp. Auch wenn im Büro nicht jeder Tag gleich ist, trotzdem hat man danach meistens keine Lust groß noch was zu machen. Man ist müde, will nach Hause, gemütlich was lesen, mit dem Partner auf der Couch lümmeln und irgendwelchen Schwachsinn im TV gucken, dabei die Katzen streicheln oder surfen. Nicht gerade viel ,,,, zu mehr rafft man sich nicht auf, denn der Arbeitstag raubt einem inzwischen viel Freizeitenergie. Gerade jetzt in der grauen Jahreszeit fällt es einem schwer sich zu etwas zu motivieren.
    Ich könnte aber wenigstens mit dem Gesang unter der Dusche wieder anfangen, habe ich schon lange nicht mehr gemacht 😀

  3. Ich liebe den Alltag. Er sind unendlich viel Schätze in ihm versteckt. Dieser Reichtum lässt sich aber nur heben, wenn man nicht schnell vorbei hastet oder der durch Wut/Ärger/Unzufriedenheit verblindet ist. Klingt einfach, ist es aber nicht. Und so stehen wir mitten im Augenblick und gleichzeitig auch daneben. Was bleibt, ist verlorene Zeit.

  4. Ich verstehe nicht, warum anscheinend alle immer unter der Dusche singen. Ich singe nie unter der Dusche und mir fehlt auch nichts. Dafür bastle ich gerade Adventskalender mit Sternen, freue mich morgens selbst am Matschwetter und genieße die Alle-Süßigkeiten-im-Affekt-Einkäufe mit meinem Freund. 🙂

  5. Pingback: Henning Uhle | Das Ding mit dem “Carpe Diem”

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