Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Glas ist nicht halb leer – es ist voller lustiger Blasen!

8 Kommentare

Die Menschheit versucht, sich in drei (eigentlich vier) verschiedene Kategorien einzuteilen. Das machen die meisten von ganz alleine, niemand zwingt sie dazu, und doch richten sie all ihre Stunden danach aus. Die erste Kategorie besteht aus denen, die sich „Pessimisten“ nennen. Dann gibt es noch die „Optimisten“. Und ein großer Teil bezeichnet sich beinahe neunmalklug als „Realisten“.

„Es gibt keine Bananen? Springe ich eben zwischen den Bäumen hin und her.“

Es geht das Gerücht, man erkenne die verschiedenen Menschengruppen daran, wie sie ein Glas sehen, das zu 50 Prozent seines Fassungsvermögens mit Wasser gefüllt ist. Pessimisten sagen, das Glas sei halbleer und haben bereits einen trockenen Hals vor Panik. Optimisten glauben, das Glas sei noch halbvoll und freuen sich auf den Rest, den sie noch trinken können. Was Realisten sagen, das ist mir nicht ganz klar. Vermutlich sagen sie wie oben „Das Glas ist zu 50 Prozent seines Fassungsvermögens gefüllt.“

Ich hingegen, ich schreie: „Guck mal, da sind lustige Luftblasen, die prickeln!“ Ich, ich bin nämlich Eskapistin.

Manche, viele, Menschen glauben, dass alles, was kommt, schlecht sein wird. Sie gehen einkaufen und wissen schon vorher, dass die Kassen überfüllt sein werden, die Lieblingsschokolade ausverkauft sein wird und ohnehin alles viel zu teuer ist. Auf den Einwand „Aber vielleicht triffst Du nette Menschen oder machst ein Schnäppchen“ sagen sie: „Ach komm, sei ein Realist. Ich bin Realist.“

Woanders. Nicht im Zoo.

Eigentlich sind die selbsternannten Realisten die allerschlimmste Kategorie. Weil Pessimisten und Optimisten nach unten oder nach oben ahnen, während Realisten sagen, dass sie wissen. Dabei ist doch – und das wissen wir sehr sicher – das Wissen von der Zukunft seit Nostradamus als Scharlatanerie und Hokuspokus abgetan.

Am allerliebsten sind mir die Optimisten – neben meiner eigenen Richtung, dem Eskapismus, natürlich. Pessimisten sind so durch ihr „Das wird sicherlich doof“ beeinflusst, dass selbst ein Frühstück in der Sonne nicht seinen ganzen Glanz glänzen kann. Pessimisten haben von Natur aus Belag auf allem Glanz. Optimisten hingegen durchleben mit einer beinahe naiven Unschuld selbst die schlimmsten Dinge – weil sie immer und überall das Positive sehen. Optimisten sind das Putztuch für den pessimistischen Belag.

Nun, und dann gibt es eben noch die vierte Gruppe, eine, in die sich eben kaum jemand einteilen lässt. Die Eskapisten. Ich erwähnte es bereits. Wenn es schlimm wird auf dieser Welt – und das wird es immer wieder – dann denken sie – wir – uns weg. Realitätsflucht ist ein weiterer Begriff für den Eskapismus. Aber was ist schon Realität?

Es ist ja ohnehin weniger eine Flucht. Sich in Ahnungen oder vorgegaukeltes Wissen zu stürzen – das ist Flucht. Eskapisten verlassen einfach in aller Seelenruhe den Ort und lassen ihren Körper zurück. Während um sie herum das Chaos, die Unruhe und diese unverständliche Konstruktion der Welt ist, sind sie eben in einer anderen Welt. Meine liegt im Norden Englands und ich jogge dort jeden Morgen am Meer entlang – nur damit ihr wisst, wie sportlich ich eigentlich wirklich bin.

Sein. Mehr nicht. Reicht auch.

Es gibt diese Situationen, da verlangen Andere, dass man aktiv wird. Sich äußert, die Änderung von Dingen herbeiwünscht, die nicht herbeiwünschbar sind. Die Gespräche rund ums Wetter gehören dazu, um den Stau auf der Straße, ein kaputtes Badezimmer. Optimisten sagen dann: „Die Sonne kommt noch raus“ und bringen ungezählte Beispiele von Tagen, an denen es in den vergangenen 6719 Tagen so passierte. Pessimisten sagen: „Bleibt so trist“ und bringen ebenfalls ungezählte Beispiele der vergangenen 6719 Tage. Realisten sagen: „Lass uns mal bei Wetter.de gucken“ und holen das Mobiltelefon aus der Tasche – Realisten können richtige Pragmatiker sein!

Dem Eskapisten ist es egal. Zur Not wird aus Regen Zauberregen – ich beispielsweise hänge immer noch dem großmütterlichen Glauben an, Regen mache schön und groß. Aus gleißender Sonne wird ein innerdeutscher Trip durch die Tropen. Wie sagte Oscar Wilde? „Aktivität beruht auf Fantasiemangel. Es ist der Ausweg derer, die nicht zu träumen verstehen.“ Und wenn alles gut ist, dann ist es eben gut. Der Eskapist wandelt zwischen den Welten und bleibt da, wo es am schönsten ist.

Das ist das einzig Wahre. Der Pessimismus hat von sich aus schon keine Zukunft – die Zukunfts- und Hoffnungslosigkeit ist ihm immanent. Der Optimist muss irgendwann einsehen, dass nach all der Trinkerei das Glas vielleicht doch einmal ganz leer ist – immerhin geht er dann froh und beschwingt zum Kaufland um die Ecke, kauft eine neue Kiste und hofft, vielleicht einen Luftballon zu gewinnen. Und nun, der Realist ist an sich kein Realist, weil er – siehe oben – ja glaubt, er sei Nostradamus und der Mayakalender in einer Person. Ein Widerspruch. Sobald ein Realist einmal dahinter gekommen ist, wird er implodieren.

Wie gesagt: Eskapismus für alle.

In diesem Sinne: Vor mir steht ein Glas Mineralwasser. Füllstand: rund 80 Prozent. Auf der Wasseroberfläche ist Gischt und die prickelt an meiner Nase. Ich bin dann mal weg.

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8 Kommentare zu “Das Glas ist nicht halb leer – es ist voller lustiger Blasen!

  1. „Optimisten können nicht positiv überraschen, nur Pessimisten.“ 🙂

  2. Nachdem ich das gelesen habe, habe ich mir erstmal ein Glas Apfelschorle eingeschenkt – voll bis obenhin. Ohne Witz. 🙂 LG, Daniela

  3. Ich bin im Großen optimist und denke das am Ende alles irgendwie gut wird. Im Kleinen bin ich aber oftmals pessimist und denke mir, dass einzelne Dinge nicht gut werden können. Wie z.B. gute Kommentare verfassen… 🙂

  4. hey, dein blog gefällt mir sehr. artikel wie bilder sind echt gut geschrieben bzw ausgewählt =) ich muss sagen, dass ich mich eigentlich zu den optimisten zählen würde, aber trotzdem immer dazu neige, bei dieser glas-theorie immer ‚halbleer‘ zu sagen.. vielleicht gibt es ja auch diese mischungen 😉

  5. Pingback: Der Stein im Käsebrötchen - So who's that girl there

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