Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ein Lob der Wut

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Heute Morgen, bei einem Gespräch unter Freundinnen, da kamen wir auf Männer. Natürlich. Sie bevölkern mit uns Frauen die Erdoberfläche und manchmal sogar eine Wohnung – da kann man schon einmal auf dieses Thema kommen. Und wir sprachen so über … naja… komplizierte Sache. Eine Geschichte von missverstandenen EMails, dummen Worten und noch dümmeren Worten. Aber das ist auch unwichtig. Wichtig ist: Anstatt wütend über den Lauf der Dinge und wütend auf ihn zu sein, stattdessen bin ich traurig. Und das, das findet die Freundin falsch.

„Du“, sagte sie, „hast jedes Recht, wütend auf ihn zu sein.“ Und ein wenig fragten wir uns, wann wir aufgehört haben, wütend zu sein.

Sicherlich: Wutbürger sind wir nicht. Das wollen wir auch gar nicht. Wutbürger tragen Trekking-Sandalen und sind in ihrem zweiten Leben Gesellschaftskunde-Lehrer.

Wir würden auch nicht mit Steinen werfen. Unsere Waffen sind Worte. Und wenn die nicht mehr helfen, dann sind es die Tränen. Weil wir Frauen sind und in letzter Konsequenz immer dazu greifen. Wir sind eben auch leicht durchschaubar.

Nur wütend sind wir eben nicht. Dabei dürfte ich wirklich wütend sein. Aber stattdessen frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Nicht, was er falsch gemacht hat. „Eine bescheuerte Einstellung“, sagt die Freundin, während sie sich noch müde von der Nacht an die Wand lehnt. Aber sie gibt zu: „Hach, ich bin auch so.“

Es scheint eine typisch weibliche Eigenschaft zu sein, die Wut durch Selbstzweifel zu vertreiben. Jemand ist gemein zu uns und wir fragen uns: „Was habe ich nur falsch gemacht?“ Und sagen nicht: „Was für ein Oberarsch, der ******!“ Naja, okee. Vielleicht wird das doch gesagt – aber im Kopf wird zerdacht, was falsch gemacht wurde. Dabei sollte man vieles viel mehr von sich abstreifen – oder eben: wütend werden.

Als ich noch Teenie-Ulle war und mir die Hormone das Leben zur Hölle machten, da bezog ich immer mein Bett, wenn ich wütend war. Naja. Eigentlich zog ich in einem Tempo, das jedes Hausmädchen neidisch gemacht hätte, die Bettwäsche ab und wieder drauf. Immer wieder. Manchmal fünf- bis sechsmal. Bis ich ganz erschöpft und gar nicht mehr wütend war. Dann fühlte ich mich besser.

Zugegeben: Die Wut war nichtig. Heute wundert es mich nicht mehr wirklich, dass meine Mutter meinte, bauchfrei dürfte ich bei Minus zehn Grad nicht aus dem Haus. Und warum ich deshalb wütend war: Die Hormone sind wohl die einzigen, die das noch genau wissen.

Aber warum werde ich nicht wütend, wenn ich schlecht behandelt werde? Warum suche ich den Fehler bei mir, anstatt zu sagen: Schlechter Mensch, der andere? Die Eigenartigkeiten der menschlichen Natur sind schon verwirrend. Da wird jeder kleinste Makel zu DEM Grund emporgehoben, anstatt einfach zu sagen: „An mir hat es nicht gelegen. Ich bin meine eigene Definition von Perfektion!“?

Auch die Freundin und ich, wir gingen auseinander. Ohne eine Lösung für das Wut-Problem gefunden zu haben. Aber wir haben uns versprochen, uns immer einmal wieder zur Wut zu ermahnen. Weil ein schnell flackerndes Feuer der Wut eben auch viel schneller weg ist als das leise Schwelen des Selbstzweifels, das quälend unter der Oberfläche vor sich hinzerstört.

Das ist dann irgendwie wie dieser unbewohnbare Ort in den USA. Dort, wo es schon seit 50 Jahren unter der Erde schwelt, sich aber nichts ändert. Bleibt eben alles unbewohnbar. Hätte es einmal ordentlich gebrannt, wäre danach aufgeräumt und neu aufgebaut worden. Mit der Asche als Dünger.

(Falsch ist es natürlich, wütend auf sich zu sein. Das ist ja doof. Stattdessen: Ab und zu mal wütend auf andere sein. Und wenn es nur dieser bekloppte Nachbar ist, der immer mit der Zigarette durch den Hausflur läuft. Irgendjemand hat es ganz bestimmt verdient!)

….. Und das Lied zur Wut….

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