Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Einkauf

9 Kommentare

Ich bin der festen Überzeugung, dass der sonnabendliche Einkauf nicht so stressig sein müsste, würde man sich an eine Regel – nur eine! – halten: Nur eine Person pro Haushalt darf den Supermarkt betreten. Denn es ist ja nun einmal so: Der Zugriff auf das Milchregal wird erschwert, weil ein Paar sich über den richtigen Fettgehalt der Milch für den Kaffee streitet, bei den Keksen liegt ein Kind schreiend am Boden und all diese streitenden und schreienden Menschen summieren sich dann an der Kasse, wo die Nerven selbst der coolsten Persönlichkeit mit einer Axt bearbeitet werden.

Man warf mir ob meiner Meinung schon schlimme Dinge vor und so beschloss ich am vergangenen Sonnabend, auch mal Jemanden mit zum Einkaufen zu nehmen. Aufgrund meines geänderten Beziehungsstatus gestaltete sich das nicht allzu schwierig und so musste der Leipziger Freund, der zwar in Leipzig wohnt, aber eigentlich gar nicht aus Leipzig kommt, sondern aus einer riesigen an der Elbe gelegenen Stadt kurz davor – naja, der musste also mit. Ohnehin hatte ich die Wochen davor für uns beide eingekauft und so war es nur gerecht, dass er sich mal am Tragen von Mineralwasser, Wassermelone und Milch beteiligte.

Ich Naivling hatte mir das alles recht einfach vorgestellt: einmal die Frage gestellt, ob er mit zum Einkaufen kommen würde, ein begeistertes „Ja“ – immerhin dürfte er mit mir (!) einkaufen gehen – und schon würde es losgehen.

„Kommst Du mit einkaufen?“

„Nee.“
„Aber es gibt so viel zu tragen.“
„Fahr doch mit der Bahn.“
Grummeln meinerseits, richten des Dekolletees und aufreißen der noch müden Augen.
„Aber ich muss die Sachen ja trotzdem tragen. Und es wäre so schön mit Dir.“
„Ich habe gar keine Hose. Die müssen alle gewaschen werden.“
„Dann geh in Jogginghose. Damit fällst Du am Sonnabend in dem Kaufland ohnehin nicht auf.“
„Ich könnte schon einmal den Frühstückstisch decken.“
„Das könntest Du sowieso.“
„Hm.“
„Du darfst auch den Kuchen für heute Nachmittag aussuchen…“
„Cool. Okay!“

So zogen wir dann gemeinsam los und liefen munter palavernd durch die Straßen des Leipziger Ostens. Bereits nach zehn Minuten fiel ihm auf, dass ich die Tasche mit dem Pfand trug und mir der Schweiß das Gesicht herunterlief.

„Soll ich Dir die Tasche abnehmen?“
„Das wäre toll.“
„Ich bin ja auch toll.“

Es ist nun nicht so, dass ich den wochendlichen Einkauf genieße. Aber ich kaufe dann den Großteil der Dinge ein, die es auch in der Woche darauf geben soll. Und weil ich nicht reich bin und ohnehin saisonal einkaufe, gucke ich auf Angebote und das Obst und Gemüse, das gerade Saison hat. Das dauert hin und wieder ein paar M I N U T E N.

„Mir ist langweilig.“
„Du kannst schon einmal das Mehl holen.“
„Wofür brauchen wir das Mehl?“
„Mozzarella-Brot.“
„Was für Mehl?“
„Normales weißes Mehl.“
„Hm.“
„Gibt es da hinten.“
„Hm.“
„Nur das Mehl.“
„Es ist hier sehr voll. Was wollen die hier alle?“
„Das Mehl…“
„Die können doch nicht alle einkaufen wollen?“
„Das Mehl…“
„Die Welt geht doch nicht morgen unter.“
„Das Mehl…“
„Ich hasse Menschen.“
„Das Mehl…“
„Was?“
„D A S M E H L!“
„Wo ist das?“
„DA HINTEN!“

Es folgten drei Minuten voller Ruhe, in der ich überlegte, ob ich Blumenkohl kaufen sollte oder ob wir noch Gurke brauchen und welche Tomaten wohl am meisten nach Tomate schmecken würden. Neben mir muckten sich Familien an und ich lächelte selbstgefällig.

„Warum sind da Möhren im Einkaufswagen?“
„Weil ich kommende Woche Möhrensuppe machen möchte.“
„Dann kauf die doch nicht jetzt schon. Ich esse die sonst alle auf!“

Ich kaufte die Möhren natürlich trotzdem und zog bis zum Käse einen Leipziger Freund hinter mir her, der Merkwüdigkeiten von sich gab und eine Erklärung für all die Menschen suchte. Wo die wohl her kämen? Was die wollten? Warum sie nicht einfach verschwinden könnten?

„Mir ist kalt.“
„Weil hier Kühltruhen sind.“
„Es ist kalt, Ulrike. Ich friere.“

Wir erinnern uns: Er hatte nur eine Jogginghose an und während es ihm draußen zu warm war, war es nun drinnen zu kalt – auch als „Sommer-Einkaufs-Paradox“ bekannt. Und während ich Gouda, Schafskäse, Mozzarella, Hüttenkäse, Harzer Käse, Camembert und Butter zusammensuchte (an Laktose-Intoleranz leiden wir schon einmal nicht), hörte ich hinter mir eine Ein-Mann-Diskussion, ob es wirklich notwenig sei, Käse und Milch zu kühlen und auch Eier und sowieso – reiche nicht Raumtemperatur für alles? Für die ganze Welt?

Aber plötzlich war es still. Verdächtig still. Beunruhigend still. Kein Mann mehr hinter mir, nicht neben mir. Für eine Sekunde hatte ich Sorge, ich könnte seine Beanstandung nicht ernst genommen haben und er sei nun wie Robert Scott seinerzeit am Südpol erfroren. Aber einen Moment später resümierte ich, dass ich noch von keinem Todesfall im Kaufland gehört hatte, bei dem ein Mann am Käseregal den Kältetod gefunden hatte.

Spätestens an der Kasse würde ich ihn ausrufen, dachte ich mir und nahm plötzlich einen Mann in Jogginghose im rechten Augenwinkel wahr. Motiviert bewegte er sich voran, kein Anzeichen von „Mir ist kalt“ und „Ich hasse Menschen“. Stattdessen schlenderte er zielstrebig den Gang entlang. Den DVD-Regal-Gang.

„Ich habe Dich gesucht.“
„Och, ich dachte mir, ich gucke mal, was für einen Film wir zum Frühstück gucken können.“„Und da wollen wir eine DVD im Kaufland kaufen?“
„Neeeeeeein. Aber ich hole mir Inspiration.“
„Inspiration – für was?“
„Mensch, Ulrike. Für das Frühstück.

Nun war es wohl so, dass die zehn Regalmeter im Flur kaum Filme und Serien beherbergen und dass sich dort mit Sicherheit nichts finden würde, was man zum Käsebrötchen (was sonst?) gucken könnte. Das konnte ich natürlich nicht wissen. Im folgenden Gespräch wurde mir klargemacht, dass es zwar schön und durchaus löblich sei, dass ich Nahrungsmittel für das Wochenende gesucht hätte, das wirklich Wichtige aber „offenbar nicht einmal auf den Einkaufszettel geschrieben hatte“.

Wir verließen den Supermarkt ohne neuen Film. Die waren nämlich viel zu teuer, stellte der Leipziger Freund, der zwar in Leipzig wohnt, aber eigentlich gar nicht aus Leipzig kommt, sondern aus einer riesigen an der Elbe gelegenen Stadt kurz davor, nach einer Recherchephase von rund zehn Minuten, also dem doppelten meiner Zeit am frostigen Käseregal, fest. Ohnehin sei das ganze Regal enttäuschend und ganz offensichtlich nicht von Cineasten bestückt worden.

Am Frühstückstisch angekommen, ich schweißgebadet, er wieder aufgewärmt („Es ist zu warm, ich will irgendwohin, wo es kalt ist.“ „Das Käseregal?“ „Fresse!“), lobte man meine Wahl, so leckere Käsesorten gekauft zu haben und auch an Brötchen gedacht zu haben. Wir guckten South Park. Kuchen gab es nachmittags nicht.

—-

Anmerkung: Der Leipziger Freund beharrt darauf, dass nicht alles so war, wir kein Pfand dabei hatten und er eigentlich immer total lieb zu mir sei. Letzterem stimme ich zu.

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9 Kommentare zu “Der Einkauf

  1. „Was wollen die alle hier?“ Göttlich! Ich bin auch dafür – nur eine Person pro Haushalt. Ich bin das dann schon mal nicht.
    Liebst, Jessa

  2. Deine Schreibe…. Ich liebe Deine Art zu schreiben! Und es ist so wahr. So unglaublich wahr…. *kringelt sich und denkt über die Anbringung eines Schildes am örtlichen Netto nach*

  3. das ist ja alles schön und gut, aber ich vermisse dich bei twitter. mäh. demnächst fange ich an und schicke dir lauter weinende emoticons via whats app – mal schauen, wie du das findest.

  4. Einfach nur herrlich! Mit genau so einem Teile ich Wohnung und Leben. Er kann nicht verstehen, wie ich so lang bei edeka sein kann und ich nicht seine Saturn und Conrad Ausflüge 😉

  5. Ich vermisse die Frau auf Twitter auch. Zudem finde ich, der Text erzählt nicht die Geschichte von Frau und Mann beim Einkaufen. Der Text erzählt von der Liebe.

  6. Klasse! 😀 Ja, und natürlich ist es besser, allein einkaufen zu gehen. Sieh man ja schon an en ganzen Familien mit schreienden Kleinkindern 😉

  7. Hach schön, das versüßt einem doch direkt so einen Samstagmorgen. Supermärkte sind soziologisch betrachtet sowieso eine Goldgrube! Ich muss da unbedingt mal hin ohne Musik auf den Ohren zu haben…

  8. Dieses Kaufland ist aber auch ein Hort der verschiedensten seltsamen Lebensformen und bei manchen frage ich mich auch, was die da eigentlich wollen. Bei vielen scheint der einzige Lebensinhalt zu sein, mitten im Gang zu stehen und anderen Einkäufern das Leben schwer zu machen. Großartig finde ich auch die Diskussionen vor den Regalen, ob lieber fettarmer Schinken oder vollfette Salami, Schokolade mit oder ohne Nüsse, Orangensaft in Bio oder pestizidverseucht – und das für jedes einzelne Produkt auf dem Einkaufszettel.

    Wenn wir, was recht selten passiert, zusammen einkaufen gehen, dann stellen wir vorher einen Schlachtplan zusammen. Einer jagt Gurken und Tomaten, der andere erlegt Haferflocken und Tee, die Wurst und Tiefkühlkost wird dabei genauso unter uns aufgeteilt wie die Milch und das Katzenfutter. Am Ende treffen wir uns an der Kasse und sind selbst im größten samstäglichen Trubel nach einer halben Stunde wieder raus. Verständlicherweise geht das natürlich nur als eingespieltes Team und der genauen Kenntnis der Produktpalette samt Standort.

  9. Hach, viel zu lange nicht mehr hier gewesen. Wie konnte das passieren? Es ist doch jedes Mal ein großer Spaß!

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