Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Traurig sein

3 Kommentare

Vor einiger Zeit war ich traurig. Manchmal laufen die Dinge nicht, wie sie laufen sollten. Oder anders: Wie wir wollen, dass sie laufen. Man schmiedet Pläne und träumt und denkt darüber nach, wie toll alles wird. Und dann, ganz plötzlich: Bumm, nichts. Da sitzt man dann, inmitten von Gedanken, die gar nicht mehr nach Sommerabend und Prosecco mit Pfirsichen schmecken; stattdessen hat man das Gefühl von abgestandener Frustration im Mund. Ein Geschmack, den Zahnpasta und Mundwasser und Vodka kaum vertreiben können. 

Traurig sein, das ist nicht sehr in Mode. Weil das Traurig, das ich meine, nichts von pathosgeschwängertem Leiden im Park hat, mit Musik im Ohr und dem Gefühl erhabener Marter. Das Traurig, das ich meine, das ist still und mit dem Wunsch verbunden, das alles leise wird, das Licht nicht mehr scheint und selbst das Atmen nicht mehr so schwer ist.

Wir alle sollen entweder happy sein oder aber zumindest auf die Art traurig, die sich irgendwie zeigen lässt. In Liedern oder Sinnsprüchen, mit theatralischem Blick auf Fotos, mit leidenschaftlichem Weinen im herbstlichen Regen. Es wirkt, als dürfte es auf dieser Welt nur noch ein pharrelsches Happy oder ein Lana del Reysches Summertime Sadness geben.

Wir Menschen singen und schreiben und lamentieren ständig über unsere Gefühle, machen uns aber oftmals gar keine Gedanken, was sie meinen, warum sie da sind und dass traurig sein kein schlimmer Zustand ist. Wir setzen „traurig“ mit „depressiv“ gleich, postulieren „Glück“ als oberstes Ziel und sagen „Alles wird gut“, ohne zu wissen, was „gut“ ist. Oder Glück.

Die Oma der Freundin hatte eine Theorie. Die Theorie von den schweren Herzen und den leichten Herzen. Schwere Herzen sind traurig und nachdenklich, leichte Herzen nehmen die Dinge schneller an, zerdenken nicht alles. Beide Herzen haben ihre Vor- und Nachteile. Leichte Herzen wirken manchmal unbedacht, traurige Herzen schwermütig.

Schwere Herzen aber können durchaus glücklich sein – Glück funktioniert auch mit Schwermut und Zerdenken. Ich bin 83,7 Prozent der Zeit zufrieden, optimistisch und begegne der Welt zumindest mit dem Versuch eines Lächelns – Stehauffräulein und so. Aber hin und wieder, da bin ich einfach traurig. Das ist in Ordnung. Ich bin deswegen nicht depressiv, ich bin kein Mensch, der am Leben leidet. Ich bin dann einfach nur traurig. Dann stürzen mich meine Gedanken in tiefe Verzweiflung, ich kann nicht verstehen, warum Dinge sind, wie sie sind und nein, ich möchte sie auch gar nicht verstehen.

Meine Traurigkeit ist dann kein Stück vermarktbar. Es werden keine Lieder geschrieben, der Sonnenuntergang mit den Gewitterwolken am Horizont ist mir egal. Es ist kein Platz für Theatralik. Es ist dann für nichts mehr Platz.

Ich empfinde es als eine Ungerechtigkeit, dass dieses traurig so einen schlechten Ruf hat und beinahe verboten ist. „Reiß Dich mal zusammen“ wird gesagt und gemeint ist, dass man sich saubere Socken anziehen, eine gesellschaftstaugliche Hose heraussuchenund am besten einen Umweg über die Dusche gehen sollte. Wenn Menschen wimmernd im Park sitzen, auf einer Gitarre spielen und das Leid der Welt besingen, dann ist das in Ordnung. Es ist sogar mehr als in Ordnung: Es gibt Applaus und mitfühlende Tränen. Selbst wenn der Singende nicht geduscht hat.

Manchmal möchte ich dann laut brüllen. Weil es völlig in Ordnung ist, traurig zu sein. Der Grund ist doch egal. Wichtig ist, dass man sich irgendwann wieder raustraut, alle Tränen geweint sind und ja, dass geduscht wurde. Denn, nun folgt eine Weisheit philosophischer Größe:

Nur wer hin und wieder stinkend unter der Bettdecke liegt, der weiß die frische Luft zu schätzen.

 

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3 Kommentare zu “Traurig sein

  1. sehr gut, sehr nachdenklich. und ein statement dafür, einfach mal SEIN zu dürfen, ohne dass die stimmung fb-statustauglich ist.

  2. Wie war das mit „Ich kann doch keinen Schluss schreiben“? Hihi. Der hier ist doch top.

  3. stehauffräulein gefällt mir. Ich bin auch eins.

    lg
    Maria

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