Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Mädchen Mädchen

13 Kommentare

Die vergangenen Tage habe ich ein wenig in Fashionblogs gelesen, weil sie mir aus nicht mehr recherchierbaren Gründen ins Blickfeld gerieten. Theoretisch mag ich die Idee von Modebloggerinnen, praktisch schaffen es nur Wenige, dass man ihre Seiten aus positiver Faszination wieder einmal besucht. Die meisten Modebloggerinnen bieten mittlerweile ja nicht mehr nur Kleidung an, sondern auch so Do-it-Yourself-Dinger, wie Blumen richtig in eine Vase stellen und Ostereier dawanda-tauglich aufhübschen (und auch hier gibt es wieder einmal nur wenige positive Ausnahmen). 

Und während ich so las und nebenbei nachdachte, da dachte ich mir: Wie schwierig ist doch dieses Leben! All die Modeblogs, die DIY-Blogs geben uns ein Bild vor, wie Frauen zu sein haben. Ansehnlich vor allem, immer auf das Hübsche bedacht, eifrig dabei, ein kuscheliges Heim zu produzieren. Und immer immer kommt zum Vorschein, dass wir zwar alle immer früher in die Pubertät kommen, aber dann doch Mädchen bleiben sollen, bis es nicht mehr geht und die Falten an der Hand verraten, dass wir näher an der Rente als am Schulabschluss sind.

Und dann sind da auf der anderen Seite all die feministischen Blogs, die uns das Gegenteil sagen. Dass es gar nicht gut ist, einen Nestbautrieb zu haben, weil uns das nur indoktriniert wurde und dass wir uns nur für andere schön machen wollen, aber doch endlich einsehen sollten, dass Schönheit nur von Innen kommt und Schönheit doch ohnehin wandelbar und nicht so wichtig wie Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung seien.

Selbstverwirklichung aber ist, das dürfen wir nie vergessen, nur dann wirkliche Selbstverwirklichung, wenn sie nicht damit einhergeht, dass wir Marmelade kochen, während wir eine Schürze tragen und die Blumen auf der Fensterbank hin- und herpositionieren. Und so kann man als Frau kaum noch etwas tun, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob man gleich von Lifestyle-Bloggern verächtlich angespuckt oder von Feministinnen schreiend gekratzt wird. Geht es um das, was wir machen und wollen, müssen wir uns so vielen Erwartungen, die als „keine Erwartungen“ getarnt sind, stellen, dass es manchmal das Beste ist, sich unter der Bettdecke zu verkriechen und unauffällig zu atmen.

„Mach Dich frei von Erwartungen“ wird in ungezählten Frauenmagazinen postuliert und eine Seite später finden sich neben den Tipps wie man eine „Göttin im Bett“ wird dann „Rezepte für die Traumfigur“ und eine Anleitung, wie der Balkon sommertauglich wird und man gleichzeitig den Mann fürs Leben an sich bindet (indem man nämlich – in der Reihenfolge – eine Göttin im Bett ist, eine Traumfigur hat und die Wohnung so gemütlich macht, dass der Mann vor lauter Wohlfühlerei kaum mehr zur Arbeit gehen mag).

„Mach Dich frei von Erwartungen“ sagen Familie und Freunde und Bekannte und sind dann doch entsetzt, wenn man statt des Salats zur Party einfach mal gar nichts oder Schnaps mitbringt, wenn man beschließt, dass man raus will aus dem 40-Stunden-Trott und lieber auf Geld als auf freiverfügbare Zeit verzichtet. Wenn man kein zweites Kind mehr möchte oder aber ein viertes oder wenn man nicht zur Familienfeier kommt, weil man einfach nur einmal wieder ausschlafen möchte.

Ja, wir sollten uns frei von Erwartungen machen, vor allem von denen, die andere an uns stellen. Aber sie werden so mannigfaltig an uns herangetragen, dass es schwer zu unterscheiden ist, was wir wollen und was andere von uns wollen. Hinzu kommt – wie oben schon beschrieben, dass so viel davon entgegengesetzt ist. Wir sollen uns nicht zu Trägerinnen des Patriarchats machen lassen und die Arbeit über die Familie stellen, gleichzeitig aber spätestens im vierten Monat der Schwangerschaft mit dem Nähen der Babybekleidung anfangen, weil es doch so schön und Jeder es macht und man damit schon früh zeigt, dass das Kind uns wichtig ist und wir uns gegen Billigklamotten von Primark und Co. wehren.

Jede Entscheidung hat eine beinahe politische Dimension bekommen, die auch noch bei Nicht-Gefallen gerechtfertigt werden muss. Und im Prinzip auch bei Gefallen. Ständig muss man sagen, warum man etwas macht und warum man etwas nicht machen möchte und erklären, wie sich das in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang einbinden lässt, ohne irgendjemanden damit zu beleidigen, zu enttäuschen oder auf die Barrikaden zu bringen.

Es ist anstrengend, zu erklären, warum ich gern Marmelade einkoche und für den Leipziger Freund Abendessen mache, mich aber gleichzeitig durchaus als „unabhängig“ bezeichnen würde. Ich koche gern Marmelade, weil ich dann weiß, was drin ist und das ist vor allem wenig Zucker. Ich koche gern, weil mir das glückliche Gesicht von Menschen gefällt, denen es schmeckt. Das hat nichts mit Vorstellungen zu tun, die mir von der Gesellschaft indoktriniert werden. Und es stört mich, dass ich mich dafür rechtfertigen muss. Für das Kochen, meine Abneigung gegen Friseurbesuche und meine minimalistische Wohnungseinrichtung ohne selbstgemachte Blumengestecke.

Jaja, wir sollen uns von Erwartungen frei machen. Nur sagen das eben auch immer die, die die größten Forderungen stellen. Wobei sie es natürlich nie zugeben würden. „Sei einfach Du selbst und das ist doch hoffentlich so, wie wir es am liebsten mögen.“

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13 Kommentare zu “Mädchen Mädchen

  1. Du schreibst mir (mal wieder) aus dem Herzen!

  2. Wobei ich zur Verteidigung der Schwangeren hinzufügen muss, dass die Hormone gar seltsame Dinge mit den Frauen anstellen und man sich gegen den Nestbautrieb nicht immer so wehren kann, wie man möchte 🙂

  3. Hat dies auf Kinkerlitzchen rebloggt und kommentierte:
    … wenn eine Bloggerin so perfekt die eigenen Gedanken formuliert, braucht es zum Glück nur den reblogg-Button.

  4. Ja, ja, die lieben Erwartungen. Sie machen schlechte Laune. Enttäuschung ist die Antwort. Ein ganz heikles Thema.

  5. Pingback: Gibt es einen Feminismus, der Frauen nicht vorschreibt, wie sie zu leben haben? | Alles Evolution

  6. Pingback: Medienschau am Freitag | KW 27 | notestoherself

  7. „Jaja, wir sollen uns von Erwartungen frei machen. Nur sagen das eben auch immer die, die die größten Forderungen stellen. Wobei sie es natürlich nie zugeben würden. ‚Sei einfach Du selbst und das ist doch hoffentlich so, wie wir es am liebsten mögen.‘“

    Das hast du schön zusammengefasst.

    Die Lösung ist eigentlich relativ einfach: Du musst nur eine stärkere kognitive Dissonanz entwickeln, damit du deine Entscheidungen von der Verantwortung für diese Entscheidungen klarer trennen kannst. Aber das ist Erfahrungssache und wird mit zunehmendem Alter besser.

    Dann kannst du dich selbst frei entscheiden, was du tun magst und musst keine Erwartungen anderer Erfüllen. Wenn das dann zu Ergebnissen führt, die nicht denen entsprechen, die man dir bei „wirklich freier Entscheidung“ unterstellt (also von dir erwartet), dann externalisierst du die Verantwortung dafür einfach an jemand anderen; die Rollenzwänge, gegen die kannst du schließlich nix machen.

  8. Ach, das war mal wieder sooooo ein guter Artikel, der mir aus der Seele spricht! Danke!

  9. Pingback: #WBR16 – Brigitte Online und ne Menge Linkliebe | Blanc et Noir – Vegan Beauty Blog

  10. Feminismus sagt aber auch, dass man sein Frausein so leben können sollte, wie man möchte und das schließt das typische Rollenklischee ein…in einer perfekten Welt, aktzeptiert jeder das Lebensmodell von anderen, und kann so frei wie möglich von gesellschaftlicher Indotrination und Erwartungshaltung leben 🙂

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