Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

So normal

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Vor einiger Zeit sprach ich mit Freunden über irgendein Thema, in dessen Verlauf ein Satz fiel, der zusammengefasst so viel wie „Der ist so furchtbar normal“ fiel. Der geneigte Leser weiß, dass Normalität ein Thema ist, dass mich untreibt. Denn: Was ist schon normal? Wir superlativieren uns durch das Leben, verhalten uns, als wären wir permanente Teilnehmer einer Castingshow – sei es als Juror oder zu castende Person. Es wirkt so, als würde es auf der ganzen Welt nichts Schlimmeres geben, als normal zu sein.

Auf der Flucht vor diesem kleinen Wort, das nur „der Norm entsprechend“ bedeutet, nehmen wir kaum zu bewältigende Herausforderungen an. Aber wer sagt schon, was die Norm ist? Wir leben in so vielen Gruppen und Gemeinschaften, dass „normal“ sich in jeder Zusammensetzung ändert. Wenn die Bremer Freundin und ich reden, dabei jeden zweiten Satz mit „Ich rotz gleich vor Lachen aufs Telefon“ beenden, dann ist das für uns völlig normal, weil wir immer so sind. Wenn ich mit meiner Mutter so reden würde, schlüge sie vermutlich nach kurzer Zeit die Hände über dem Kopf zusammen und zweifelte ihre Erziehungsarbeit an. Der Leipziger Freund und ich können stundenlang vor dem Fernseher sitzen und Horrorfilme aus allen Jahrzehnten seit Erfindung des Films sehen, während anderen Menschen vermutlich nach drei Sekunden aus Angst vor schlaflosen Nächten und Magendrehereien der Finger gen Aus-Knopf zucken würde.

Im Laufe der Zeit hat sich herausgearbeitet, was alle Menschen für normal halten. Einen Gartenzaun, einen Familienwagen, irgendwann Kinder bekommen, mindestens einen grauen Anzug im Kleiderschrank respektive ein Kostüm. Das Gegenteil von normal, das ist verrückt. Und verrückt, das sind wir gerne. (Ich nicht. Ich bin lieber entrückt.)

„Ich bin verrückt“ gehört in jede Kontaktanzeige und man sagt es zu gern über sich. „Ein bisschen verrückt“ meint, dass man vielleicht eine Schrankwand mit Leonardo-Gläsern hat, aber gern einmal die doppelte Menge Minze in seinen Hugo kippt (keine Ahnung, ob da überhaupt Minze hinein kommt). Mit „verrückt“ und „ein bisschen verrückt“ schaffen wir es, unsere Taten zu etwas Besonderem machen. „Das war schon verrückt“, sagte eine ehemalige Arbeitskollegin aus Oldenburger Zeiten gern einmal und die Dinge, die sie sagte, die fanden die andere Kollegin und ich gar nicht verrückt.

Wir wollen alles sein, nur nicht normal. Seit jeder Mensch nicht nur mehr Mensch sondern auch Marke sein soll, seitdem sind wir getrieben. Wir ranken Mythen um uns, garnieren unser Handeln mit Zitaten großer Denker (oder hin und wieder auch kleinerer), damit wir uns zu einem Kreis von klugen Persönlichkeiten gehörig fühlen und andere „Whoa“ denken. Wir machen Selfies und überfrachten sie mit Weichzeichnern, Filtern und falschen Beschreibungen. Ehrlich: Ich glaube den meisten Menschen nicht, dass sie nach dem Aufstehen aussehen, wie sie offenbar aussehen – ich sehe morgens bescheiden aus und mag und will nicht glauben, dass ich der einzige Aufstehende bin, der morgens wie eine nesselsüchtige Qualle mit Vogelnest aussieht (ich habe mir die Selbstbeschreibung bestätigen lassen).

Wir umgeben uns mit Menschen, die – in der Meinung irgendwelcher Menschen – nicht normal sind, weil wir in ihrem Umfeld etwas Exklusivität und Exzentrik abbekommen – und wer weiß schon, ob das Bild, das wir von uns zeichnen, wahr ist? Hauptsache Selfies und Posts, Sonnenbrille und zeigen, dass wir es drauf haben, das Anderssein, das Un-Normale, das Un-Gewöhnliche. Es steigert den Markenwert, den Marktwert und das Gefühl, nicht in der Menge unterzugehen.

Dabei ist es doch hin und wieder und vielleicht sogar meistens ganz wunderbar in der Menge unterzugehen; nicht niemand zu sein, aber dafür unsichtbar. Sich keine Gedanken um den Marktwert machen zu müssen, sondern darum, ob man nun Schoko- oder Vanille-Eis nimmt, was vielleicht nicht exotisch und sehr normal ist, aber eben immer noch am besten schmeckt.

Und nun bin ich am Ende und mir fehlt wieder einmal der Schluss. Sagen wir doch einfach mal ganz gewöhnlich:  Tschüß!

 

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