Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Entschuldigung – kennen wir uns?

9 Kommentare

Der Leipziger Freund und ich schicken uns jeden Tag eine Frage und beantworten diese. Sicherlich: Hin und wieder gibt es keine Frage, weil man nicht da ist, erst spät abends nach Hause kommt oder beim Ersinnen der Frage plötzlich einschläft. Meist holen wir das aber nach und stellen Fragen wie „Milchreis oder Grießbrei?“, „Ein Tag, Geld egal: Was machst Du?“ oder „Brötchenhälfte: oben oder unten?“.

Wir denken alle, dass wir unsere Freunde und unser Umfeld gut kennen. „Klaar, wir kennen uns doch seit Jahren!“ Wir wissen, warum die letzte Beziehung der besten Freundin in die Brüche ging, wie der Traummann aussieht und was er mitbringen sollte; wir wissen die Kleidergröße der guten Bekannten und dass der Bürokollege nicht frühstückt, damit er zehn Minuten länger schlafen kann.

Aber man weiß nie alles. Und das ist gut; ich mag es, selbst an mir nahen Menschen immer wieder neue Facetten, Macken und Abneigungen respektive Vorlieben zu entdecken.

Und doch geben es manche Menschen auf, den anderen kennenzulernen. Dabei gibt es immer wieder Neues zu erfragen und zu erfahren. Manchmal sind die Dinge vielleicht überraschend, weil wir gar nicht wussten, dass die Kollegin ebenso wie wir beim Anblick von Terracotta zitternde Zähne bekommt und den Milchkaffee auch gern mit so viel Zimt oben drauf trinkt, dass der Schaum unter der Last zusammensackt.

Man kann natürlich einwerfen, dass man nicht alles wissen muss und es kein besonderes Wissen ist, wenn man weiß, was der Lieblingskeks zum Nachmittagskaffee ist und dass der mit seiner Schokokruste auch direkt aus dem Kühlschrank kommen sollte. Aber es ist schön. Ich freue mich, wenn Freunde solche Belanglosigkeiten über mich wissen, weil es toll ist und man dann dort sitzen kann, auf dem Sofa, den eiskalten Keks mit der Zartbitterglasur in der Hand und denkt: „Hier mag man mich.“ Weil Aufmerksamkeit eben auch immer ein bisschen Wissen ist.

Es ist leicht zu sagen, dass man schon nach und nach die wichtigsten Dinge erfährt, aber manches eben nicht. Weil ich Milchreis ekelig finde, interessiert mich die Meinung meiner Freunde dazu. Und weil ich gern Tee mit Kluntjes trinke, ist es umso schöner, wenn ich auf ein „Magst Du gern Ostfriesentee mit Kluntje?“ ein begeistertes „Ja!“ erhalte.

Wir fragen vielleicht immer weniger, weil wir durch all die Sozialen Netze von so vielen Menschen so Vieles mitbekommen und das, obwohl wir es manchmal gar nicht wissen wollen. Da bleibt das „Wissen über Freunde sammeln“ auf der Strecke, zumal es dank der NSA und all der Firmen, die ebenfalls alles über uns wissen wollen, einen fiesen Beigeschmack nach Hustensaft und schimmeligem Brot bekommen hat. Aber es ist nicht schlimm, Dinge über seine Freunde und seine Familie und seine Liebe zu erfragen.

Schlimmer ist es doch, nicht so viel zu fragen und kein Interesse, keine Aufmerksamkeit zu zeigen. Mich interessiert tatsächlich, was die Meinung meiner Freunde zu Gardinen und Vorhängen ist, wie sie einen Tag verbringen würden, wenn sie die Zeit und das Geld hätten, alles zu tun. Ob sie schon einmal einen Iro hatten und was ihre Lebenspläne mit 15 Jahren waren. Weil es die kleinen Dinge und Meinungen und Geschichten sind, die so viel über uns sagen.

Und wir erfahren dabei auch so viel über uns selber. Wir wissen, was die deutsche Nationalmannschaft am Montag gefrühstückt hat (Nudeln), aber antworten auf „Was ist denn Dein liebstes Frühstück?“ mit „Hm, muss ich nachdenken“. (Rührei, ganz viel Butter, frische Brötchen, Vollkornbrot, Käse, Frischkäse, Tomaten, frischer Orangensaft, erst Milchkaffee, zum Abschluss Tee und ganz viel Zeit) Wir wissen so viel, aber so wenig über uns und die Menschen um uns.

Deshalb: Und? Was esst ihr am liebsten zum Nachmittagstee oder Nachmittagskaffee?

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Wem nun übrigens ein Beitrag zur WM von mir an dieser Stelle fehlen sollte:

Hier schrieb ich über die Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina (120 Minuten).

Hier schrieb ich über den Unterschied von nationaler Identität und Nationalismus (Les Flaneurs).

Und hier schrieb ich vor zwei Jahren im Blog über Eventisierung im Fußball anhand der EM. 

9 Kommentare zu “Entschuldigung – kennen wir uns?

  1. Ich esse immer am liebste etwas Selbstgebackenes und, ja, ich mag es gerne sehr süß ;)! Bei der genauen Auswahl bin ich flexibel. Tee trinke ich nur noch selten, obwohl ich ihn eigentlich gerne mag, eher schon Kaffee und dann mit viel Milch und Zucker (schuldig überführt). Und du so?

  2. ich finde die theorie, dass man immer weniger fragt, weil man überall mit (ungebetenen) infos zugepflastert wird, sehr interessant. überlege gerade, ob der andere dann vergisst, was man schon weiß – oder dinge voraussetzt, die man doch vergessen oder nicht gesehen hat. und was sich daraus für ein passiv-nebulöses informationsverhalten entwickelt, im gegensatz zum alten und aktiveren wissen.

    • Es gibt doch dieses „Ich habe mehr vergessen, als Du je gewusst hast“ – und da ist etwas Wahres dran. Wenn ich mir überlege, wie viele Informationen ich am Tag bekomme und wie diese mein Gehirn verstopfen und ich Wichtiges vergesse, weil ich stattdessen dreimal bei Facebook lese, dass es offenbar eine spannende Game Of Thrones-Folge gibt (eine Serie, die ich langweilig wie uninteressant fand) und …. Aaaah! Was wollte ich noch einmal sagen?

  3. Mir wiederum gefällt nicht nur dieser wunderbare Blogartikel, sondern vor allem die Antwort von Rocknroulette. Weniger Fragen, weil zu viel Infos … Spannend. Kann schon sein – automatisch schleicht sich der Gedanke ein, man wisse ja bereits so viel. Schade, irgendwie.

    Ach und: noch warmen Rührkuchen, ohne Glasur. Am liebsten Banane oder Zitrone oder Schokokirsch.

  4. Zitronenrührkuchen… Ein Traum!

    Und: Wir sollten mehr gezielte Fragen stellen und nicht so alle herumstreunenden Informationen einsaugen. Glaube ich.

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