Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

#mutmachparade: Zwei Treppenstufen auf einmal

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Ich habe vor einiger Zeit schon einmal über Mut geschrieben. Und darüber, dass das, was wir Mut nennen, nur von Außen wie Mut aussieht. Oftmals ist es aber nur das Einzige und das Letzte, was uns übrig bleibt. Weil es keine andere Möglichkeit gibt und wir wissen: Wenn wir uns jetzt fallen lassen, dann stehen wir nicht mehr auf, bleiben am Boden sitzen, die Beine umklammert, die Wand anstarrend.

Johannes Korten hat eine Blogparade ins Leben gerufen, die #mutmachparade. Für gewöhnlich mag ich Paraden nicht, weil zu viele Blogger nicht aus Spaß an der Sache mitmachen, sondern um Klicks zu generieren; nicht um Leser mit interessanten Geschichten zu unterhalten oder zum Nachdenken anzuregen.

Aber Mut: Mut ist wichtig. Ich mag das Thema; weil wir so häufig sagen „Boah, ist der oder die mutig; ich könnte das nicht“ und damit gar nicht immer Mut meinen. Manchmal ist es eher die Art, wie wir etwas, dem wir nicht entgehen können, ins Gesicht blicken. Heike Schmidt hat einfach recht, wenn sie sagt „Mut ist, wenn man auch weglaufen könnte„.

(Und ich sage so selten, dass mich etwas bewegt, aber der Text von Heike: Es gibt vermutlich keinen Artikel, den ich den vergangenen Tagen häufiger las. Weil wir alle so viel jammern. Das Wetter ist zu warm, zu kalt, wir haben keine Zeit, uns ist langweilig. Die Nudeln schmecken nicht und im Fernsehen läuft auch nichts. Und dann gibt es diese Menschen, die hätten jedes Recht der Welt zum Wehklagen – aber sie tun es nicht; sie packen es an. Davor habe ich so viel Respekt, dass kein Wort der Welt richtig und passend ist und deshalb kann ich dem geneigten Leser nur empfehlen, den Text von ihr zu lesen, danach einmal tief durchzuatmen und zu sagen: „Okay, die Nudeln sind versalzen. Aber es ist e g a l.“)

Das sind (hier kommt nun der Anschluss an den Absatz vor der riesigen Klammer) freie Entscheidungen. Bungee-Jumping ist mutig, weil man im Moment des Abgrundes sagen kann: „Schnall mich ab, ich will das nicht“ – was übrigens wirklich bewundernswert ist, weil mindestens eine Person danach sich zurücklehnend sagt: „Also ich hätte mich das ja getraut.“ (Und die natürlich nie Bungeespringen wird und vermutlich nicht einmal zwei Treppenstufen auf einmal nimmt.) Sich die langen Haare abschneiden ist mutig, weil man sie auch dran lassen könnte, weiter mit seinem Pferdeschwanz durch die Gegend ziehen könnte und weiß, dass man gut aussieht. Es ist mutig, sich aus seinem Job heraus selbstständig zu machen, weil man vor Einwurf der Kündigung oder des Gesprächs, in dem man mitteilt, seine Stunden zu reduzieren, einen Rückzieher machen könnte.

Aber es gibt so viele Dinge, da können wir nur noch reagieren, zwischen Elend und noch größerem Elend wählen, hoffen, dass das, was wir jetzt tun, funktioniert und wir nicht schon wieder verlieren, vor die Wand laufen, uns die Knie blutig schlagen.

Ob nun mutig oder gezwungen handelnd: Das Unschöne an der Situation ist, dass wir nie wissen können, ob es sich lohnt. Sei es, dass wir uns die Haare abschneiden, weil da das Gefühl ist, man müsse sich nun dringend verändern. Oder sei es, weil wir keinen anderen Ausweg sehen und wissen – siehe oben: Wenn wir uns nun fallen lassen, dann bleiben wir sitzen.

„Weil es manchmal egal ist
ob man jetzt wirklich, wirklich mutig ist
oder nur tut als ob.“ (Kettcar, Fake For Real)

Vor einiger Zeit habe ich versucht, mutig zu sein. Ich hätte es nicht tun müssen. Stattdessen aber stieg ich in die Straßenbahn, klingelte bei mir unbekannten Menschen, um in ein Haus zu gelangen und warf meine Telefonnummer in den Briefkasten eines Mannes, den ich einige Wochen vorher kennengelernt hatte. „Cool“ sei das, meinten die Jungs. „Du kannst das“, sagten sie. „Und Du bist sehr mutig.“ Ich hingegen fühlte mich gar nicht mutig. Mir war schlecht, es regnete und mein Pony hing mir wie Fett ins Gesicht. Dazu grummelte mein Magen vor Stress und meine Finger waren blau vor ängstlicher Kälte.

An diesem späten Nachmittag, nachdem ich den Zettel eingeworfen hatte und mir vor Erleichterung ganz schlecht war, dachte ich darüber nach, wie viele Sachen man schon tat, voller Stolz, das man all seinen Mut zusammengenommen hatte. Nur um dann nach einiger Zeit zu merken, dass man vielleicht mutig war, aber auch ziemlich dumm. Und dass es neben aller Dummheit aber auch sein Gutes hat und hatte. Weil wir eben nicht die wären, die wir sind, wenn wir nicht hin und wieder klug mutig, dumm mutig oder gezwungen handelnd wären. Wir brauchen in allen Fällen nur Jemanden, der uns sagt: „Du kannst das.“

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