Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Superlativierung

5 Kommentare

Schön. Einfach nur schön.

Schön. Einfach nur schön.

Ich habe einst für ein Nachrichtenportal gearbeitet, dessen formuliertes Ziel es war, durch waghalsige Überschriften möglichst viele Leser einzufangen und ihnen durch immer neue Superlative weitere Klicks zu entlocken. Damals, also vor wenigen Jahren, begann ich, eine Abneigung gegen Superlative zu entwickeln. Nicht einmal die Bäckerin meines Vertrauens und ihr „einzigster“ hatten das geschafft, was ungezählte Bildstrecken zu superlativesken Hotels, Kuriositäten und Regierungsformen dann innerhalb weniger Monate erreichten.

Im Deutschen gibt es drei Formen der Steigerung, wenn man denn die Grundform, den Positiv, miteinbezieht. Darauf folgt der Komparativ, dann der Superlativ. In den vergangenen Jahren haben die Menschen vergessen, dass es eine Grundform und eine einfache Steigerung gibt. Der Superlativ ist das Mindeste und die im Deutschen eigentlich unbekannten Formen – Elativ und Exzessiv – werden immer häufiger verwendet.

Ich weiß nicht, wie viele Bilderstrecken ich in den vergangenen Monaten sah, in denen die „schönsten Urlaubsorte“ angepriesen, die „wunderbarsten Brunch-Rezepte“ schmackhaft gemacht und die „traurigsten Geschichten zum Muttertag“ versprochen wurden. Einmal ganz davon abgesehen, dass alles „unglaublich“ ist und ich „meinen Augen nicht trauen werde“. Alles ist einzigartig, selbst der zwölfte Aufguss der Geschichte zu Unterwasser-Restaurants.

Wir haben uns mittlerweile auch selber angewöhnt, immer alles minimal als Superlativ zu sehen. Vielleicht ist Whitney Houston schuldig, weil sie einst One Moment in Time sang und wir seitdem nach dem einen Moment suchen, der einzigartig ist und dem all die Superlative vereinigt sind.

Sicherlich: Wir sollen streben. Nach Höherem, das Beste aus uns herausholen. Aber manchmal wirkt es so, als würden manche Menschen einen Moment kaum genießen können, weil sie nicht mehr als drei Superlative zuzüglich einem Exzessiv unterbringen können.

Und oft genug steigern wir nicht die Grundform, den Positiv. Wir steigern den Negativ, machen aus einem Mückenstich einen Allergie, aus einem schlechten Vormittag einen schlechten Tag, obwohl doch am Nachmittag die Freundin mit Kuchen zum Kaffee kam und wir lachend vom Sofa fielen.

Denn Superlative geben nicht nur uns das Gefühl, dass unser Leben beeindruckend ist, dass wir gerade einen ungemein wichtigen Artikel lesen – sie sorgen auch für Aufmerksamkeit. Nur so ist zu erklären, dass Facebook von heftig-Artikeln vollgespammt ist (keine Angst, kein Link zur Seite), die nicht im geringsten halten, was sie versprechen. Wir alle wollen Teil des Unglaublichen sein, selber Dinge nicht glauben können. Wobei ich mich hin und wieder auch frage: Warum soll ich nicht glauben, dass jemand das Gesicht verzieht, wenn er das erste Mal in eine Zitrone beißt?

Und dazu gehört eben auch, dass wir unser eigenes Leben superlativieren, vergessen dabei aber, dass wir den Superlativ schon einmal vergaben. Bei Facebook beobachte ich bei einer Bekannten nun bereits die vierte große Liebe innerhalb von nur zwei Jahren. „Du machst mich zum glücklichsten Menschen der Welt“ schreibt sie so häufig auf Pinnwände wie andere Geburtstagswünsche. Ja, vielleicht ist es so, dass jeder sie glücklich macht, jeder auf seine andere Art. Aber der Superlativ wird immer weniger wert. Die Inflation des Superlativs. Es reicht nicht mehr, dass wir glücklich sind – wir müssen am glücklichsten sein. Nur im Gegensatz zu wem?

Ich gebe es zu: Auch ich gebe mich hin und wieder den Superlativen hin. Rund 20 Jahre nach meiner Weisheitszahn-OP bin ich der festen Überzeugung, nicht nur an den blutrünstigsten Kieferchirurgen geraten zu sein, sondern auch die schlimmsten Schmerzen gehabt zu haben, die jemals ein Mensch im Zuge einer Entfernung von vier Weisheitszähnen erleiden musste. Mein Kopf nahm Ballonform an und das Blaugrün meiner Wangen war definitiv das blaugrünste Blaugrün, zu dem Haut in der Lage ist. Auch habe ich die besten Freunde, das kaputteste Fahrrad und die schönste Katze. Mal ganz davon abgesehen, dass ich Erdbeermarmelade koche, die unglaublich (gut) schmeckt und die man nicht mehr vergessen kann.

Jeder darf Superlative verwenden. Trotz meiner Abneigung verwende ich sie ja auch hin und wieder (siehe oben). Aber manchmal – ziemlich oft – reicht es mir, wenn ich einen Tage im Positiv lebe. Und das ist manchmal schon schwer genug. Dann lehne ich mich zurück und denke: „Schön. Einfach schön.“

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5 Kommentare zu “Superlativierung

  1. Hi Ulrike, das ist der tollste Artikel, den ich jemals zu dem Thema gelesen habe (sorry, konnte ich mir nicht verkneifen ;-). Aber mir geht diese inflationäre Verwendung von Superlativen auch tierisch auf den Wecker. Z.B. hatten am Samstag beim DFB-Pokalfinale laut dem Reporter anscheinend mehrere Spieler auf dem Platz einzigartige Schusstechniken (zumindest hatten sie keine einzigartigsten Schusstechniken). Dann doch lieber ein Lob dem Mittelmaß!

  2. Vielleicht liegt es einfach daran, dass „richtige Journalisten“ irgendwann gelernt haben, den Blick dafür zu schärfen? Berichten ist eben nicht marktschreien. Und marktschreierisches Zugehen auf die Welt ohnehin eine Eigenschaft, die Zeitgenossen nicht unbedingt symphatischer macht.

  3. Ich hab mal irgendwo gelesen „You are the most bestest person I know.“ Das war süß. Alles andere unterschreibe ich genau so, wie du es geschrieben hast!

  4. Ich hasse schon das Wort „Beste Freundin“. Beste und liebste wird in meiner Famile eh nur ironisch benutzt. Allerliebste Lieblingsmutti, allerliebste Lieblingschwester (gibt nur eine) alleliebstes großes Kind, allerliebstes Kleines Kind usw., also nur da, wo es eh nur einen Vertreter von gibt.

  5. Im Internetzeitalter muss man den Leser leider mit dem ersten Satz, besser noch allein mit der Überschrift für sich einnehmen (Stichwort: „Reizüberflutung“).

    Bedenklicher als diese aufgezwungene Konvention durch das Medium selbst – das kann man noch als nun mal gängiges Stilmittel werten – ist meines Erachtens die dargestellte unbewusste Übertragung auf die eigenen Ansprüche und Leben.

    Die Medien mit ihren gephotoshopten und zusammengeschnittenen und musikunterlegten Ausschnitten der Welt, in der alles Außergewöhnlich ist, trimmen uns auf eine Illusion, der wir dann in dem Irrglauben nacheifern, dass dies die Realität sei.

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