Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Espressoglas

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Vor einigen Tagen sprachen der Leipziger Freund und ich über Gläser. Über die halb Vollen und die halb Leeren und warum wir an Gläsern, die es offenbar in nur zwei Versionen gibt, unser Leben festmachen. „Halb leer ist mein Glas“, sagte der Freund und ich erklärte ihm, dass mein Glas vor allen Dingen voller lustiger Blasen sei und ich die Metapher doof fände und sein Glas sicherlich nicht halb leer sei, wohl aber offenbar zu groß.

Denn wenn das Glas nicht ganz gefüllt werden kann, dann braucht er eben ein kleineres Glas. Vielleicht nur ein Glas für einen Espresso (den man natürlich eigentlich aus Tassen trinkt, aber wir wollen nun mal nicht so sein), aber es ist dann immerhin voll und man muss nicht mehr lamentieren. Und wer hat eigentlich irgendwann die Vorstellung geprägt, dass in dem Glas Wasser ist? Vermutlich noch stilles Mineralwasser, das ich ohnehin nicht gern mag.

Mit den Gläsern verhält es sich ähnlich wie mit der Metapher vom Leben als Ponyhof. Oder besser „Das Leben ist kein Ponyhof, Ulrike“.

Wenn wir – meist aber andere – sagen, das Leben sei kein Ponyhof, dann wollen wir eigentlich sagen, dass das Leben kein leichtes Unterfangen ist und nicht jeden Abend die Sonne am rosafarbenen Himmel untergeht, wir nicht jeden Abend lächelnd ins Bett gehen und der Tag voller Zimtschnecken und Milchkaffees mit einer Extraportion Milchschaum ist.

Wer schon einmal auf auf einem Ponyhof war, weiß, dass vor dem Ausritt im Abendlicht mit anschließendem Kräutertee auf der Bank im Kerzenschein das Ausmisten kommt, das Saubermachen, der Rückenschmerz, weil Mist und Heu und all das, was man so wegschaffen muss im Laufe eines Tages, schwer sind. Und wenn es dann regnet und die Koppel matschig ist, die Gummistiefel sich bei jedem Schritt im Boden festpropfen und die Tropen von den Knien direkt in die Schuhe laufen und dort die Socken dort durchweichen: Ja, dann weiß man, dass das Leben sehr wohl ein Ponyhof sein könnte.

Mit dem Glas wie auch mit dem Ponyhof verhält es sich so: Es ist Interpretationssache, eine Sache der Fantasie und Auslegung. Wer immer nur ein halb volles oder ein halb leeres Glas zur Beschreibung seiner Stimmung benötigt, vergisst, dass er die Größe des Glases selber bestimmt; und den Inhalt sowieso. Im Falle des Leipziger Freundes beschlossen wir (eigentlich ich), dass er – siehe oben – ein Espressoglas voller bestem Espresso mit feiner Crema und einem kleinen Löffel Zucker besitzt. Mein Glas hingegen ist ein kleines Pintglas, vor Kälte beschlagen und hat als Inhalt prickelnde Maracujasaftschorle mit mehr Mineralwasser als Saft.

Vor Jahren sagte ein Kunde einmal zu mir, er trinke seinen Kaffee wie die Nacht. Ich stellte mir vor, wie er sich das Licht zu jeder Tasse Kaffee anknipste, ein Buch nehmen würde, die Beine hoch, die Bettdecke an den Seiten festgestopft. Er meinte „heiß und schwarz“. Ein furchtbarer Spruch. Kaffee wie die Nacht. Während der Weißen Nächte in St. Petersburg würde das wohl bedeuten, dass man einen Milchkaffee möchte; während einer Freitagnacht mit Zugabe von Vodka. Und ich mag meine Nacht am liebsten im Bett, mit warmen Füßen, einem gemütlichen Kissen und Ruhe.

Wir sollten uns viel weniger von all diesen Sprüchen und Vorstellungen, die damit verbunden sind, beeindrucken lassen. Dem nächsten Menschen, der zu uns sagt „Das Leben ist kein Ponyhof“ einfach mal antworten, dass man aus dem Grund bereits in der Früh die Ställe reinigte und nach dem Fohlen sah, dann aber eine Runde durch den Wald im Frühnebel reiten konnte. Den nächsten Menschen, der  „Mein Glas ist halb leer“diagnostiziert, einfach mal fragen, ob man etwas aufgießen soll und was er denn gern hätte – und wenn es nur ein kleineres Glas ist. Dem nächsten Menschen, der den Kaffee wie die Nacht möchte, einfach mal ordentlich Milch reinkippen und eine Wolldecke dazu reichen. Und dann eine „Gute Nacht“ wünschen.

Gute Nacht.

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