Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Gewöhnungsangst

3 Kommentare

Der ein oder andere Leser wird sich noch an meinen braunen Kugelschreiber erinnern. Ich hatte ihn verloren und vermisste ihn sehnlichst. Er schrieb perfekt, kratzte nicht – mein Kugelschreiber und ich waren ein gutes Team. Ohne ihn war Schreiben nicht mehr das selbe.

Ich bin ein Gewohnheitsfräulein. Dabei habe ich zu kaum etwas anderem ein kaputteres Verhältnis, ein Zustand zwischen Hass und Liebe und „Geh weg“ und „Bleib bei mir“. Ich mag Gewohnheiten, weil sie Struktur im furchtbar flexiblen Alltag geben. Ich mag sie nicht, weil sie ein Loch hinterlassen, wenn sie wegbrechen.

Allmorgendlich schlich ich mich bis November aus dem Haus, weil ich vor der Arbeit und ohne mein zweites Heißgetränk nicht gern plaudere. Meine Nachbarin aber plauderte gern. Morgens, abends – manchmal stellte sie sich auf ihren Balkon und rief immerzu „Frau Nachbarin“, womit sie mich meinte. Eine Runde plaudern wollte sie, weil ihr Mann das Hörgerät wieder einmal ausgeschaltet hatte – das einzige Mittel gegen plauderwütige Altfräuleins.

Nun wo sie tot ist, fehlt mir das morgendliche Schleichen durch den Hausflur, die halbe Treppe hinunter zum Ausgang zum Fahrrad, das vorsichtige Aufschließen vom Fahrradschloss, den Kopf leicht eingezogen, als würde allein das mich unsichtbar machen.

„Gewohnheit“ und „Gewöhnung“ bräuchten mehr als ein Wort für diesen Zustand. Weil – siehe oben – manche Gewohnheit toll ist und sie nicht fehlen soll. Aber ist etwas nicht „gewöhnlich“ sobald wir uns daran gewöhnt haben? Und soll unser Leben nicht alles aber nicht gewöhnlich sein?

Ich beobachte bei mir und vielen anderen Menschen, dass wir uns an manches nicht gewöhnen wollen, weil die Angst zu groß ist, dass dann – wenn man sich an etwas gewöhnt hat – vorbei ist und man sich entwöhnen muss. Und entwöhnen, entwöhnen ist scheiße. „Bindungsangst“ heißt das in den Frauenzeitschriften und ich hasse den Begriff. Wer ist schon bindungsfreudig und somit bindungsfähig? Und warum sagen wir Bindung, wenn es doch danach klingt, als sei man gefesselt? Ich zumindest muss bei „Bindung“ an meine Kabelbinder denken, die ich benutze, um Dinge so festzuzurren, dass nichts und niemand sie mehr trennen kann – ob sie wollen oder nicht.

Vielleicht sind wir alle nicht gewöhnungsfähig. Weil wir Angst vor dem Entwöhnen haben. Weil wir Angst vor dem Moment haben, in dem Dinge, die uns Halt gaben, plötzlich wegbrechen. Und deshalb lassen wir es immer wieder gar nicht zu, dass etwas zu einer Struktur wird. „Lass uns so auf dem Sofa liegen, so lagen wir doch auch gestern und es war…. “ „NEEEEEEEEIN!“

Damit machen wir uns eine ganze Menge kaputt und ich sage das, während ich aus Angst vor Gewöhnung an Dinge und Menschen und Strukturen schon meine besten Weglaufschuhe trage. Wir wissen natürlich, dass manche Gewohnheiten gut für uns sind, sie fernab von dem sind, was als „gewöhnlich“ zu bezeichnen ist. Aber nur weil man es weiß, heißt das nicht, dass man damit umgehen kann. Ich weiß viele Dinge, aber damit umgehen kann ich nicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass wir der Gewöhnung aus dem Weg gehen, weil wir es mit langweilig gleichsetzen. „Ich gehe jeden Morgen durch den Park zur Arbeit“ steht beinahe synonym für „Ich traue mich nicht, andere Wege zu gehen“. Dabei heißt es das nicht; es kann so viel mehr bedeuten. Es kann heißen, dass wir diesen Weg lieben, dass wir den ganz bestimmten Blick auf diesen einen Baum mögen, weil wir dort einmal im Mondschein geküsst wurden. Vielleicht gehen wir ihn gern, weil wir ihn so gut kennen, dass wir ihn blind und in Gedanken versunken gehen können. Und vielleicht gehen wir auch jeden Tag diesen Weg und verraten niemandem den Schlenker vorbei am Bäcker, bei dem es mal Franzbrötchen und mal Milchbrötchen mit Butter gibt.

Es gibt Dinge, an die kann man sich gewöhnen und es ist gar nicht schlimm. Nichts daran ist gewöhnlich, sondern vielmehr außergewöhnlich. Wir sollten viel häufiger unsere Weglaufschuhe ausziehen, stehen bleiben und die Gewohnheit auf uns zukommen lassen. Vielleicht müssen wir uns ja ausnahmsweise gar nicht entwöhnen, sondern lassen es einfach so wie es ist. Und finden es in Ordnung.

 

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3 Kommentare zu “Gewöhnungsangst

  1. Oh nein, die Wäscheklammernachbarin? Vom Balkon direkt nebenan?

  2. Der Ausdruck „Bindung“ ist im zwischenmenschlichen Kontext ja eben nicht als ein Festgekettetsein zu verstehen. Sondern als eine Form der psychischen, duchaus neuronal begründeten Veränderung im Hirn, die eine Bindung zu anderen Menschen gerade auch dann aufrecht erhält, wenn der Bindungspartner nicht anwesend ist. Die Existenz einer solchen Einrichtung hat ja zig evolutorische Vorteile und gleichzeitig wurden mehrere, verschieden effektive Stile der Bindung von einer Mutter ans Kind identifiziert. Glücklich hier, wer mit einer „sicher gebundenen“ Beziehung zu seiner Mutter aufgewachsen ist, was nicht jedem vergönnt ist.

    Dass man dabei im Deutschen einen Ausdruck verwendet, der in anderen Kontexten („Kabelbinder“) eben tatsächlich eine fixe, ja gewünscht unauflösliche Bindung bedeutet, ist etwas unglücklich. Wenn man das englische „attachment“ verwendet statt dem deutschen „Bindung“ wird es vielleicht etwas weniger fragwürdig in seiner Verwendung. Auch wenn das wiederum übersetzt „Bindung“ bedeuten mag, kann man sich doch bei dieser Vokabel eher von dem Bild dieser unauflöslichen Bindung freimachen, die auf manche vielleicht beängstigend wirken mag. Halte das hier aber wirklich für ein eher durch sprachlichen Zufall unglücklicherweise erzeugtes Phänomen, dem keine Realität zugrunde liegt.

    Ja, und sorry, dass ich jetzt quasi nix zum eigentlichen Thema beitrage.

  3. Wegen der Wäscheklammerntante vom Balkon nebenan wohne ich so gern in meiner Massenunterkunft. Das isz wunderbar anonym. Auch wenn mich nach 15 Jahren doch viele kennen und anquatschen. Aber die Chance, unerkannt rein in die Wohnung und raus zu kommen, ist doch sehr groß. Früher zog ich durchschnittlich alle 2 Jahre um. Als ich in das Hochaus zog, wollte ich nur 1 Jahr bleiben. Schon, weil es eine Platte ist. „Das tut man doch nicht“ Nun bin ich ausgerechnet hier seßhaft geworden. Manche Gewöhnungen passieren lautlos

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