Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Aufgekrempelte Ärmel

11 Kommentare

Ich war mal ein sehr politischer Mensch. Naja: Ich trug einen Che Guevara-Pullover und träumte mit einer Freundin davon, einen Staat auf einer Nordseeinsel zu errichten, in dem alle gleich sein würden und nur wir gleicher als alle anderen sein würden, weil wir ja erst das gelobte Land, die Nordseeinsel, okkupiert hatten und deshalb begründbar besser als die seien würden, die uns nur nachgefolgt waren. Wir waren so politisch, wie man eben mit 16 Jahren und grüngefärbten Haaren ist.

Als ich dann Politik studierte, schwand meine Begeisterung für politische Systeme und die Zusammenhänge bereits im ersten Semester. Eigentlich ging es schon in der Vorstellungsrunde los, weil eine Studentin der Sozialwissenschaften ihr Studienfach mit „Weil ich schon immer etwas Soziales machen wollte“ begründete; das Sommersemester darauf wechselte sie zu BWL.

Ich bin kein sonderlich politischer Mensch, auch wenn man kaum nicht politisch sein kann. Ich bin in keiner Partei, auf Demonstrationen findet man mich selten. Meine Einstellung zu anderen Meinungen ist durch „Wenn sie anderen nicht weh tun, dann ist es okee“ geprägt, was ganz links und alles rechts also schon einmal ausschließt.

Aber was ich eigentlich berichten wollte:

Im Mai sind nicht nur Europawahlen, in Leipzig wird auch der Stadtrat neu gewählt und dafür wurde am vergangenen Wochenende die ganze Stadt mit Plakaten gepflastert. Damit wir auch wissen, wen wir denn so wählen sollen und können. Weil für Inhalte auf Plakaten nicht so viel Platz ist, geht es natürlich vorrangig darum, dass der Kandidat sympathisch rüberkommt und man denkt „Ja, der dürfte meine Katze füttern“.

Heute Morgen im Büro sorgten die Plakate dann aber eher für ein lautmalerisches „Häh?“ Denn vorm Büro hat eine Partei (die, die bis Ende 2013 mitregierte und dann gar keine Rolle mehr spielte) offenbar all ihre Plakate aufgehängt. „Ärmel hochkrempeln“ steht dort und man sieht eine Frau in weißer Bluse, die ihre Ärmel hochgekrempelt hat. Natürlich krempelt kein Mensch mit Verstand eine weiße Bluse hoch, um zu arbeiten. Vor allem keine aus teurem Tuch. Wer die Ärmel hochkrempelt, um Dinge zu erledigen, der wird dabei schmutzig und schwitzt und da ist ein weißes Hemd doch eher ungünstig. Man ist dabei auch nicht geschminkt wie die Dame auf dem Plakat und hat auch keinen Blick, der sagt: „Heute Abend DSDS oder doch lieber Kegelabend mit Bauernfrühstück?“

Martin und ich schüttelten ob der Ästhetik des Ganzen den Kopf und fanden uns in einer Spirale der wahlplakatlichen Entgleisungen wieder. Unvergessen die Grünen zur Bundestagswahl, die uns auf den Wahlplakaten offensiv duzten, so Nähe herstellen wollten und doch nur unberechtigterweise den Tanzbereich der Vorbeieilenden betraten.

Man muss natürlich auch sagen: Wahlplakate sind wohl das Undankbarste, was Grafiker und Werber sich ausdenken dürfen. Auf der Größe eines Tabletts sollen eine Botschaft, ein Parteiname, der Anlass und ein lächelndes Gesicht untergebracht werden. Sind sie zu toll, werden sie von marodierenden Jugendlichen gestohlen und schmücken fortan die Kinderzimmer der Adoleszenten. Sind sie zu schlecht, machen sich furchtbare Blogger, die glauben, die Weisheit mit Eierlöffeln gegessen zu haben, darüber lustig und geben ungefragt ihre Meinung kund. Es gibt kaum einen Mittelweg und ist das Konzept gut, hat der Kandidat einen Schnurrbart, der jedem Pornodarsteller zur Ehre gereicht hätte.

Darum sollte es natürlich nicht gehen, auf Wahlplakaten. Aber weil die Botschaft eben meist aus Worthülsen wie „Ärmel hochkrempeln“, „Veränderung wagen“ oder „Mit uns wird alles besser“ besteht, muss man sich auf die Gesichter konzentrieren. Und da ist die Entscheidung eben „Dürfte dieser Mensch meine Katze füttern und meinen Wohnungsschlüssel haben?“. (Womit wir automatisch die Erklärung haben, warum rechte Parteien so gut wie nie die Gesichter der Kandidaten zeigen, sondern Oma Gerda und das ausnahmsweise mal lächelnde sonst aber schreiende blonde Balg aus dem Nachbarhaus.)

Interessant ist natürlich auch, was dann noch mit in das Bild montiert wird. Eine der Regierungsparteien hat zur Stadtratswahl  hinter die Köpfe der Kandidaten Leipziger Wahrzeichen montiert, um eine Verbindung zur Stadt zu suggerieren. Das ist wichtig, immerhin hat der gemeine Leipziger noch nicht oft genug das neue Rathaus oder dem MDR-Turm gesehen und freut sich jedes Mal, wenn er die Gebäude lieblos irgendwohin retouchiert sieht – und wenn ihm mitgeteilt wird, dass er als Leipziger auch den Leipziger Rat wählt und nicht den aus Merseburg Nord. Und zur Bundestagswahl hatte der  Spitzenkandidat einer Partei, die im Umweltschutz recht aktiv ist, nicht nur seinen Doktor-Titel mit aufs Plakat geholt und trug einen Hoodie, deren Kapuze er rebellisch aufgezogen hatte. Da wusste man zwischen akademischem Habitus, „Du“ und Hoodie gar nicht mehr, mit wem man es zu tun hatte.

Mich würde einmal interessieren, wie entscheidend Wahlplakate für die Wahl-Entscheidung wirklich sind. Oder ob sie nur als Erinnerung aufgehängt werden: „Seht her, bald sind Wahlen. Geht hin.“ Das fände ich durchaus ehrenwert. Und nun kremple ich mal die Ärmel meines alten Hemdes hoch: die Waschmaschine will repariert werden.

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11 Kommentare zu “Aufgekrempelte Ärmel

  1. Ich weiß zufälligerweise aus gut unterrichteter Quelle, daß zumindest manche Plakate in deutlicher Erinnerung bleiben:
    Das Wombat Plakat der Piratenpartei war so einprägsam, daß es den Menschen in Leipzig am besten gefiel.

    Blöderweise hing nur in Leipzig kein einziges..

  2. Die Kandidaten die sich PLakate machen lassen, bekommen wohl eher Stimmen, nach dem Motto, den hab ich schon mal gesehen.. Denk ich..

  3. Ich bin heute auch an dem Plakat vorbeigeradelt. Dieser Retrostil (exakt dieses Motiv kennt man ja sonst eher von Kühlschrankmagneten ausm NanuNana) mit diesem Slogan ließ mich leider irgendwie an Trümmerfrauen und Land-wieder-aufbauen und zeiten, als Frauen noch kein Konto eröffnen durften, denken. Und in Kombination mit der Partei, die sich so bewirbt, lässt mich das eher kopfschüttelnd und ratlos zurück.
    In einem sprachwiss. Seminar zu politischer Rhetorik haben wir mal Wahlplakate analysiert, von Adolf bis heute, inkl. DDR-Plakaten. Letzten Endes stellte sich durchaus heraus, dass Wahlplakate sehr einflussreich auf uns sind, zumindest mehr als gedacht. Manchmal ist es nicht mal das Gesicht oder der Slogan, der auf uns wirkt, selbst so banale Dinge wie Hintergrundfarbgebung, Schriftart, Kontraste können unbewusst beeinflussen.

  4. Hmmm, ob ich jemandem meine Katze anvertrauen würde, der von Merseburg Nord spricht? Ich bin mir da noch nicht sicher… 😀
    Am Besten fand ich vergangenen Herbst das Wahlplakat von Herrn Diaby in Halle: Mit Karamba in den Bundestag! Leider etwas zu groß für die Wohnzimmerwand…

  5. Der akademische Hoodie war aber zur Bürgermeisterwahl, oder?

    Aber sich ein Wahlplakat ins Zimmer hängen (also selbst ein… gelungenes…) – sowas gibt’s doch nicht in echt?

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