Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Label

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Klein-Ulrike. Label: Schrecken der Straßen Ostfrieslands

Klein-Ulrike. Label: Schrecken der Straßen Ostfrieslands.

Vor mehr als drei Jahren schrieb ich schon einmal über Label. Es ist ein Thema, das mich ziemlich häufig beschäftigt. (Den Artikel Sich selbst neu erfinden gibt es hier) Weil man meist nicht man selber sein möchte, lieber irgendjemand anders. Jemand, der im Kopf weniger chaotisch ist, fluffigeres Haar hat und nicht ständig sein Vorderlicht fürs Fahrrad vergisst. Das ist natürlich gar nicht so leicht, weil es Eigenarten und Dinge an uns gibt, die man nicht ändern und nur akzeptieren kann. 

Im Laufe der Zeit ändern sich unsere Label dann doch. Aus der Endzwanzigerin wird die Mittedreißigerin (mit gutem Willen: Anfangdreißigerin), aus der Angestellten wird die Selbstständige. Ich habe mir das ständige Nägelkauen abgewöhnt und bin nur noch Gelegenheitskauerin.

Viele Dinge davon geschehen fließend, nebenbei, ohne dass uns bewusst wird, was gerade passiert. Dann wachen wir morgens auf und stellen fest, dass irgendwas nicht mehr passt; etwas, das jahrelang so war und plötzlich nicht mehr ist.

Manche Dinge geschehen aber auch plötzlich. Manchmal sind sie gut, beispielsweise dann, wenn sich unser Leben plötzlich zum Besseren wendet. Manchmal sind sie ungut; nämlich dann, wenn aus der Angestellten plötzlich die Arbeitslose wird und man viele Stunde des Haderns und Weinens benötigt, bis man sich klar ist, dass man ein neues altes oder ein unbekanntes Label braucht – wieder „Angestellte“ oder doch „Selbstständige“?

Geschehen viele Dinge auf einmal, ändern sich die Label, die uns bisher ausmachten, kann das ganz schön verwirrend sein. Weil man sich eingerichtet hat in den Dingen, es dort bequem ist. Wir wissen, wer wir sind, was wir wollen, wo das Badehandtuch und wo der Gute-Nacht-Tee liegen. Label sind immer auch ein bisschen Komfortzone.

„Du hast Dich verändert“, wurde mir in den vergangenen Wochen ziemlich häufig gesagt. Das liegt vermutlich nicht nur am Pony, vielmehr haben sich in nunmehr drei Jahren Leipzig (und zwei Tagen) so viele Dinge getan, ich habe so viel erlebt, dass es kein Wunder ist. Jeder Mensch verändert sich, bekommt neue Label. Aber wenn wir es merken, dann sind wir – siehe oben – überrascht.

Es gibt auch Label, mit denen muss man erst einmal klar kommen. Sich langsam hineingewöhnen, hineinfinden. Sie erst einmal nur auf Probe anziehen, um zu gucken, ob wir uns damit wohlfühlen. Mit dem Gedanken spielen. Ich werde bald ein Gesellschaftsspiel erlernen. Ulrike, die Gesellschaftsspielerin, die dabei nicht Gift und Galle speit, sondern dem Spiel eine Chance gibt. Noch vor vier Monaten hätte ich mich geweigert, plötzlich denke ich: „Ich probiere es aus, es ist okee.“ Irgendwas muss sich geändert haben.

Hin und wieder muss man innehalten und darüber nachdenken, was sich alles verändert hat, wie alte Dinge abgelegt wurden und wir Neues anzogen. Aber weil das Leben eben so schnell ist, vergessen wir das manchmal. Oder wir laufen vor einem Label weg, das uns jagt, das uns gut tun würde, bei dem wir aber noch denken: „Nein, es passt mir nicht, ich kann das nicht.“ Vielleicht muss man aber stehen bleiben, das Label anziehen und es wagen. Das sind ohnehin die schwierigsten Label: die, die uns jagen, die wir noch nicht zulassen können, obwohl wir ahnen: Es könnte uns stehen, ganz vielleicht. (wagen – jagen – ahnen: nun gehe ich noch unter die Poeten.)

Und weil mein Fahrrad endlich wieder fährt (aber nicht wirklich repariert ist) pflege ich nun mein Label als rüpelhafte Radfahrerin und Schrecken aller Leipziger Verkehrsteilnehmer und beende diesen Text. Denn auch dieses Label werde ich so schnell nicht ablegen können: Ulrike, die keine Texte beenden kann, immer hofft, einige pastorale Worte zum Ende zu finden und dann doch scheitert. Aber immerhin sehe ich hübsch dabei aus.

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