Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Selbstoptimierung

9 Kommentare

Hin und wieder überkommt einen der Selbstoptimierungswahn. Mir ging es beispielsweise im Oktober so, als ich der festen Überzeugung war, dass meine Frisur definitiv besser sein könnte und ich mir in einem beinahe wahnhaften Zustand einredete, der einzige Weg zur Optimierung sei an diesem Sonnabend gegen 18 Uhr der, mir ein Glas Vodka einzuschenken, ein Tutorial bei YouTube anzusehen und mir einen Pony zu schneiden.

Seine Frisur zu verbessern, das geht recht schnell. Und besonders Frauen brauchen hin und wieder eine Neu-Optimierung, weil eine neue Frisur uns das Gefühl gibt, das alles anders ist. Neues Label, neues Leben und weg mit den alten Zöpfen, die uns nur behinderten.

Manch andere Dinge sind nicht so leicht zu optimieren. Und das macht es ziemlich anstrengend und schwer, weil die meisten Menschen immer einmal wieder – wenn nicht gar: immer – das Gefühl haben, nicht genug zu sein. Nicht gut genug.

Parameter, die uns sagen, wann wir dieses „genug“ erreicht haben, gibt es natürlich nicht. Hin und wieder setzt man sich die Grenzen, aber in den meisten Fällen ist es so, dass wir, sobald sie erreicht sind, die nächste Grenze setzen. Grenzverschiebung.

Schlimmer wird es, wenn wir plötzlich der Meinung sind, für andere Menschen nicht gut genug zu sein.

Ich kannte einmal einen Mann, der sagte generell zu allen Frauen, nachdem er sie durchgespielt hatte, er sei nicht gut genug für sie. Vordergründig ein „Du bist so toll, ich bin so beschissen“ ist es natürlich – machen wir es uns nichts vor – eine absolute Unverschämtheit. Er hoffte so, die Frauen zufrieden zurück lassen, mit dem Gefühl, toll zu sein und sich einem Schluffi hingegeben zu haben. Eigentlich aber – und das wusste er auch zu gut – brachte er ein Totschlagargument. Was soll man noch sagen, wenn der Andere einem doch… Naja, ich muss es nicht erklären.

Im Traum hielt er sich natürlich nicht für nicht gut genug. Er hatte sie einfach nur durch, wollte zu neuen Frauen schippern. Wogegen nichts einzuwenden ist, nur ehrlich sollte man dabei sein.

Vielen Menschen geht es so, dass sie sich wirklich nicht gut genug fühlen. Oder sei es nur ein: genug. „Nie bin ich genug“, sagte vor einigen Tagen eine Freundin und ich wusste genau, was sie meinte. Häufig beschleicht einen das Gefühl, man reiche einfach nicht.

Aber wozu genügen wir nicht? Wer sagt das, wer legt das fest, außer wir in unseren durchwachten Nächten, in denen keine Listen über die bravourösen Eigenleistungen erstellt werden, wir aber alle Makel feinsäuberlich auflisten und überhöhen? Und warum hören wir auf Menschen, die uns sagen, dass wir nicht gut genug für sie seien?

Es gibt immer Bereiche, in denen man nicht gut genug ist. Vermutlich gibt es mehr Bereiche, in denen man Schwächen hat, als die, in denen man seine Stärken hat. Ich kann beispielsweise nichts mit Zahlen, selbst beim Backen halte ich mich nicht an Mengenangaben, weil ich Zahlen von Grund auf misstraue. Ich kann nicht fußballspielen und trete nach dem Motto „Was mir an Technik fehlt, mache ich durch Leidenschaft wett“ gegen den Ball.

Aber das ist auch nicht schlimm. Man kann nicht alles können. Es gibt auf dieser Welt keinen einzigen Universalgelehrten, der gleichzeitig auch Universalmacher ist – auch wenn sich manche Menschen dafür halten.

Das soll nicht heißen, dass man nicht an sich arbeiten sollte. Ich arbeite jeden Morgen daran, dass mein Pony gut liegt und scheitere doch täglich. Aber ein wenig Realismus kann hin und wieder nicht schaden. Im Supermarkt kann ich überschlagen, welche Unsummen ich für Alkohol und Katzenfutter und Käse ausgebe – das reicht an mathematischen Fähigkeiten. Und beim Fußball habe ich immerhin schon einmal ein Tor geschossen (vor rund 25 Jahren, womit ich vermutlich auf einer Aktivitätsstufe mit rund 27,3 Millionen anderen Bundestrainern stehe).

Wir sollten uns viel häufiger sagen, dass wir gerade gut genug sind. Und wenn nicht für andere, dann eben für uns selber. Das ist – natürlich – leichter gesagt als getan. Ich zweifle ständig an mir und möchte mich immerfort optimieren. Aber hin und wieder sollte man sich sagen: „Ich bin vielleicht nicht gut genug, aber zum Milcheinkaufen reichts.“ Und dem nächsten Menschen, der sagt „Du bist nicht gut genug“ einfach zeigen, dass es vielleicht Dinge gibt, die wir nicht können, das sich-umdrehen-weggehen-und-keinen-Blick-zurückwerfen aber ganz sicherlich nicht dazu gehört.

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9 Kommentare zu “Selbstoptimierung

  1. Danke! Sehr schöner Text und absolut wahr! Ich bettele regelmäßig Freunde an, mir zu sagen, was sie an mir gut finden, weil ich das viel zu oft selbst nicht sehen kann. Man sollte sich wohl öfter mal sagen:
    „Zum Milcheinkaufen reichts!“ ❤

  2. Ich habe vor Jahren mal einen WG-Ratgeber gelesen, der sich als erstaunlich weise und bedeutsam für mein Leben erwiesen hat.
    In dem Ratgeber wurde nämlich die 80%-Regel erläutert, um das Putzen zu erleichtern: „Wenn du 100% machen willst, klingt es unerreichbar, und du fängst gar nicht erst an. Versuch doch stattdessen 80% – das ist auch sauber, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dein Mitbewohner nächste Woche zumindest einen Teil der nicht geputzten 20% putzt, was insgesamt zu deutlich mehr als 80% führt.“

    Und das hat einem verkappten Perfektionisten wie mir viel Leid in meinem nicht perfekten Leben erspart.

    Die 80%, das ist dein „Zum Milcheinkaufen reichts“. Natürlich darf – und sollte man in Maßen – nach mehr streben. Aber 80% sind auch schon verdammt gut.

  3. Ein sehr schöner, aufmunternder Text.
    Lachen musste ich bei der Skepsis Zahlen gegenüber, da habe ich mich glatt wiedergefunden.
    Aber wenn man sich selbst zumindest ab und an mal ganz gern mag und auch die guten Seiten an sich sieht ist man auf einen guten Weg.

  4. Dein Text kommt genau zur richtigen Zeit, die „Ich bin einfach nicht genug“ – Kurve hat mal wieder einen neuen Höchstpunkt erreicht in meinem Leben. Weshalb ich jetzt zum allerersten Mal etwas Re-Blogge: nämlich deinen 100%igen Text!

  5. Hat dies auf mama007 rebloggt und kommentierte:
    Eigentlich muss ich hierzu nix sagen. Lest einfach selbst!

  6. Ein toller Post. Ich habe das zusätzliche Vergnügen, mich beim Selbstoptimieren im Spiegel anschauen zu dürfen. Im Lebensgröße. Beim Training. Und es sieht selten optimal aus. Da hilft dann nur noch Humor… 🙂

  7. Hat dies auf Saba Dabadoo rebloggt und kommentierte:
    Wunderbar ausgedrückt. Mal wieder!

  8. Ich finde diesen Text sehr deprimierend. Es muss furchtbar sein, sich selbst nicht zu genügen. Natürlich ist es nur gut, ab und an zu zweifeln, dass spornt an, mehr zu „leisten“, aber grundsätzlich sollte doch jedem Menschen klar sein, dass alle Menschen Schwächen und Stärken haben. Und wer nicht rechnen kann bzw nicht so gut (ich gehöre dazu), der ist möglicherweise ein Organisationstalent, oder emphatischer als andere. Es soll ja nicht jeder wie Narziß durch die Gegend rennen und Selbstkritik bringt nur voran, aber so eine grundsätzlich negative Einstellung zu sich selber finde ich deprimierend.

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