Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Unverstanden

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Es gibt Eigenschaften an Menschen, die lassen mich unweigerlich zurückweichen, meine Sachen packen und ganz schnell weglaufen. Es wird nun überraschen: Es ist kein Milchreis-Konsum; einige meiner besten Freunde essen Milchreis.

Eine Freundin war vor einiger Zeit verliebt. Sie war es nicht lange, denn sie und ich, wir teilen uns eine Abneigung.

Wallendes Haar hatte der Mann, markante Wangenknochen, große zupackende Hände, er war klug und witzig. „Ich bin ein unverstandener Künstler“, sagte er eines abends und die Freundin tat das, was jede kluge Frau tun sollte, sobald dieser Satz fällt: Sie vergaß das Haar, die Wangen, die Hände und die charakterlichen positiven Eigenschaften und lief. Schnell.

Unverstanden fühlen sich die meisten Menschen von uns; und wenn wir uns verstanden fühlen, dann nur von Wenigen. Wie soll man Fremden auch erklären, warum die Mischung aus Vita Malz und Veronica Mars zufriedenheitsfördernde Wirkung auf uns hat? Warum wir unseren Kaffee kalt trinken und zwar nicht telefonieren mögen, mit den besten Freundinnen dennoch stundenlang mit wechselnden Hörerpositionen sprechen können?

Aber unverstandene Künstler sind eine besondere Spezies innerhalb der Unverstandenen. Sie sind… nun… noch fehlt mir der passende Vergleich. Sie sind nichts Gutes, das ist schon einmal klar.

Unverstandene Künstler glauben an ihr Talent. Und das ist nicht schlecht. Wir sollten alle an das glauben, was wir gut können. Nur ist es so, dass der unverstandene Künstler der Einzige ist, der an sein Talent glaubt. Kritik überhört er und wertet es als Neid; hin und wieder lässt er es auch nicht gelten. Es soll sogar schon einmal der Satz „Ich habe Talent, was hast Du?“ gefallen sein.

Talent für etwas zu haben, das ist toll. Jeder Mensch hat ein Talent und sei es noch so klein. Aber sich darauf ausruhen, das ist doch recht unschön. So macht es aber der unverstandene Künstler. Er sagt „Ich habe Talent“ und bleibt dabei. Er sieht sich als Autor, liest aber nicht. Er malt, befasst sich aber nicht mit der Beschaffenheit der Dinge. Er ist Fotograf, aber hat das Wort „Bildaufbau“ noch nie gehört und möchte es auch gar nicht kennen.

Unverstandene Künstler können alles von vorne herein. Es gibt keinen Schaffensprozess, kein Leiden an der Welt, keinen Zweifel am Talent und an sich. Andere verstehen seine Texte nicht? Es liegt am Lesenden, der offenbar blind für die Schönheit der Worte ist. Er versteht die Aussage des Bildes nicht? Banause! Verwirrt runzelt er vor der Fotografie die Stirn? Kleingeist!

Natürlich belästigt der unverstandene Künstler seine Umwelt nicht mit den Ergebnissen seiner Arbeit. Das wäre zu leicht. Er jammert und lamentiert über unsere Gesellschaft, die Talent nicht anerkennt und Künstler keine Freiheiten lässt. Über dümmliche Verlage, die nie auf das wohlformulierte Anschreiben antworteten, in denen man ein großes Werk ankündigte, aber natürlich nichts beilegte.

Der unverstandene Künstler schrieb, fotografierte und malte bisher kaum selber. „Wenn es so weit ist, dann werde ich schreiben“, sagt er. Oder er verweist auf sein schwarzes Notizbuch mit passendem Bleistift, der schon ausreicht, um von außen als Kreativer erkannt zu werden. Ob darin nun der Wochenendeinkauf gelistet ist oder sich die Skizze eines Skulptur, die nie entsteht: man wird es kaum erfahren.

Wenige Dinge gibt es natürlich; diese zeigt man nur kurz. „Mein spannendes Projekt“ sagen die Künstler. Der geneigte Leser kennt meine Einstellung zum Wort „spannend“ in Verbindung mit Projekten: Es ist langweilig, immer. Wenn ich ein „spannend“ vor mein eigenes Projekt setze, dann rede ich es mir schön.

Die Skizzen, Anfänge und Überlegungen präsentiert der unverstandene Künstler vordergründig einem kleinen Publikum. In Wirklichkeit zeigt er es natürlich Jedem. Dabei sieht er verschworen aus, weil er ahnt: Was er geschaffen hat, wird die Welt verändern, auch wenn keiner der Ignoranten um ihn herum das bisher erkennt.

Aber was wäre der unverstandene Künstler auch, wenn jemand sein Talent erkennen und verstehen würde? Nur ein Mensch, der einen Grund weniger zum Lamentieren hat.

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2 Kommentare zu “Unverstanden

  1. Ok. Neues Mantra: Du sollst vorm Einschlafen nicht noch ‚kurz‘ Ulrikes Text lesen, Du sollst vorm Einschlafen nicht noch ‚kurz‘ Ulrikes Text lesen, Du sollst… Jetzt kann ich vor lauter Lachen nämlich kaum noch einschlafen – Danke für den Text!

  2. ICH WILL EIN BUCH VON DIR. Wirklich deine Texte machen süchtig und es wäre bestimmt eine große Freude, sich nicht bloß ein paar Mal die Woche hier runter zu scrollen 🙂 Allerliebste Grüße aus München

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