Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Patient Null

4 Kommentare

Hühnersuppe. Ich muss sehr krank sein, wenn ich weiche und matschige Nudeln in Flüssigkeit zu mir nehme.

Hühnersuppe. Ich muss sehr krank sein, wenn ich weiche und matschige Nudeln in Flüssigkeit zu mir nehme.

Ich bin krank. Der geneigte und langjährige Leser weiß, dass das recht selten der Fall ist. Hier mal ein Zimperlein, dort ein Wehwehchen, das habe ich natürlich auch. Aber ansonsten bin ich eine Ausgeburt an Gesundheit. Während um mich herum die Menschheit jammert und durch den individuellen Taschentuch-Konsum ganze Regenwälder verschneuzt, lächle ich und sage mit leichter Arroganz Dinge wie „Ich bin ja nie krank“ und „Jammere nicht so rum; wird schon nicht so schlimm sein“.

Dabei ist es sehr schlimm, eine Erkältung zu haben. Es ist so furchtbar, dass ich der Welt durch meine verquollenen Augen nur voller Hass ins Gesicht schauen kann und ich vor Wut nicht einmal schnauben kann, weil doch die Nase vom rauen Papier der Taschentücher so weh tut. Die vier Tage, in denen ich während meiner vermaledeiten körperlichen Lage durch die Welt schleppe, tut mir die Arroganz weh, mit der ich mich über andere Jammerlappen lustig mache.

Glücklicherweise nehme ich mein Schneuzen, Husten und den aufgewühlten Hals wie ein Mann und weiß deshalb, dass ich wirklich krank bin, während alle anderen übertreiben. Ich bin der Patient Null einer neuen Krankheit, in meinem Körper haben sich Rhinoviren, Coronaviren, Enteroviren, Mastadenoviren und Paramyxoviren zu einem Brei entwickelt, der über warmes Bier und Wadenwickel nur lachen kann. (1. Regel jeder nasenschleimenden Erkrankung: Keine Diagnose ist ausreichend, wir sind immer Patient Null einer neuen nie dagewesenen Superinfektion.)

Zwei Tage lang hielt ich mein Leiden für simplen Heuschnupfen; ebenfalls ein großes körperliches Elend. Aber nach eingehender Diagnose meinerseits (2. Regel jeder nasenschleimenden Erkrankung: Trau keinem Arzt, er weiß doch gar nicht, wie schlecht es Dir geht) stellte ich fest, dass der Heuschnupfen zwar vorhanden, nicht aber der Grund meines armseligen Zustandes sein könne.

Welch Glück, das ich nicht zur Hypochondrie neige. Ansonsten würde ich bei Tabellen, die mir den Unterschied zwischen Grippe und Erkältung aufzeigen wollen, schon beim Lesen dem Wahnsinn und somit einer weiteren Krankheit anheim fallen. Bin ich nun abgeschlagen (Erkältung) oder sehr müde (Grippe)? Wurde ich langsam krank (Erkältung) oder ging es schnell (Grippe)? Was ist langsam? Und was schnell? Und sind meine Halsschmerzen nun kratzend (Erkältung) oder stark (Grippe)?

Mit besorgter Miene fasste ich mir in den vergangenen Stunden mehrfach an die Stirn und entschied, dass meine Hände eiskalt seien und die Stirn sie wärmen könnten, somit also Fieber im bedenklichen Bereich vorliegen müsste und der Pickel auf meiner Nase Symptom einer Erweiterung meines düsteren Leidens sein müsse. Vermutlich, so dachte ich mir, während ich an der unschönen Erhebung herumprökelte, war und ist auch der Pickel Ausdruck meines Fiebers, das ich natürlich nicht messe. (3. Regel jeder nasenschleimenden Erkrankung: Du musst nicht Fieber messen; was bedeuten schon Zahlen?)

Traurig macht mich allein das Unverständnis meiner Mitmenschen, die mit den merkwürdigsten Hausfrauentipps um die Ecke kommen, denen sie im Falle ihrer kärglichsten Verfassung auch nicht vertrauen würden. Ausgepresster Zwiebelsaft wird von Jedem empfohlen, aber niemand will es je getrunken haben. Wadenwickel sollen helfen, aber allein der Gedanke an nasse Handtücher an meinen kalten Waden bringt mich zum hysterischen Schreien. Mit „Oma hat gesagt“ fangen alle Freunde ihre Sätze an und man wundert sich, dass nun plötzlich auf die Frau gehört wird, der man in Gesprächen über Familienfeierlichkeiten noch „Altersgarstigkeit“ und eine lockere Schraube unterm weißen Haar nachsagte. (4. Regel jeder nasenschleimenden Erkrankung: Hausmittel helfen gar nicht, weil man dafür sein Bett verlassen muss und das a u f  j e d e n  F a l l nicht gut ist.)

Es ist sehr schlimm, erkältet zu sein. Die Ohren tun weh und selbst Johnny Cash macht keinen Spaß. Der Mund fühlt sich wie nasser Pappkarton an und nicht einmal der Geschmack von frischem Knoblauch mag zu den den Dienst quittierenden Geschmacksnerven durchdringen. Jeder Muskel tut weh, dabei hat man nichts getan, was diese Schmerzen rechtfertigen würde. Und als ob es nicht noch schlimmer sein könnte, muss man nach jedem Putzen der zwischen knallrot und pinkrot changierenden Nase den Spiegel zücken, um sich zu vergewissern, dass kein Schleim oder sonstiges Nasensekret die ohnehin schon unvorteilhafte Konstitution schmückt.

Immerhin darf man dreimal am Tag baden, Salbeitee trinken, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man das esoterische Gesöff mag, und um 21 Uhr im Bett liegen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob man alt oder langweilig oder gar beides ist. Und kommende Woche habe ich immerhin eine Vergleichsgeschichte, mit der ich all die Jammerlappen zum Schweigen bringen kann. „Stell Dich nicht so an, es ging Dir sicherlich nicht so schlecht wie mir.“

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4 Kommentare zu “Patient Null

  1. Und selbst für solch eine nasenschleimende Monstrosität wie eine nie dagewesene Super-Viren-Krankheit findest du noch erheiternde Worte 😀

    Aber natürlich möchte ich dir zuallererst gute Besserung wünschen 😉

    Apropos Zwiebelsaft: Wir haben immer gewürfelte Zwiebel mit Kandiszucker in ein Marmeladenglas gegeben und den Saft dann getrunken. Und zwar gerne! Mach ich heute noch, wobei sich meine Erkältung trotzdem 2 Wochen hinzog… vielleicht war es doch keine schnöde Erkältung, sondern ein bisher unentdeckter Virus?

    LG
    Nathalie

  2. Auch von mir GUTE BESSERUNG !!!
    Als Kind musste ich auch immer diesen Zwiebelsaft trinken – allerdings mit Zucker. Das müsste dann so schmecken, wie der von „Piranhaprinzessin“. Aber ob ich das gerne getrunken habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr.
    Omas selbstgemachter Holundersaft war aber immer toll – Das weiß ich noch …

  3. Gute Besserung.. Den Hollundersaft kenn ich auch noch 🙂

  4. Oh. Ich! Ich!Ich!
    Ich habe auch einen Tipp. Gegen weh tuenden Nasen gibt es ein ganz einfaches Mittel: STOFFTASCHENTÜCHER verwenden. Falls Ihr nicht meg wisst, was das ist, fragt mal im Kaufhaus nach. Oder die Oma

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