Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Nähe, die Distanz

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Manchmal würde ich meine Oma gern fragen, ob es früher schon diese Probleme gab. Dieses „Komm nah“, „Geh weg“, „Komm wieder“, „Weg!“. Das Nähe-Distanz-Problem oder auch: das Nähe-Distanz-Dilemma.

In rund 200.000 Jahren Menschheit (oder 10.000, falls Kreationisten mitlesen sollten, man möchte ja niemanden ausgrenzen) hat der Mensch so viel nachgedacht und so viele seiner Gedanken zu Papier gebracht, so viele Probleme herbeigedacht, dass wir nun – 2014 – nicht mehr wissen, wo wir stehen, was wir sollen, wohin wir wollen.

Entstanden ist das Nähe-Distanz-Dilemma. Man weiß nicht mehr, wann man Menschen zu nah kommt, wann man zu distanziert ist und noch schlimmer: Wir denken auch noch die ganze Zeit darüber nach. Nichts mehr mit Intuition, weil man ständig Menschen begegnet, die ihre ganz eigene Sicht der Dinge präsentieren. Das menschliche Miteinander ist ein Balanceakt auf der Zahnseide geworden. Mal ist man zu nah, dann zu fern und es ist nie richtig.

Ein Freund sagte mir mal: „Du gehst nicht auf Menschen zu, Du rennst sie um.“ Ein anderer Freund beschwerte sich über meine Distanziertheit und mein unnahbares Verhalten. Ich bin nicht die hellste Kerze im Leuchter, aber auch nicht das dunkelste Licht und so musste ich dann doch grübeln.

Es geht vermutlich einigen Menschen so, zumindest machten viele Gespräche den Eindruck. Aus dem „Bin ich zu nah oder zu fern?“ entwickelt sich eine massive Unsicherheit, die wiederum das eigene Verhalten beeinflusst und zu mehr Distanz führt; zumindest in meinem Fall.

Wir alle wissen, was Nähe bedeutet. Es ist ein schönes Gefühl, eines, das nicht unbedingt etwas mit Körperlichkeit zu tun haben muss. Es ist verstehen und das Wissen, dass man gut aufgehoben ist, niemand einem nachts das Kissen auf den Kopf drückt, um einen zu ersticken. Man auch mit nicht eingezogenem Bauch herumlungern muss, sondern man richtig ist wie man ist. Es ist schweigen, ohne unangenehm berührt auf den Boden zu sehen. Reden ohne ständiges Abwägen von Worten. Und wir alle suchen danach.

Obwohl wir alle Nähe wollen, haben wir auch Angst davor, weil wir wissen, dass aus Nähe auch ziemlich unschöne Sachen werden können, weil Menschen, denen wir nahe sind oder einmal nahe waren, Dinge über uns wissen, die sie irgendwann gegen uns verwenden könnten. Sie könnten, häufig kommt es nicht so weit. Aber die Angst vor dem Moment, indem wir sagen „Aber ich habe Dir vertraut“ und in ein Gesicht sehen, das wir mal so mochten und nun nicht mehr verstehen, die ist da. Und deswegen entscheiden wir uns häufig für die Distanz.

Während im Kopf die Gedanken Wilde Maus fahren, eiskalte Hände und Kloß im Hals sich abwechseln, sehen wir von Außen unbewegt aus und wirken nur eines: wankelmütig. „Komm her“. „Geh weg.“ „Komm wieder.“ Nähe-Distanz-Dilemma.

Ich hasse es. Es ist für alle Beteiligten anstrengend, aufwühlend und führt zu Verfluchungen.

Kaum einer traut sich noch, einfach mal zu fragen, wie es einer anderen Person geht. „Hm, wenn ich zweimal frage, hält man mich doch für einen Stalker.“ Wie leichtfertig wir mit diesem Begriff umgehen und doch selber Angst haben, nach einem zweiten Lächeln und einer interessierten Nachfrage als distanzlos und psychisch nicht ganz auf der Höhe gesehen zu werden.

In unserem Kopf mischen sich langsam ehrliches Interesse mit Misstrauen, positive Erfahrungswerte mit negativen Erfahrungswerten. Es ist ein Brei, der uns in gar keine Richtung laufen lässt. Es macht annähernd handlungsunfähig, weil „richtig“ und „falsch“ unklar sind.

Und weil Nähe auch immer Zurückweisung beinhalten kann. Und Zurückweisung: das möchte keiner. Weil es weh tut, das Ego eindrückt wie ein Trinkpäckchen und die Entscheidung für die Distanz beim nächsten Mal leichter macht.

Würden wir doch alle manchmal weniger nachdenken und mehr auf unser Bauchgefühl hören. Anstatt zu zerdenken, darüber zu sinnieren, wie beim vergangenen Mal alles den Bach hinunterging, nachdem alles so gut begonnen hatte. Wir hätten weniger Nähe-Distanz-Dilemma und mehr Zeit für andere – wichtigere – Dinge.

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12 Kommentare zu “Die Nähe, die Distanz

  1. Du hast die wunderbare Gabe, komplizierte Gefühle in genau die richtigen Worte zu fassen. Deswegen lese ich jeden Deiner Posts gerne – egal, um welches Thema es geht.

  2. Beschäftigt mich auch immer wieder und gerade aktuell, weil ich jemanden gut finde. Ich renne Menschen auch eher um, das ist nie böse gemeint, aber die anderen ticken irgendwie weniger intensiv. Oder aber ich fühle mich in die Ecke gedrängt. Ganz, ganz schwierig. Ich bin noch nicht fertig mit dem Thema und froh, dass du deine Gedanken hier teilst.

    Viele Grüsse, Christine

    • Dieses Nähe-Distanz-Ding ist vor allem auch deshalb so schwierig, weil eben zwei Menschen mit verschiedenen Erfahrungen aufeinandertreffen. Aber mir geht es gerade wie Dir auch. Wir bekommen das hin!

  3. Wow…ich habe noch nie erlebt, dass jemand eben genau dieses Dilemma so toll in Worte fassen kann…du hast so verdammt recht!!!

  4. Oh je Du sprichst genau die Probleme an, die meine zwölfjährige pubertierende Tochter hat. Aber so was von genau!

  5. Oh Gott! Das ist wirklich kein gutes Zeichen, wenn man über so etwas nachdenken muss. Denn das kann nur bedeuten, dass man dieses Bauchgefühl nicht mehr hat. Ich frage mich, wo ging das verloren? Oder wurde es gar nicht erst gelernt? Fehlte es schon den Eltern oder waren die nicht in der Lage, diese Gabe weiterzugeben? Haben sie nach einem Plan „erzogen“ und lieber geredet, als aus dem Bauch heraus zu agieren? Oder hat man sich dieses Gefühl s selbst beraubt, weil man meint, alles hinterfragen, alles zu deuten wollen?
    Ich setzte bewusst „man“ ein. Ich will weder Deinen Eltern noch Dir zu nahe treten, deshalb das „man“. Weil mich solche Gedanken wirklich erschrecken. Und weil ich im Kollegenkreis manchmal solche Gedanken entdecke. Solches sich Gedanken machen. Da geht es nicht nur um das Distanz/Nähe-„Dilemma“, das ich ja nicht als Dilemma bezeichnen würde, sondern auch um viele andere Dinge, wo ich mir oft denke: Mensch, mach einfach und zerdenke es nicht!

    • Ich habe schon Bauchgefühl, aber hinein mischt sich eben oft die Frage, ob man anderen zu nahe tritt; besonders dann, wenn man selber eine recht große Schutzzone um sich hat, in die man nicht jeden hineinlässt. Man sieht bei anderen ja nicht, ob sie überhaupt solch eine Zone haben.

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