Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Mein erstes Mal

6 Kommentare

Ich bin der Überzeugung, dass erste Male im Leben nie aufhören sollten. Man ist nie zu alt, um Neues auszuprobieren. Meine Mutter sagte zu uns Kindern am Tisch immer „Sagt nicht, dass ihr es nicht mögt, wenn ihr es nicht ausprobiert habt“. Und so stellte ich aktiv fest, dass ich keinen Fenchel mag, keinen Milchreis, nicht das Innere von Tomaten, Gemüsesuppe. Es gilt natürlich auch für andere Dinge, die man in den meisten Fällen einmal ausprobieren sollte, bevor man laut schreit: „Mag! Ich! Nicht!“.

In der vergangenen Woche hatte ich gleich zwei erste Male; und das war schon sehr viel und sehr aufregend. Das eine war der Slam, was ich auch definitiv nicht wiederholen werde. Weil es mir a.) nicht liegt, b.) ich die Älteste war und c.) die einzige Teilnehmerin ohne Jutebeutel und das, obwohl ich sehr viele Beutel besitze; auf den meisten steht aber eben „Combi – Immer eine Frische voraus“ oder „Obi – Dein Baumarkt“.

Das zweite erste Mal (was in der zeitlichen Abfolge aber eigentlich das erste erste Mal war) war für mich persönlich jedoch ohnehin wichtiger.

Dazu muss ich etwas ausholen. Der ein oder andere mag sich noch an meinen Artikel zur Kleidergröße 38 erinnern. Für alle anderen kurz zusammengefasst: Ich war auf der Fashion Week und erfuhr dort, dass Übergrößen bei 38 beginnen. Ich selber trage 44, viele meiner Freundinnen tragen aber durchaus 38 – und an ihnen ist nichts über; an mir auch nicht unbedingt. Vielleicht etwas Hüfte, etwas Bauch – aber es passt schon.

Seit diesem Artikel habe ich mir Gedanken über Schönheit und Schönheitsideale gemacht. Mich lässt das kaum noch los; vielleicht auch, weil ich mit Fotografen in einem Büro sitze und Schönheit und Optik hier eine große Rolle spielen.

Mit Antje Kröger, einer wunderbaren Fotografin aus Leipzig, wollte ich mich deshalb über Schönheit unterhalten. Ihre Bilder gefallen mir gut, sie zeigt die Menschen, wie sie sind. Verletzlich und stark, fernab von Schönheitsidealen und dennoch einfach… ja… schön.

Aus dem geplanten Interview wurde ein vierstündiges Gespräch über unser beider Leben, Worte und Kreativität, die Suche nach sich selbst und dem, was wir eigentlich so tun. Über Schönheit sprachen wir nicht, hielten aber fest, uns bald wiedersehen zu wollen. Am nächsten Tag schrieb sie mir, ob sie mich fotografieren dürfte.

Foto: Antje Kröger

Foto: Antje Kröger

Ich bin kein sonderlich fotogener Mensch. Sobald der Auslöser geht, habe ich die Augen geschlossen, ich verziehe den Mund oder aber die Haare werden in Bruchteilen von Sekunden zum idealen Vogelnest.

Einen Tag nach der Frage, zwei Tage nach unserem ersten Gespräch packte ich meine Tasche und fuhr zu Antje. Mit schweißnassen Händen, denn ich wusste nicht viel, nur: Anhaben würde ich nicht viel.

Es ist die eine Sache, zu sagen, dass man mit seinem Körper im Reinen ist, eine andere ist es aber, das auch anderen Menschen zu zeigen. Dazu kommt der Ausdruck im Gesicht, des ganzen Körpers und die Frage: Was bin ich? Wer bin ich? Wir machen uns immer so viel Gedanken dazu, aber was sind wir, wenn wir unsere Kleidung abgelegt haben, das Telefon im Nachbarraum ist und kein großer Ring am Finger uns irgendeinen Habitus verleiht? Was bleibt von uns übrig, wenn wir auf uns reduziert sind?

Und so zog ich mir zum Shooting fünf Nummern zu große Baumwollunterwäsche an, legte Lippenstift auf. Den Lippenstift hatte ich selber mitgebracht. „Irgendwas, das Dir etwas bedeutet“, hatte Antje mir auf die Frage, ob ich etwas mitbringen solle, geantwortet. Der Lippenstift ist mein Schutzschild; ich trage ihn zu Treffen, bei denen ich Distanz wahren möchte und muss und will. Mit ihm komme ich mir ein Stück biestig und stark vor, unnahbar. Zum Ende der Aufnahmen war der Lippenstift verwischt.

Ich bekam kaum Anweisungen, nachdem wir wussten, wo ich fotografiert werden sollte: in einem kleinen Raum in ihrem Atelier, ein Raum, in dem eine alte Schaukel hing. „Zeige, dass Du stark und schwach sein kannst“, sagte Antje. Wir hatten viel über diesen Punkt gesprochen; über das Gefühl zwischen „Ich kann das“ und „Ich kann das nicht“, wie es ist, ein Stehauf-Fräulein zu sein, eines, das mal weinend unter der Bettdecke liegt und sich dann aufrafft, die Tränen wegwischt und weitergeht.

Wir schwiegen viel während des Shootings. „Sei ganz bei Dir selbst“, sagte Antje und mir fiel auf, wie schwer es ist, zwischen Terminen und Druck, zwischen Freunden und Job bei sich zu sein; nicht die Gedanken abschweifen zu lassen, sich auf sich zu konzentrieren, daran zu denken, was schwach und stark macht – und diese Momente, in denen es dann plötzlich aus uns herausbricht, mit Jemanden und seiner Kamera zu teilen. Dass man mit nackten Beinen vor einer anderen Person steht, ist in diesen Momenten egal; man kann auf so viele Arten nackt sein.

Foto: Antje Kröger

Foto: Antje Kröger

Mehr Bilder aus dem Shooting findet ihr hier.

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6 Kommentare zu “Mein erstes Mal

  1. Über Antje hatte ich neulich erst bei Indre/MIMA gelesen. So eine beeindruckende Frau. Wahnsinn, ihr Blick auf die Menschen.

  2. Seltsam, hier nur auf „Gefällt mir“ zu klicken. Ich finde deinen Artikel großartig. Sehr mutig, deine Bilder und Erfahrungen hier zu teilen.

  3. Geile Photos!
    Hätten ruhig ein paar mehr sein können. 🙂

  4. Pingback: Stehauf-Fräulein

  5. Starke Bilder. Sehr viel nackter als manche.
    Und schön bist Du. Aber daran hast Du hoffentlich nie ernsthaft gezweifelt. ❤

  6. Tolle, ausdrucksstarke Fotoserie!

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