Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ankommen

Ein Kommentar

...

(Diesen Text habe ich eigentlich für einen Slam geschrieben; zum Einsatz kam er dann aber nicht. Zum Glück. Gefühlig nimmt mir ja meist ohnehin keiner ab.)

Die Welt ist so groß, die Welt ist so klein. Sie ist so schnell. Sie ist so langsam. Die Welt ist so laut. Die Welt ist so leise. Sie ist voller Helligkeit. Sie ist voller Dunkelheit. Die Welt ist voller Unordnung. Die Welt ist voller Ordnung. Sie ist voller Freude. Sie ist voller Furcht.

Wir suchen alle unseren Platz, einen Ort, an dem wir „Wurzeln“ schlagen können, wo wir zuhause sind, nachts lächelnd einschlafen, morgens aufstehen und wissen, wo unser liebster Becher steht. Wo es abends nach geschmolzenem Käse schmeckt und selbst schlechte Nachrichten uns nichts anhaben können. Wo wir vergessen und erkennen, wo wir wir sind.

“To Hus Is, Wor Dien Haart Is.” (Home Is Where Your Heart Is, The Sounds)

Wir warten alle auf diesen Moment, in dem unser Herz kurz aussetzt und wir wissen, dass wir angekommen sind. An diesem Ort, mit diesen Menschen, mit genau diesem Geruch in der Luft. Vielleicht ist es Frühling und die Luft riecht nach morgendlicher Kälte, etwas Tau und den ersten Blumen. Vielleicht ist es Herbst, feuchtes Laub vermischt sich mit Nebel und unsere Fingerspitzen sind schon kalt. Vielleicht ist es Sommer, Schweiß läuft den Rücken herunter, ein Windhauch trocknet unsere Stirn, in der Hand halten wir Sonnenmilch. Vielleicht ist es Winter, die Füße sind kalt, der Atem dampft, Schneeflocken setzen sich auf unser Gesicht und schmelzen sofort.

„Du Büst Mien Haart, Du Büst Mien Seel“ (You Are My Heart, You Are My Soul, Modern Talking)

Wir sind getrieben von der Angst, den richtigen Moment zu verpassen. Die Minute, die Sekunde, in der sich uns die Augen öffnen, wir wissen, dass vielleicht nicht alles gut aber besser wird. Da stehen wir, bewegungsunfähig und denken „Jetzt? Jetzt? Oder jetzt?“ Alles geht vorbei, wir werden angerempelt, taumeln und sind doch nur darauf bedacht, nichts zu verpassen, kein Anzeichen darauf, dass Jetzt Jetzt ist, wir den richtigen Menschen neben uns haben, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit tun und die richtigen Entscheidungen treffen und wir es nicht kaputt machen.

Hol up to brulen (Stop Crying Your Heart Out, Oasis)

Wir wollen unser Herz verlieren, mit dem Herzen sehen, aber wir meinen das Gefühl, nicht das Organ; uns fehlen nur die Worte dazu. Wir wissen, was wir wollen, nur definiert haben wir es nie. Wir stehen auf der Straße unseres Lebens, wollen ankommen, aber kennen das Ziel nicht. Neben uns geht es beharrlich voran. „Da lang“, rufen alle und wir folgen vielleicht ein Stück, nur um dann zu merken, dass uns der Weg nicht gefällt, die Gasse zu dunkel ist und die Häuser nicht schön genug sind. Wir drehen um, verlieren uns in Straßenschluchten, treffen andere Menschen. Manche mit einem Plan, manche ohne, die meisten mit einem Blick voller unerschütterlicher Hoffnung. (Nicht alle.)

“Horch Up Dien Haart” (Listen To Your Heart, Roxette)

Der Weg ist das Ziel. Und doch haben wir nie das Gefühl, dass es so ist; auf dem Weg zum „angekommen“. Es ist kein Weg, den wir gern gehen. Wir scheitern, wir fallen, wir stürzen ab, wir schlagen unsere Fingernägel in glatte Wände, wir stoßen unsere Knie. Wir sind gehetzt, aber gehen langsam, Schritt für Schritt, aus Angst, zu weit zu gehen.
Niemand kann uns sagen, was richtig ist. Wo es lang geht, wann wir angekommen sind, wann es soweit ist und wir sagen können: Stop. Hier, nicht weiter. Hinsetzen, die Augen schließen, bleiben; manchmal verschwinden aber nun wissen, wohin wir jederzeit zurückkommen können. Heimat.

“Mien Haart Bummert Wiede“ (My Heart Will Go On, Celine Dion)

“Geh weiter”, sagen sie. “Sei mutig”, sagen sie. Wir sollen etwas wagen, den Tag nutzen, die Woche, den Monat, das Jahr, unser Leben zu etwas Besonderem machen. Wir schwanken zwischen dem Warten und dem Gehen. Wenn wir nun nicht aufbrechen, erwachsen werden – vielleicht verpassen wir den richtigen Zeitpunkt. Aber: Was soll schon passieren? Unser Herz schlägt weiter, unsere Lungen schnappen weiter nach Luft. Es ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist. Vorher gilt: Es kommt immer ein nächster Bus, ein neuer Weg. Vielleicht werden wir nass, vielleicht bekommen wir Blasen an den Füßen, vielleicht werden wir beim Schwarzfahren erwischt. Es sollte uns egal sein. (Ist es aber nicht.)
Niemand weiß, was uns glücklich macht. Es ist nicht für jeden der Moment, auf dem Dach eines Hauses zu sitzen. Nicht jeder möchte einen Marathon laufen. Ich nicht. Ich will abends auf dem Sofa sitzen, einen Teller mit Pfannkuchen und Apfelmus auf den Knien, meine Hand in seiner, die Füße unter einer Wärmflasche, Fußball im Fernsehen. Es gibt Menschen, die mögen keine Pfannkuchen, sie mögen keinen Fußball, sie haben schon warme Füße.

Haart (Herz, Sido)

Es ist nicht schlimm, zu zögern. Es ist nicht schlimm, sich auf den Bordstein zu setzen und alle an sich vorüberziehen zu lassen. Es ist in Ordnung, nicht jeden Morgen „Carpe Diem“ schreiend aus dem Bett zu springen. Der Weg ist vielleicht nicht das Ziel, aber er ist auch keine Jagd. Er ist kein Formel1-Rennen, kein Boot-Camp, kein nie aufhörender Kurs zur Selbstoptimierung. Wir müssen keine perfekte Version einer Vorstellung eines zufriedenen Menschen sein, zusammengestellt aus ungezählten Lifestyle-Magazinen. Die perfekte Frisur hält nie das ganze Leben lang.

Du büst in mien Haart (You’ll Be In My Heart, Phil Collins)

Die Welt ist so groß, die Welt ist so klein. Sie ist so schnell. Sie ist so langsam. Die Welt ist so laut. Die Welt ist so leise. Sie ist voller Helligkeit. Sie ist voller Dunkelheit. Die Welt ist voller Unordnung. Die Welt ist voller Ordnung. Sie ist voller Freude. Sie ist voller Furcht.

Und irgendwo, irgendwo gibt es Pfannkuchen und warme Füße für mich. Und für euch etwas anderes.

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Ein Kommentar zu “Ankommen

  1. gesprochen hätte es auf jeden fall funktioniert!! wieso nimmt dir gefühlig keiner ab, hm?

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