Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Do it! Do it!

2 Kommentare

Manchmal ist der mutige Aufstand auch nur Angst.

Manchmal ist der mutige Aufstand auch nur Angst.

Wir sollen mutig sein, den Tag nutzen, die Woche, den Monat, das Jahr, unser Leben zu etwas Besonderem machen. Ich weiß nicht, wie häufig ich in den vergangenen Monaten Texte las, in denen es darum ging, sich und etwas anzupacken, sich immer wieder neu zu entdecken, keine Chance auszulassen und jede Möglichkeit zu ergreifen. Es wirkt, als drohe die Apokalypse und nur ich wäre über das drohende Ende der Welt nicht in Kenntnis gesetzt worden.

Seit sich im Freundes- und Bekanntenkreis herumgesprochen hat, dass ich mich selbstständig mache, höre ich ständig, wie mutig ich sei. „Du machst was aus Deinem Leben“ sagen manche und sehen dabei verzweifelt auf ein Sofa-Kissen, als würden sie nichts aus ihrem Leben machen – was rein logisch nicht geht. Selbst wer den ganzen RTL2 guckend auf dem Sofa sitzt und über Präpositionen sinnierend aus dem Fenster sieht, macht etwas aus seinem Leben. Nur eben nicht das, was andere darunter verstehen.

„Du machst etwas aus Deinem Leben“ geht davon aus, dass wir zu 100 Prozent agieren. Wenn ich aber auf diesen Tag zurückblicke, muss ich gestehen, dass ich häufig genug nur reagiert habe. Auf den Autofahrer, der Rot für Grün hielt, die Tomaten, die im Kaufland aus dem Regal in meinen Weg rollten; auf das zu heiße Wasser, das beim Abwaschen aus dem Hahn kam, auf Emails von Kunden, auf den Hund, der mich anknurrte.

Auch wenn man viel gestalten kann, ist es doch eher so, dass wir häufig eher gestaltet werden. Von aufmerksamkeitsdefizitären Geschäftsmännern, von Gesetzen und Bestimmungen, die uns nicht erlauben, unsere Unterlagen abzugeben, weil noch ein Zettel fehlt, wir dafür aber überhaupt nichts können. Weil Dinge passieren, die wir nicht verstehen, nicht verstehen können.

Manchmal ist das „Dir stehen alle Wege offen“ nur ein „Du hast drei Wege, einen kannst Du nehmen“. Und auch wenn all die Hipster nun laut aufschreien und ein „Du bestimmst selber, was Dich an Dingen hält“ brüllen – gern würde ich meine Tasche packen und ein Jahr lang die Welt sehen, auf einer Farm in Irland arbeiten, auf Island Müll an Geysiren sammeln und meine Nase in Australien von der Sonne verbrennen lassen. Aber ich habe ein Studium abzubezahlen, eine Katze und eine Sonnenallergie.

„Man muss nur wollen“, sagen einem alle und tun so, als sei es nicht ein Kalenderspruch, den man nur auf kostenlosen Postkarten vom Kneipenklo findet. Ich will so vieles, aber manchmal will mein Gegenüber nicht; ich will, dass endlich alles gut wird, aber es wird es einfach nicht. Wobei „gut“ natürlich eine Einstellungssache ist, aber… ach: manchmal ist der Wille da, aber … naja. Es geht einfach nicht.

Manchmal ist das, was als „Mut“ bezeichnet wird, auch nur der Mut der Verzweiflung, eine Art Kinderzimmerpanik. Das Gefühl, wenn man nun nicht das und das tue mit 32 Jahren wieder bei Muttern einziehen zu müssen. Das mag von Außen wie eine charakterliche Großtat ausschauen, ist aber in Wirklichkeit nur die blanke Angst. Vor einem hungrigen Tiger wegzurennen, dazu ist ja auch kein Mut nötig. Manche Dinge im Leben sind wie ein hungriger Tiger.

Und es ist ja klar: Wir können uns nicht vor den Dingen verstecken, unter der Bettdecke liegen bleiben (doch, manchmal schon). Wir müssen die Dinge anfassen. Aber jeden Tag leben, als sei es der letzte? Jeden Tag nutzen, weil irgendjemand einmal „Carpe Diem“ sagte? Mutig sein, Dinge wagen?

Nein, ich habe nachgefragt. Die Apokalypse droht nicht, wir müssen nicht hetzen, um alles zu nutzen, jeden Atemzug leben, als sei es unser letzter. Wir müssen nicht alles machen, nur weil ein einsamer Autor an seinem dunklen Schreibtisch meinte, das genau das unser Leben lebenswert gemacht hätte.

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2 Kommentare zu “Do it! Do it!

  1. Wow, das grenzt jetzt an Schicksal. Genau DAS hab ich gerade mit meinem Freund besprochen. Weil ich mich unter Druck gesetzt fühle von meiner Schwester, die mir gerade aus Amerika schreibt, was sie mit ihrem Frisch-Angetrauten (Ami natürlich, schließlich wollte sie schon immer dorthin auswandern und hat diesen Wunsch auch umgesetzt) alles unternimmt, während wir immer noch nicht den USA-Urlaub geplant haben.

    Klar, ich könnte einfach damit zufrieden sein, was wir tun, was wir erreichen. Aber dann kommt doch wieder diese Angst, etwas zu verpassen, das andere scheinbar auch problemlos in Angriff nehmen können.
    Vielleicht sollte man sich die nicht-existente Apokalypse mal öfter vor Augen halten. Und dann halt ganz aus der Ruhe heraus auch mal Sachen machen, die man sonst aufschiebt.

    LG
    Nathalie

  2. „Manche Dinge im Leben sind wie ein hungriger Tiger.“ – Danke für diesen Satz!

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