Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Casting

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Entschleunigung. Aber bitte mit Platz 1 als Ende.

Entschleunigung. Aber bitte mit Platz 1 als Ende.

Gestern Abend lag ich im Bett und suchte Unterhaltung im Docutainment. Während ich mich durch die Angebote der diversen Sender klickte, hatte ich nur die Wahl zwischen Casting-Show und Casting-Show. Wir sind eine Casting-Gesellschaft geworden, die ständig Menschen sucht. Für Unterwasser-Model-Wettbewerbe. Für Musicals. Für Deutschland, weil wir keine Superstars haben. Wir suchen Models. Gärtner. Designer. 

Wir suchen ständig alles. Und weil wir noch nicht genug allein suchen, schauen wir ständig anderen dabei zu, wie sie suchen, jemanden für eine Rolle vorsehen (so die Übersetzung von to cast someone). Wobei es nicht mehr reicht, zu suchen. Wir wählen aus, vergleichen, werfen raus, holen zurück, vergleichen wieder und stehen am Ende da und wissen dennoch nicht, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben.

Das ist so, wenn es um die Models geht; wenn Millionen von Menschen nach dem Finale sagen: „Orrrrh, ich fand die Andere aber hübscher“. Das ist so, wenn der Superstar oder das Supertalent oder die Stimme gewählt wurde und der Schrei „Unfair!“ durch die Wälder und Städte hallt. Und es ist auch dann so, wenn wir einen Vertreter des favorisierten Geschlechts gut finden, aber nicht sicher sind, ob er/sie gut genug ist.

„Er ist toll, aber er kann nicht kochen. Vielleicht ist der Andere, der, den ich auf der Party traf, ja ebenso cool, kann aber kochen?“

„Sie ist hübsch. Aber vielleicht finde ich eine Hübschere?“

Wir sind ständig auf der Suche nach dem Besseren. Der deutsche Superstar wird jährlich gesucht, das Supermodel auch, Strandschönheiten beinahe wöchentlich. Wir haben einen Verschleiß an vermeintlichen Superlativen, dass es an ein Wunder grenzt, dass wir offiziell noch keinen Exzessiv (gibt es im Baskischen) oder Elativ (gibt es im Arabischen) eingeführt haben, um immerhin zwei Jahre weiter steigern zu können.

Und wir machen alle mit. Wir steigern uns selber, wollen ständig eine noch bessere Version von uns selber sein. Weil wir nicht nur selber ständig casten, sondern uns auch in einem perfekten Casting befinden. Wir wollen der glücklichste und abschleppfreudigste Single sein, die beste Freundin, der beste Freund, der beste Teamleiter, die beste Chefin, der beste Angestellte, die beste beste Freundin. Der klügste Mensch im Büro, der kreativste auf der Straße. Wir wollen immer mehr Likes und Sterne, Herzchen und +1.

Selbst wenn wir uns entschleunigen, kämpfen wir darum, wer schneller und mehr entschleunigt, damit er fortan für alle das perfekte Beispiel für Entschleunigung ist. „Guck mal“, sagen sie. „Das ist Maya, Maya hat zeitgleich alle Sozialen Netzwerke gelöscht, ihren Job gekündigt, sich ein Bad mit Orangenduft eingelassen und eine Weinflasche geöffnet. Sie ist nun komplett entschleunigt.“ Maya ist abgeschrieben, sobald der Nächste noch entschleunigter ist. Sein Auto gegen einen Tretroller eintauschte, den Wein selbst kelterte (natürlich mit eigenem Tumblr in Pastellfarben) oder das Ende der Zeit beschloss und fortan um Mitternacht frühstückte.

Sicherlich: Man soll streben. Nach dem Besseren und nach dem Glück. Meinetwegen auch nach der Entschleunigung. Nach wellig-fluffigem Haar, nach den perfekten Fingernägeln, der buddha-esken Gelassenheit. Es ist mir mittlerweile egal. Ich habe keine Lust mehr auf Castings, auf sich ständiges Präsentieren. Und nein, ich weiß auch immer noch nicht, wo Syrien liegt. Wenn der erste Platz nur eine temporäre Entscheidung ist, fragil, bestimmt durch Faktoren, die sich ständig wandeln: Wie soll man da bei der Vielzahl der Castings und undefinierten Wettkämpfe den Überblick behalten?

Sendeschluss. Ich bin mein eigener Platz 1. Nach der Kategorie suche ich noch.

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