Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Wie ich zertifikatisiert wurde

7 Kommentare

sdsf

Wissta Bescheid. 

Ich mache mich selbstständig. Das wird der ein oder andere Leser schon mitbekommen haben und vor Schreck die Hand vor den Mund gelegt haben. Denn der geneigte Leser weiß, dass ich nur bis 21 zählen kann und das für Buchhaltung nicht reicht; nie reichen wird. Und so schickte mich das Arbeitsamt zu einem Existenzgründerseminar, das ich dann auch drei Tage lang besuchte. 

Der Mensch an sich braucht für alles Namen. Und so ist es offenbar auch mit den Menschen, die ein Unternehmen gründen. Aber weil Unternehmensgründer offenbar nicht gut klingt, gründen wir eine Existenz. Und zwar so, als sei ich vorher, immerhin 32 Jahre lang, keine Existenz gewesen.

Ich marodierte und mäanderte also nur herum, mehr als drei Jahrzehnte. Und erst jetzt, wo ich ein Zertifikat habe, das mich ausweist, ein Existenzgründerseminar besucht zu haben, kann ich damit anfangen, jemand zu sein. Alles, was ich vorher tat: hinfällig. Erst seit ich gelernt habe, wie ich meinen Buchhalter nicht in den Wahnsinn treibe („Guck mal, ich habe schon einmal auf den Bon geschrieben, dass ich nicht saufen war, sondern mich in einem wichtigen Kundenmeeting mit meinem besten Freund befand.“), wie ich Werbung für mich mache („Hallo Gelbe Seiten?! Hallo? Ich heiße Ulrike und kann D I N G E…“) oder wie ich eine UG (mit einem Euro) oder eine GmbH (mit 25.000 Euro) gründe – seitdem gelte ich etwas; mein Zertifikat beweist es.

Dabei ist eine Existenz für mich immer durch andere Dinge definiert gewesen. Durch Freunde, die mich mögen, Antipathen, die mir aus dem Weg gehen. Durch die Fähigkeit, Schnitzel zu panieren. Durch das Gefühl der Bettdecke auf müder Haut.

Das gilt in unserer Welt natürlich nicht viel und so braucht es Seminare und Kurse, Bescheide und Anträge, um sich Existenzgründer nennen zu dürfen. Ohnehin ist man dieser Welt ja nichts ohne unfassbare Papiere, die uns andere bestätigen, damit wir etwas über uns wissen.

Am besten ist natürlich, wenn wir die Dinge auch in doppelter Ausführung haben, besser dreifach und dann noch von der Bank beglaubigt. Das weiß jeder, der schon einmal arbeitslos war und Arbeitslosengeld beantragen wollte. Ich habe so viel über mich erfahren und dazu noch den Müllplan der Stadt Leipzig erhalten!

Ein wenig – das muss ich gestehen  – bin ich nun im Zertifikate-Fieber. Vor Jahren bekam ich einmal eines, weil ich erfolgreich ein Seminar zur Verkostung von Wein und Käse abgeschlossen hatte. Ein schlechter Scherz angesichts der Tatsache, dass die damaligen Kollegen aus dem Supermarkt und ich völlig angeschickert in die Taxis rollten und am kommenden Tag dank eines massiven Katers kaum Gouda von Gorgonzola unterscheiden konnten.

Die VHS bietet aktuell Kurse in „Schildkröten, Leguane, Rennschnecken – Tierschnitzereien aus Gemüse“ und „Herziges – Florales zum Valentinstag“ an (ehrlich, kein Scheiß!) an und ich spiele mit dem Gedanken, der nur völliger Übermüdung geschuldet sein kann, mir ein Zertifikat ausstellen zu lassen, das meine bisher noch recht zertifikatlose Existenz bereichert. Was für eine Freude es wäre, dem nächsten Spötter meine Teilnahmebestätigung für „Herziges – Florales zum Valentinstag“ zu zeigen und dann mein Ergebnis, einen Strauß aus kopflosen Rosen mit extraspitzen Dornen, zu präsentieren.

Wie toll es sein muss, sein Wissen nicht nur durch „Kann ich“ sondern durch in dunkelbraunem Rahmen eingefasste Zertifikate belegen zu können. So wie ich eben nun meine Befähigung, existent zu sein. Und nun kommt ihr!

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7 Kommentare zu “Wie ich zertifikatisiert wurde

  1. Die Wuppertaler VHS bot vor längerer Zeit einmal den Kurs „50 italienische Gesten an einem Abend“ an.

    Ich bedauere es heute noch, nicht dort gewesen zu sein.

  2. Wieder mal toll geschrieben. Und du bringst den irgendwie typisch deutschen Zertifizier-Wahn super auf den Punkt 🙂

    Liebe Grüße aus der Nicht-Existenz

    Nathalie

  3. Blogeintrag erfolgreich gelesen und verstanden. Erbitte somit die Zustellung eines Zertifikats 😉

  4. Naja, das ergibt philosophiegeschichtlich Sinn: Seit neuestem (dem 20. Jhd., das ist „neu“) haben französische Philosophen eindeutig festgestellt, dass die Existenz der Essenz vorausgeht, das Dasein aber erst in die Lage versetzt muss, seine Existenz zu ergreifen. Du wirst also erst jetzt, was du bist. Jean-Paul Sartre gefällt das.

  5. Du kannst Schnitzel panieren? Erzähl mir mehr 🙂 (Im Ernst, das muss doch echt ne Menge gelten. Nur wenn jemand selbst Nutella herstellen kann, würde das getoppt werden)

  6. Ich muss dringend das Programm der VHS lesen!!!!

  7. Ich möchte ja „Gemüseschnitzen für Eltern mit Kind“ belegen. Angesichts der Tatsache dass mein Sohn JEGLICHES GEmüse in rohre Form verweigert, könnte ich unsere gemeinsamen Werke dann jahrelang aufbewahren und Gästen zeigen!
    Aber ganz in echt: hier in Berlin belege ich im März den Kurs „Onlinemarketing“. Wenns dann mit Karriere udn Bloggen nicht bergauf geht weiß ich auch nicht.
    Liebe Grüße: Maria.

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