Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

„Ich bin nicht anti, ich bin nur nicht eurer Meinung“

10 Kommentare

Die dunkle Seite. Das Anti.

Die dunkle Seite. Das Anti.

Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, in der jeder seine Meinung sagen darf. Soweit die Theorie. Praktisch sieht das natürlich ganz anders aus. Wie die Sache mit dem frühen Aufstehen, was am Abend vorher noch gut klingt, weil wir es vor dem ersten Termin am Tag noch schaffen, in Ruhe zu frühstücken. Am Morgen, direkt betroffen, ist die Idee schon gar nicht mehr so toll und wir verfluchen uns für unser beschwingtes Vorhaben. 

Ich mag andere Meinungen. „Andere Meinung“ impliziert, dass sie nicht meine sind. Aber man kann über alles reden, Meinungen ändern (natürlich am liebsten die der Anderen) und etwas daraus lernen – und sei es nur die Toleranz, andere Dinge zuzulassen. Oder halt freundschaftliche Ignoranz, was bedeutet, es hinzunehmen und schnell zu vergessen. Ich habe Freunde, die Milchreis mögen!

Vor einiger Zeit sprach ich mit Freunden über Serien. Über zwei Serien im Besonderen. Ich habe Breaking Bad nämlich nach 1 1/2 Folgen abgebrochen, Homeland immerhin nach acht Episoden. Und auch wenn ich nach jedem Gespräch – und ich führte wegen Breaking Bad schon so viele – sagte, dass ich einen zweiten Versuch wagen würde: besonders im Fall von Breaking Bad glaube ich nicht daran.

Irgendwann im Laufe des Gesprächs kam dann der Satz „Ulrike, Du bist einfach anti“ und ich erinnerte mich daran, wie häufig solch etwas gesagt wird. „Anti“ ist man immer dann, wenn man nicht einer Meinung mit den anderen Menschen ist. Wenn man den Sommer aufgrund der Hitze nicht mag und den Herbst dafür umso mehr liebt. Am liebsten hätte ich nur noch „Ich bin nicht anti, ich bin nur nicht eurer Meinung“ gebrüllt. Aber ich habe die 30 überschritten, da wird man ja gleich als unsachlich abgestempelt, wenn man mal brüllt.

„Anti“ impliziert, dass man gegen etwas ist. Was an sich nicht schlecht ist. Ich bin gegen Vieles. Rassismus, Sexismus, Käsismus. Gegen den Lärm aus der Wohnung über mir. Gegen Menschen, die andere nur als Staffage für ihr eigenes Leben sehen. Gegen den Begriff „Elite“. Gegen nervige Argumente, die nichts mit Meinung zu tun haben, wohl aber mit dem erhobenen Zeigefinger.

Aber das „anti“ in Diskussionen impliziert mehr. Es sagt, dass man nicht „pro“ ist. Nicht für irgendetwas, das als das „Richtige“ scheint. Man ist auf der moralisch dunkleren Seite, man ist unbequem. „Du bist anti“ zeigt uns, dass es Seiten gibt, auf denen man stehen muss. Sei es, dass man Breaking Bad sehen muss, weil man sonst nicht als Serien-Seher anerkannt ist, man St. Pauli-Fan sein muss, weil man sonst nicht verstanden hat, worum es beim Fußball und in unserer Gesellschaft geht, oder aber mindestens zwei Talkshows in den Öffentlich-Rechtlichen die Woche sieht, weil man sonst verwirkt hat, seine Meinung zu äußern.

Das „Du bist anti“ ist das „Wooooohl“ der Erwachsenen und wir verwenden es so häufig. Ich erwische mich immer wieder, wie ich bei manchen Menschen denke, dass sie so anstrengend anti sind. Anstrengend. Anti. Es ist unsere eigene Faulheit, sich nicht mit der Meinung anderer auseinanderzusetzen. „Du bist anti“ ist ein Totschlagargument, es ist wie „Du hast keine Ahnung“ – Worte, die dazu führen, dass man in eine Rechtfertigungshaltung gedrängt wird. „Neeee, ich habe Ahnung!“ Wer sagt, man habe keine Ahnung, schreibt sich diese selber zu.

Ich kann sehr gut verstehen, dass man auf manche Meinungen einfach keine Lust hat. Weil uns Meinungen ständig entgegenwehen; man kann ihnen kaum entgehen. Jeder äußert ständig seine Meinung, weil „meinungsstark“ offenbar ein Kriterium ist, um anerkannt zu sein. Twitter, Facebook, Meinungsblogs (schuldig)…

Dabei habe ich bei manchen Themen gar keinen Standpunkt. Weil ich mich damit gar nicht auskenne und nicht sicher bin, ob ich mich in diesem Bereich auskennen möchte. Das mag man für ignorant halten – man zeige mir aber den letzten Universalgelehrten der Welt! Allerdings: Keine Meinung zu haben, da sehe ich die Pechfackeln schon in der Ferne heraneilen, getragen von Menschen, die Meinung zu allen Themen haben und sie auch vehement einfordern. Sie haben einen Standpunkt zum Thema Neonleggins, Waffenexporte und zum Stand der Ehe von Boris Becker und seiner Frau (deren Name mir nicht einfällt, weil ich keine Meinung zu ihr habe). Ich habe dafür keine Zeit.

Und so lehne ich mich zurück, warte auf das nächste fingerzeigende „Anti“ und die nun anstehende Diskussion zum Thema Breaking Bad.

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10 Kommentare zu “„Ich bin nicht anti, ich bin nur nicht eurer Meinung“

  1. Love it, love it, love it. Ein Hoch auf alle Antis! Und auf diesen wunderbaren Text dazu.

  2. Als Freund hochgradiger Rekursivität wäre ich ja jetzt und hier gerne anti.. aber es passt nicht.

  3. Breaking Bad lohnt sich allerdings schon… aber gut, wenn die Serie jedem gefallen würde, würde sie nicht irgendwo auf Arte oder RTL Nitro versteckt laufen. Aber so hat halt jeder seins, ich kann mit den ganzen Superhelden-Filmen überhaupt nichts anfangen. Und von dem öden Herr der Ringe Zeug gar nicht zu reden.

  4. Menschen, die etwas nicht verstehen, haben keine Meinung, sondern eine moralische Haltung zu einem Thema. Menschen, die schlechteren Fußball spielen, wollen die moralischeren Fußballer sein.
    Meinung und Moral wird so gerne verwechselt wie Gleichheit und Gerechtigkeit.
    Und wenn sie anderen an Fähigkeiten nicht gleichen, wollen sie die Gerechteren sein, die Moralischeren, die Menschlicheren.
    Darum wollen sie, dass man ihre Meinung annimmt, weil man ihren Anspruch, die menschlicheren Menschen, die Bessermenschlichen zu sein, bestätigen soll.
    Man tausche die Begriffe „Meinung“ in „Moral“ in „Bessermenschsein“ und man versteht alle Meinungshysterie.
    Deswegen habe ich solche Unlust, eine Meinung zu haben, weil ich mich nicht gemein machen will, mit den Möchtegerns, mit den Besserwärens, mit den Nichtsseinern aber Alleswollern.
    Und letztlich ist alles der Verwechslung von Denken mit Eitelkeit geschuldet.

  5. Danke, Ulrike: Das ist wirklich gut beschrieben. Ich will noch ein bisschen philosophischer werden 🙂

    Es ist ja wirklich nichts Verkehrtes daran, wenn man eine eigene Meinung hat, auch wenn alle anderen ggf. nicht der gleichen Meinung sind. Oder noch viel weniger als das: Vielleicht gehören wir (ja, ich muss mich hier auch als Anti outen) zu denjenigen Menschen, die ständig das Bedürfnis haben, auf andere Aspekte hinzuweisen und dass z.B. ein Vorhaben zwar aus dem einen Blickwinkel toll zu sein scheint aber aus dem anderen Blickwinkel äusserst merkwürdige Reaktionen hervorrufen könnte und deshalb davon abzuraten ist. Ja, das ist unbequem für diejenigen, die am liebsten in sofortigen Aktionismus verfallen und sich die Ärmel hochkrempeln wollen. Dabei wäre die Betrachtung von vielen möglichen Seiten und den darauf basierenden Entscheidungen einfach professioneller.

    Das trifft unter anderem auch darauf zu, wie man Medien konsumiert und ab welchem Punkt man intolerant sein darf.

    Das Problem mit diesen Widerreden ist doch immer wieder, dass sie – im Gegensatz zur Zustimmung – viel stärker wahrgenommen werden, dass man als Wortführer oder Initiator einer solchen Widerrede immer mehr Negatives als Positives ausstrahlt. Mir war sehr lange Zeit noch nicht einmal bewußt, dass das so ist – es sagt einem ja auch niemand so klar und deutlich ins Gesicht.

    Mit anderen Worten: Wir haben also etwas in die Wiege gelegt bekommen oder uns angeeignet, das eigentlich etwas sehr Positives (Professionelles) ist aber immer wieder negativ wahrgenommen wird. Ergo scheint es sich vor allem um ein Kommunikationsproblem zu handeln, an dem wir „Anti-Menschen“ arbeiten müssen, um ernstgenommen und in der Diskussion mit voller Stimme gehört zu werden.

  6. „“Du bist anti” zeigt uns, dass es Seiten gibt, auf denen man stehen muss.“

    Nur nach Meinung desjenigen, der das gesagt hat. Es ist unmöglich es allen recht zu machen. Ich bin ein Mensch, der es gerne allen recht machen würde, aber ich scheitere regelmässig daran, und realistisch betrachtet, ist es einfach nicht möglich. Es gibt zu viele unterschiedliche Ansprüche an uns.

    An einem Punkt muss man sich zurechtlegen, was für Ideen und Prinzipien einem selbst wichtig sind. Darum herum ein Gumminand ziehen, und sich ein bischen in die Richtung anderer Ansichten dehnen lassen, aber nicht so weit, dass es reißt.

    Zwar hat noch nie jemand zu mir gersagt „Du bist Anti“, aber das liegt wahrscheinlich einfach daran, dass die Gruppe in der ich mich bewege, anders spricht. Ich vermute ich bin oft Anti, es gibt einfach Prinzipien, zu dehnen ich stehe, und von denen ich mich nicht allzu weit weg bewege.

    Fernsehserien sind zum Glück für mich keine Thema, iesch ‚abe gar geinen Fernseher 😀
    Bin also total TV Anti, und stehe auch dazu, selbst wenn Millionen den Fernseher für wichtig halten.

  7. Ich bin am Wochenende ganz furchterbar „anti“ gewesen, weil ich als einzige Kommentatorin eines abonnierten Blogs einen saudummen und ausländerfeindlichen Witz nicht lustig fand, und dies zwar in gesetzten Worten aber dennoch offen kund getan hatte. Uiuiuih! Was wehte mir da ein Sturm an Entrüstung entgegen – unter anderem die Bemerkung, daß ich dem Admin des Blogs vorschreiben wolle, was er online zu stellen habe und was nicht… Aber ich werde dennoch weiterhin „anti“ bleiben, wenn mir danach ist… Lieber „anti“ als eine schmeichelnde und schleimende Mitläuferin und Ja-Sagerin zu sein.

  8. Es gibt ein für viele erstrebenswertes ‚anti‘ im Sinne von ‚anders‘, und das geht etwa so: „Ich bin anti, und ich bin stolz drauf! Ich habe nicht den Geschmack der Masse, ich bin nämlich Meeega-individuell! Kennste Breaking Bad? Nee? Läuft ja auch nicht im Mainstream. Findste nicht gut? Dann biste Mainstream. Guckst bestimmt Wetten Dass und so.“

    Davon abgesehen: Gib der Serie noch ne Chance, die entwickelt sich von Folge zu Folge…

  9. …auch ich kann den derzeit so trendy Serien nichts abgewinnen und kann noch nicht mal so genau sagen, warum. Der Funke springt halt nicht über – auch mir versucht man immer wieder Sopranos, Breaking Bad Homeland & Co anzupreisen und dann bin ich auch ganz schnell „anti!“…hm. Danke für den Beitrag!

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