Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Kill Your Idols!

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Voran, voran!

Voran, voran!

In den Meine Schulfreunde-Büchern wurden wir früher nach unseren Vorbildern gefragt. Meistens schrieb ich Petra Deimer, weil ich hoffte, dass ich auch irgendwann Wale retten würde. Später wurde daraus Edwin van der Saar, obwohl ich Angst habe, dass Bälle auf mich zufliegen und mir die Lippe aufplatzen lassen (einmal ganz davon abgesehen, dass ich eine unfassbar schlechte Fußballerin bin). Und dann irgendwann, nach Che Guevara, war das Vorbild weg. Aber irgendwann gab es ja auch keine Meine Schulfreunde-Bücher mehr.

Wir machen es uns recht leicht, Vorbilder zu benennen. Es gibt beinahe täglich neue Helden, neue Menschen, denen es angeblich gilt, nachzueifern. Würden wir wie im frühen Mittelalter Sagen um unsere Verehrten schreiben, man käme kaum nach – der moderne Held steigt auf, fällt und ist vergessen. Manchmal innerhalb von Tagen, wenigen Wochen.

Mussten früher Drachen besiegt, holde Maiden befreit werden, reichen heute wenige Worte. Und Worte – echt mal – die sind so leicht gesagt, dass sie keinen Helden, kein Vorbild ausmachen sollten.

Dabei mag ich Worte, ich liebe sie sogar. Aber es ist weitaus leichter, zu sagen, dass man etwas denkt, als dann auch so zu handeln. Zumal dann die Menschen, die gut handeln, gar keine Zeit haben, es 83-mal am Tag zu sagen.

Ein Freund sagte mal „Im Internet tanzen sie ständig um goldene Kälber“. Und es stimmt, was er sagt. Wobei es weniger Kälber sind, sondern mehr goldene Profile. Angefüllt mit Worten und Bildern, die nicht die Wirklichkeit abbilden. Nur einen Teil und meist auch nur das, was wir sagen und zeigen wollen. Der Geschäftsmann wird kaum zugeben, dass er ein Projekt vor die Wand gefahren hat. Die laszive Diva nicht sagen, dass sie seit Wochen keinen Sex hatte. Der coole Typ nicht eingestehen, dass er Angst im Dunklen hat.

Helden und Vorbilder befriedigen unsere Sicht nach Orientierung. Sie geben uns das Gefühl, dass sie wissen, wohin es geht. Sie sind wie ein Leuchtturm, ein Richtungsweiser im Nebel. Nur vergessen wir, dass diese Menschen auch häufig nicht wissen, was die richtige Richtung ist; wir haben sie mit unseren Vorstellungen angefüllt. Einer Vorstellung von Licht im Dunkel, von Wissen in der Unwissenheit.

Es ist ja auch kein Wunder. Das Leben ist so unendlich verwirrend. Entscheidungen müssen getroffen und Hindernisse überklettert werden. Wie schön, wenn wir sagen können: „Der hat es doch auch geschafft und er hat dabei erst das linke Bein über die Mauer geworfen.“ Aber vielleicht hat er es nur erzählt, hat sich drüber schieben lassen, aus Bierkisten eine Treppe gebaut oder ist drumherum gelaufen und erzählt nur von der vermeintlichen Heldentat. Worte – ich sage es oben bereits – sind so schnell ausgesprochen oder geschrieben.

Die größten – vermeintlichen – Helden haben ihre Legende ohnehin selber gestrickt. Es sind keine Geschichten, die andere aus eigener Erfahrung erzählen und die den Schein des beinahe Ungläubigen haben. Es sind Geschichten, die von dem selber, der Held sein möchte, erzählt werden. Sie beginnen mit „Ich“ und enden mit Selbstbeweihräucherung, großen Worten und nur dem Anschein von Understatement.

Viele der Helden fallen. Und im Nachhinein will es keiner gewesen sein, der bewunderte und „Hooray“ schrie. „Ich habe es immer schon gewusst“, sagen sie und schämen sich insgeheim für ihre Lobpreisungen, die selbstentschuldigend natürlich nur gesungen wurden, weil es alle taten. Von den meisten aktuellen Helden wird in zehn Jahren kein Mensch mehr singen.

Und so bin ich froh, dass es keine Meine Lieblingskollegen-Bücher gibt. Aber ach, vielleicht würde ich bei „Mein Vorbild“ „Mama“ hinschreiben. Die macht nämlich die besten Frikadellen – und die habe ich selber schon probiert; ich weiß um die Heldentat in Form von Rinderhack und Zwiebeln.

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7 Kommentare zu “Kill Your Idols!

  1. Ich tat mich immer schwer bei diesem „Mein Vorbild“-Ding. Auch heute weiß ich niemanden, den ich nennen könnte. Zum Glück wird man jetzt nicht mehr gefragt 🙂

  2. Oh, ich habe nichts gegen Vorbilder, Idole, wenn sie nicht so schnell und oberflächlich produziert werden, wie heutzutage. Dass die, die deren Menschlichkeit nicht ertragen können, am Sockel kratzen dürfen, ist ja bekannt. Für die anderen aber verstärkt sich die Vorbildwirkung. Oder gelingen Deiner Mutter die Frikadellen immer?

  3. Ich hatte merkwürdiger Weise nie ein Vorbild. Nicht dass ich als Kind sonderlich selbstbewusst gewesen wäre und so etwas nicht gebraucht hätte, aber es hat sich nicht ergeben. Vielleicht wollte ich eine Zeit lang wie Mila Superstar sein, und wegen einer Lehrerin kurzzeitig selbst Lehrerin werden. Aber ein Vorbild in dem Sinne, dass es diese Funktion über eine lange Zeit innegehabt und mich längerfristig geprägt hätte – und so definiere ich das – könnte ich nicht nennen. Das war für mich immer ein eher romantischer Gedanke aus Romanen und Serien für junge Mädchen.

  4. Vorbilder sind wichtig. Nicht als Götze oder Held. Nur als Grundmuster eines Wesens. So, wie eine Landkarte, die einem eine Reise eröffnet, aber nicht ersetzt.

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