Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Pfannkuchengeruch in der Wohnung

Hinterlasse einen Kommentar

Nicht perfekt: angemalte Kekse.

Nicht perfekt: angemalte Kekse.

Ein lieber Freund aus Essen wünschte sich einst, ich erinnere mich noch gut an das abendliche Gespräch bei Currywurst und Pommes Schranke, dümmer zu sein. Er haderte mit sich, mit seinem Leben, den Entscheidungen, die er im Laufe von 29 Jahren getroffen hatte. Mit einem Bier wurde uns an diesem Abend bewusst, dass „Hätte ich doch“ nichts ändert und die Zeit nicht zurückdrehbar ist.

Daran musste ich gestern im Büro denken, als der Kollege Dumm von Prinz Pi hörte (und sang).

Wobei „dumm“ insgesamt vielleicht das falsche Wort ist. „Dumm ist, wer Dummes tut“ – und wenn es danach ginge, würde ich mich selber als „dumm“ bezeichnen. Ich gehe aus der Wohnung und nehme den Müll nicht mit, obwohl ich ihn eigens an die Tür gestellt habe. Ich vergesse simpelste Dinge. Mein Knie ist beinahe permanent blau, weil ich auch nach 2 1/2 Jahren die Höhe der Wanne unterschätze. Und bei Sturm lüfte ich durch, um dann zu merken, dass man die Türen vielleicht hätte fixieren sollen.

Vielleicht sollte man „dumm“ durch sorglos ersetzen. Und noch aufladen mit so vielen anderen Dingen.

Ich kann obigen Freund gut verstehen. Es gibt Menschen, die streben nach nichts. Sie sind zufrieden mit den Dingen um sie herum. „Es ist gut so, wie es ist“, sagen sie und der Freund und auch ich denken: „Nein, es muss noch mehr geben.“

Wie soll man sagen, dass etwas gut ist, wenn man von seinem Leben noch mehr erwartet; und zudem auch Nachrichten schaut, die uns sagen: Nein, es ist nicht alles gut.

Vielleicht ist es eine Art unrealistischer Erwartungshaltung an das Leben. Vielleicht erwarten wir zu viel, wenn wir einen Job wollen, der uns zehn Stunden am Tag glücklich und ausgeglichen macht. Und vielleicht ist es auch zuviel verlangt, wenn wir abends nach Hause kommen wollen, in die perfekte Wohnung mit dem perfekten Badezimmer; die perfekte Wohnung, in der es abends nach frischen Pfannkuchen riecht und wir freudig von Menschen begrüßt werden, die uns lieben.

Wer sorglos ist, der macht sich keine Gedanken. Nicht, weil er ohne Sorgen ist. Sondern einfach deshalb, weil er sich diese Sorgen nicht macht. Zerdenken ist eine Qual (mehr zum Zerdenken: hier). Wie viele unserer Sorgen und Gedanken nur deshalb entstehen, weil wir überhaupt darüber nachdenken. Es reicht ein Ansatzpunkt und wir spinnen Dinge weiter, bis sie völlig unrealistische Folgen haben; weil wir aber von der Genialität unseres eigenen Geistes überzeugt sind, halten wir die von uns selbst erdachten Folgen für sehr wahrscheinlich.

Ich beobachte auch an mir, vor allem in den frühen Morgenstunden, eine geistige Kreativität in Bezug auf Weltuntergangsszenarien. Im Dunklen liegt man da, irgendjemand schnarcht (Mann oder Katze oder aber der Nachbar hat das Fenster offen) und man selber hasst die Welt, weil alle anderen sorglos schlafen und man selber sorgenvoll ist. Wenn man nun keine Milch mehr für den Morgenkaffee gekauft hat? Wurde die eine Rechnung bezahlt? Und wo liegt noch einmal die EC-Karte? Und wieso hat der Freund auf die Frage, ob man sich sehen sollte, 2,5 Sekunden statt zwei Sekunden geschwiegen? Wenn jetzt morgen das Internet ausfällt oder: Habe ich gestern den wichtigen Pullover gewaschen?

Von diesem Standpunkt wäre etwas Sorglosigkeit – oder die prinz pi’sche/freundsche Dummheit – ein Segen. Schlafen, ohne Gedanken. Nicht die ständige Suche nach der Perfektion, nach der vollkommenen Erfüllung, der perfekten Badewanne in der perfekten Wohnung. Sondern mehr „Es ist gut so, wie es ist“.

Vermutlich ist es aber eine Mischung, die wir uns zulegen sollten. Uns irgendwann zugestehen, dass etwas perfekt ist, wie es ist. Und sei es nur die Badewanne, mit der wir uns abfinden. Dass wir erkennen, dass wir nicht für alles verantwortlich sind und nicht alles ändern können. Und doch immer weiter streben; nach Glück und Pfannkuchengeruch in der Wohnung.

Klappt schon irgendwie.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s