Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ein Dialog von Krankheit und Stöckchenfragen

Ein Kommentar

Kein Zusammenhang. Aber Martins Gans wollte ich dann doch keinem Menschen vorenthalten.

Kein Zusammenhang. Aber Martins Gans wollte ich dann doch keinem Menschen vorenthalten.

Ich bin krank. Es ist ein Elend, weil ich so gut wie nie krank bin; nicht einmal kränkelnd. Mein Immunsystem ist für gewöhnlich der Endgegner für jede Art von Krankheit. In diesem Fall ist das anders. Um es kurz zu machen: In meinem Inneren findet ein Kampf statt, in meiner Vorstellung ist es ein Fußballspiel – natürlich. FC Immunsystem gegen Kickers Infekt – oder irgendetwas anderes, das Textern für Globuli-Werbespots zur Ehre reichen würde. Wir sind seit Wochen im Elfmeterschießen, es ist auch für die Zuschauer mittlerweile ermüdend.

Nun wollte ich eigentlich etwas jammern und dem geneigten Leser keine Einzelheiten meines madigen Gesundheitszustandes verheimlichen. Seit ich bei Facebook lesen musste, wie ein Bekannter aus dem Heimatdorf seine Magen-Darm-Grippe textlich und auch bildlich festhielt, naja… meine Grenzen haben sich da etwas verschoben.

Es ist beinahe, als habe André (ergänzend: Herrmann) das geahnt und sofort einen Plan verfasst, um das Internet an sich vor diesem meinem inhaltlichen Schmutz zu verschonen. Ein Stöckchen. Mal wieder. Mal wieder Fragen. Aber André ist ein sympathischer Kerl, der gern Jever trinkt – und damit hatte er mein norddeutsches Herz dann auch schon ein wenig. (Es bedarf nicht viel, vermutlich heirate ich den nächsten, der Weizenbiergläser in eine Geschirrspülmaschine einräumen kann.)

Und so erwartet euch nun ein Text, der in der alten Redaktion als „Krömer’sche Collagentechnik“ bekannt ist und Einsatz bei Interview findet – wenn der Befragte nicht viel hergibt und man geneigt ist, noch sehr viel mehr zu erzählen – ja, zu palavern, zu lamentieren und an sich das Unheil der Welt anzuprangern.

Wenn es Leipzig nicht gäbe, in welcher (deutschen) Stadt würdest du wohnen wollen?

Großmachtsphantasien sind hier wohl fehl am Platze, weshalb ich mal „Düsseldorf“ sage. Aber bitte mit Nähe zum Wasser und guter Zuganbindung in das Ruhrgebiet und nach Mönchengladbach und ganz vielen Bahn-Gutscheinen, damit ich zu karnevalistischen Aktivitäten nach Ostfriesland – Leipzig gibt es ja nicht – fahren könnte.

Ich war tatsächlich versucht, Leer zu sagen. Immerhin komme ich von dort und es ist ja auch recht hübsch in der Altstadt und am Hafen und die Kaffeemaschine meines Bruders ist nicht weit, die Frikadellen meiner Mutter sind elf Kilometer entfernt und immer wieder kann man – beispielsweise – schnell nach Langeoog fahren.

Aber dann fiel mir ein, warum ich von dort wegzog. Ich saß nämlich eines abends in einer Bar und kannte jeden Mann. Das mag viel Schlechtes über mich aussagen, ist aber nicht so.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, womit würdest du deine Zeit verbringen?

Gibt es Leipzig wieder? Ich würde am Dienstag und am Freitag auf dem Markt stehen und meine Marmeladen verkaufen – in den Tagen dazwischen würde ich einkochen und mit Aromen und Gewürzen hantieren, während im Radio die besten Reportagen laufen. Und nein: Marmeladen-Ulrike hätte keine Internetseite. Ich hätte aber drei Strickjacken übereinander an, Lammfell-Einlegesohlen und keine Wimperntusche. Und immer wieder würde ich mir Tee aus meiner Thermoskanne einschenken und mit den Leuten über das Wetter, die Schlaglöcher auf den Straßen und die allgemein schlimme Lage der Welt sprechen. (Winter-Edition)

Kränklich empfinde ich diese Vorstellung gar nicht so romantisch und erstrebenswert. Aber tatsächlich sagte ich obiges vor einiger Zeit zu Jemandem. Und da ich durchaus überkommuniziert bin, kann ich es auch einfach nur zu meiner Katze gesagt haben. Aber: Als ich gesund war – und wir hoffen alle, dass diese Zeiten bald wieder da sind – da war obiges die Idealvorstellung meines Lebens. Punkt.

Welches deiner alten Lieblingsblogs sollte wieder zum Leben erweckt werden?

Nicht erweckt, aber häufiger befüllt: Kesro.

Vor ganz vielen Blog-Jahren (also so ungefähr drei oder vier) nannte man uns gemeinsam „Das dynamische Duo“. Was bis heute dazu führt, dass wir uns jeweils „dynamisches Uno“ nennen – das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ohne sie in der Blogwelt etwas fehlt.

Der absurdeste Online-Dienst, bei dem du trotzdem angemeldet bist?

Eine unfassbar gemeine Frage, weil ich doch schon von Berufswegen jedem Hype wie ein Belieber (für meine Mutter: das sind die Fans von Justin Bieber – ich denke, Schwesterchen kennt den…) hinterrenne. Die beiden schlimmsten Online-Dienste sind Shots Of Me und Bang With Friends, das nun Down heißt. In Shots Of Me geht es darum, sich selber zu fotografieren. Immer und immer wieder. Ich habe da Dinge gesehen, ich kann kaum drüber schreiben. Bang With Friends ist eine Art Singlebörse; sie scannt meine Facebook-Freunde. Wenn ich einen davon angeklickt habe und der andere mich auch – dann bekommen wir eine Nachricht, dass wir Sex miteinander haben können. Noch nie genutzt, aber man weiß ja nicht… Falls ein Update kommt…

Welche Tätigkeit würde deinen Alltag unendlich erleichtern, wenn du sie nie mehr verrichten müsstest (abgesehen vom Geld-Verdienen)?

Eine Katzenkloreinigungsmaschine.

Wirklich. Ich liebe meinen Kater, selbst wenn er mir nachts Dinge erzählen möchte („Der Asiate ist für seine Redseligkeit bekannt.“) – aber diese Sache mit dem Katzenklo kann ich nur mit sehr viel Liebe ertragen. Weil er ein verwöhntes Ding ist, vergräbt er nicht. Offenbar haben seine Vor-Vor-Besitzer mit der Schaufel hinter seinem behaarten Hintern gestanden und jedes Erzeugnis aufgefangen. Und so geht er heute ins Katzenklo, macht, dass alles stinkt – und geht dann wieder; während ich erst drei Minuten später im Wohnzimmer sitzend erahne, dass diese olfaktorische Belästigung nicht von der Suppe meiner Nachbarin herrührt – sondern von der Katze stammt.

Was müsste man dir bieten, um dich dazu zu bringen, dein Blog zu schließen?

Ein Haus in Nord-England mit einem Pub in der Nachbarschaft.

Ich bin mir nicht sicher, ob André mit dieser Frage tiefergehende Gedanken hat und herausfinden möchte, wie er den Rest der Runde langsam aus dem digitalen Leipzig vertreibt. Dann sitzt er da, in seiner balkonlosen Wohnung, trinkt Jever und grinst triumphierend.

Welchen drei Instagram-Accounts sollte jeder folgen?

Mir. Dem Schisslaweng (auch bei Twitter, sowieso.). Und Gawd668, weil ich auf seinen Bildern selbst Berlin ganz hübsch finde.

So weit ist es also schon gekommen. Ich empfehle Twitterer im Blog.

Welcher Typ Mensch ist online am nervigsten?

Der Beziehungssexuelle. Das führe ich nicht aus, der ist hier beschrieben.

Ich neige ebenfalls zur Bestätigungssexualität.

Wenn das Internet nie erfunden worden wäre, was würdest du dann heute beruflich machen?

Ich würde entweder a.) die Marmeladen verkaufen (siehe oben), aber wohl nicht in Leipzig, weil ich ohne das Internet nicht hierhergekommen wäre. Oder ich würde Bücher schreiben. Aber Internet killed my Konzentration auf lange Texte. Und so reicht es nur für den Blog und Twitter.

Und wieso eigentlich Norden?

Norden liegt in Ostfriesland. Ich habe viele ungezählte Stunden in der kleinen Redaktion am Markt verbracht, die es leider nicht mehr gibt. Ich bin in den Mittagspausen an das Meer gefahren, habe Fisch auf dem Deich gegessen und das Wasser gesucht. Wie kamen wir jetzt drauf…?

Ein Wunder. Über Rosenkohlpüree und das Nachdenken über Fragen sind immerhin meine Hände warm geworden. Ich bin auf dem Weg der Besserung, kommende Woche kann ich wieder ohne Socken oder Schuhe zu den Mülltonnen laufen, zu MC Solaar mit den Hüften schwingen und meinen Humor tagtäglich suchen.

Und ich schwöre: das war das letzte Stöckchen für lange Zeit. Ich mag doch ohnehin kein Holz anfassen.

(Weil ich krank bin, gebe ich das Stöckchen nicht weiter, aber gern kann sich jemand den Stock mit den Fragen vom werten Herrn H. nehmen und sie beantworten.)

Advertisements

Ein Kommentar zu “Ein Dialog von Krankheit und Stöckchenfragen

  1. Willkommen im oberkuhlen SchniefundSchneuzKamillenteeClub! Dem bin ich, nebst Gatten, am Sonntag auch beigetreten … Gute Besserung!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s