Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Sind wir nicht alle bestätigungssexuell?

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Bestätigung ohne Aufmerksamkeit: Vodka Martini

Bestätigung ohne Aufmerksamkeit, aber mit Alkohol: Vodka Martini

Jeder hat in seinem Umkreis Menschen, die nach Bestätigung suchen. Nicht die normale Bestätigung, die wir alle gern einmal haben, wenn uns das Leben plötzlich nicht mehr passt, wie ein eingegangener Pullover ziept und quält, wir uns drehen und wenden und es einfach nicht passt, wir kaum Luft bekommen, weil wir uns so sehr verstellen müssen, um nicht unangenehm aufzufallen. Sondern die Art von Bestätigung, die permanente Aufmerksamkeit der Umwelt verlangt.

In diesen Fällen macht es nicht die Qualität aus; die Quantität ist wichtig. Es ist egal, wer sagt, dass man toll und liebenswert ist. Die reine Menge macht es aus und wie bei jeder Droge muss die Dosis permanent erhöht werden.

Im Büro haben wir dafür ein Wort entwickelt: Bestätigungssexuell. Die Freude, die Gier mit der nach dem nächsten Stern, dem nächsten Like, dem nächsten Kommentar gejagt wird, hat eine beinahe sexuelle Komponente, irgendwann lehnen sich Betroffene seufzend zurück und zünden sich eine Zigarette an.

Bestätigung ist ja auch toll. „Du hast so schöne Haare“, „Ich mag Dein Lachen“ – wer hört nicht hin und wieder gern etwas Nettes, etwas, das ihn aufmuntert und sagt: „Ja, nicht alles an mir ist schlecht. Ich habe auch meine Vorteile.“ Wir brauchen das alle, es gibt aber eben auch Menschen, denen all das nicht ausreicht.

Warum das so ist, das lässt sich nur erahnen: Schwaches Selbstbewusststein, versteckt hinter der Maske eines Checkers. Unsicherheiten, ausgelöst durch persönliche Orientierungslosigkeit. Das Gefühl, nicht genügend gewürdigt zu werden.

Das Internet, und nein, ich hole nun nicht zu einer medialen Schelte aus, macht es uns aber auch so leicht. Es gab Zeiten, da gaben wir uns mit dem anerkennenden Schulterklopfen der Teamkollegen aus, wenn wir den Ball aus 13 Metern leicht ins Netz gelupft hatten (als hätte ich je getroffen!). Heute muss das Tor bei YouTube online gestellt und mindestens bei Facebook geteilt werden. Mit der Verbreitungsmöglichkeiten des Internets hat sich auch die Erwartungshaltung an die uns entgegengebrachte Aufmerksamkeit potenziert.

Es reicht nicht mehr aus, nur von der besten Freundin zu hören, dass die neuen Ohrringe toll sind. Wir wollen es von allen hören. VON ALLEN. Am besten laut und mit Nachdruck und Glitzer und Sternchen. Und immer wieder. Irgendwo geschrieben, damit wir es wieder hervorholen können, wenn wir es brauchen. Und weil eine Art der Bestätigung nicht genügt, müssen wir auch hier die Taktung erhöhen. Fotos, Comics, kleine Sätze – selbst auf „Erst einmal Kaffee“ erwarten wir Aufmerksamkeit und die Aussage, dass wir das Richtige tun.

Denn hinter dieser Bestätigungssuche steht ja noch viel mehr. Wir wollen nicht nur wissen, dass wir toll sind. Wir wollen auch wissen, dass wir das Richtige tun und denken. Es ist richtig, am Sonntag nur auf dem Sofa zu liegen. Es ist auch richtig, sich am Sonntag aufzuraffen und sich mit den hübschen neuen Schuhen durch das Laub zu schieben. Es ist auch richtig, am Sonntag Mitleid zu fordern, weil wir arbeiten müssen. Eigentlich ist alles richtig, was wir tun. Wer schreibt schon „Ey, die Sonne scheint, geh mal raus“ oder „Arbeiten am Sonntag? Du bist doch dumm“.

Vermutlich sind wir also alle bestätigungssexuell. Mancher mehr, mancher weniger. Und mancher eben nur, permanent auf der Suche nach Bestätigung, die doch nie das geben wird, was eigentlich gesucht wird: das Gefühl, mit sich im Reinen zu sein.

Apropros Bestätigung: Ich lese am 10. November im Rahmen der Bloggertour von AppTalk und pixoona. Eure Anwesenheit ist meine qualitative Bestätigung.

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9 Kommentare zu “Sind wir nicht alle bestätigungssexuell?

  1. Dafür ein „Bestätigungslike“.

    Und ein Kommentar, sieht schicker aus.

    Ja, das such jeder irgendwie. Die einen im Stillen, die anderen offensiv. Meist die Letzteren zu unrecht.

  2. Okay, ich hab bei Facebook auf „Gefällt mir“ geklickt – und sowas mach ich gaaaaanz selten! Freust Du Dich jetzt?! Echt? Da fühle ich mich bestätigt! Wie lieb von Dir..

  3. weißt du zufällig ob bei der Lesung überhaupt normale Zuhörer eingeplant sind? wir haben erfolglos versucht einen Tisch zu reservieren

  4. Ich schreibe gerade an einem Blogbeitrag… Hier ein Auszug daraus:

    Ich mache mir ständig Gedanken – was denkt XYZ über dieses oder jenes? Wer hat wieder welche Meinung? Warum gibt es soviel Oberflächlichkeiten und Befindlichkeiten in dieser Welt?
    Manchmal denke ich, ich gebe zu viel und bekomme zu wenig zurück. Gehe Fahrlässig mit meinem Wissen um wovon andere profitieren. Ich teile lieber, kann aber im gleichen Atemzug das größte Egoschwein sein. Ich habe keine Lust mehr auf Sinnbefreite Kritik, jeder kann überall seine Meinung abgeben. Die Macht des Internets, macht vieles kaputt, baut aber auch vieles auf.

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