Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Geschichte von Schlingelding

11 Kommentare

Da hilft nur noch: Rotwein. Viel.

Da hilft nur noch: Rotwein. Viel.

Vor einiger Zeit, bei Cocktail und geschmolzenem Käse, sprach ich mit der Leipziger Freundin über Männer. Natürlich. Sie ist bereits verheiratet und beneidet mich nicht um die Frage: Wie lernt man zwischen Schreibtisch, Einkaufswagen und Bett nur Männer kennen? Zumal ich keinen Fußballer/Fußballfan und keinen Twitterer haben möchte und auch sonst recht klare Vorstellungen habe, was ich haben will und was nicht.

Ich versprach der Freundin also, mich mal bei einer Singlebörse anzumelden. Widerwillig. Weil Singlebörse der letzte Ausweg ist, wenn man alle passablen Männer in der Umgebung schon angetatscht hat und auch ansonsten eher verzweifelt ist. Es gleicht einer Kapitulation, einem Eingeständnis, das man entweder nicht auf Parties geht oder dort die ist, mit der niemand reden möchte. Wer sich bei Singlebörsen anmeldet, ist nicht einmal spannend genug für Schwiegertochter gesucht.

Nach einer achttägigen Testphase kann ich mitteilen: Partnersuchmaschinen sind nicht auf mich zugeschnitten und die Chance, einen Mann zu finden, dessen Nickname mich nicht schamvoll erröten lässt, ist mehr als gering. Nur Mathematiker können wissen, ob eine Chance sich im Minusbereich befinden kann. Gefühlt geht es zumindest.

Das Elend fängt schon bei der Anmeldung an. All die Fragen, die man beantworten muss, damit Männer gefunden werden können, die auf mich zugeschnitten sind… Es gilt, als Beispiel, als Treffer, wenn ich sage, dass ich gern Indisch essen gehe und der Mann es auch gern isst. Ich will aber gar nicht, dass der Mann, der mir morgens Kaffee machen darf, indisches Essen mag. Ich bin kein „Darf ich mal von Dir probieren?“-Typ. Ich möchte nicht einmal, dass die Chance besteht, dass sich eine fremde Gabel meinem Malai Kofta nähert.

Was soll ich mit einem Mann, der vermutlich immer noch hungrig auf meinen Teller sieht und ständig fragt: „Fertig? Fertig? Darf ich den Rest?“ Ich, ja, ich möchte das Recht haben, ständig und ungefragt auf den anderen Teller zugreifen zu können, umgekehrt gilt das nicht. Es ist also eine schwierige Sache und vielleicht sollten die Börsen dieser Welt sich überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, bei „Essen“ die Option „Ich klaue nicht von anderen Tellern“ anklicken zu können.

Auch andere zu machende Angaben schienen mir nicht zielführend. Nirgendwo konnte ich ankreuzen, dass ich zwar nicht wirklich dünn, aber dennoch mit einer guten Figur gesegnet sei, die mir in den 1950er Jahren eine Karriere als Pin-Up-Girl beschert hätte. Wie soll ich mich präsentieren, wenn solche wichtigen Dinge fehlen? Wenn ich bei der Augenfarbe nur zwischen blau, grün, braun, grau wählen kann, nicht aber „Blau, aber mit einem gelben Fleck und eigentlich ziemlich hübsch, weil ich so lange Wimpern habe“ anklickbar ist?

Es war dumm, dass ich glaubte, danach würde es besser werden. Als erstes wurde mir ein junger Mann vorgeschlagen, der hier aus Nähe kam und sich den Namen „Schlingelding“ gegeben hatte. Vor Schreck klappte ich den Computer zu und verkroch mich hinter meiner Sofadecke. Sich solch einen Nickname herauszusuchen, ist fahrlässig, wenn man auf der Suche ist. Schlingelding. „Ja, wir haben uns über eine Singlebörse kennengelernt und er nannte sich Schlingelding. Das fand ich total süß und wollte ihn unbedingt kennenlernen.“ Ich. Niemals. Da muss ich meinen Bildungsgrad angeben und bekomme dann solch einen Mann präsentiert – ich empfand es nur noch als Beleidigung meines Intellekts und schnaubte den Bildschirm an.

Die Freundin, die vorher noch über Singlebörsen-Erfolgsgeschichten gesprochen hatte, reagierte ebenfalls entsetzt, als sie von Schlingelding erfuhr. Vielleicht lachte sie auch, ich teilte ihr das Elend über Whatsapp mit. Da konnte ich die erste Reaktion nicht mitverfolgen.

Danach kamen die Nachrichten. Und auch die gefielen mir gar nicht. „Schlingelding“ meldete sich trotz einer Übereinstimmung von 79 Prozent oder so übrigens nicht. Aber andere. Um „Ich finde dich süß“ zu hören, muss ich mir aber keine Fake-Email-Adresse zulegen und mich bei einer Singlebörse anmelden. Da rufe ich Freunde an, die mich gern ärgern. Die sagen das auch so, wenn sie mich auf die Palme bringen möchten.

Offenbar ist es so, dass sich vor allem Männer auf mein Profil melden, die offenbar nicht mit Witz und geistigem Reichtum gesegnet sind – die Dumpfheit, die mir immer wieder entgegenschlug, kenne ich eigentlich nur von den Jahresausstellungen der Kaninchenzüchter mit Erzeugermesse. „Wie kann ich denn mehr von dir erfahren?“ las ich dann und brüllte innerlich: „FRAAAAAAGEN!“ Aber Wolle65 hatte wohl einen Standardtext, den seine Mutter vorher nicht durchgelesen hatte, den er an alle Frauen schrieb, die ihm irgendwie als Chance erschienen, sein Kinderzimmer in der Nachbarschaft der mütterlichen Gebärmutter zu verlassen.

Außerdem schrieben sie alle „du“ und „dein“ und nicht „Du“ und „Dein“. Meine Deutschlehrerin in der Grundschule hätte die Jungs wohl mit dem nassen Tafelschwamm beworfen. Ich hingegen biss mir auf die Unterlippe, bis das Blut lief und lamentierte herum. Bis der Kater selber wehklagend das Wohnzimmer verließ.

Nach acht Tagen zwischen „Schlingelding“ und „Scharfer Leipziger“, „Muldental_Hero“ und „Timmi_77“ habe ich mein Profil nun wieder gelöscht. Offenbar bin ich doch nicht auf der Suche, sonst hätte mich die Verzweiflung schon durch die Fragebögen und doofen Nachrichten getrieben. All die Geschichten, um Bekannte, die Bekannte haben, die sich da verliebt haben, halte ich jetzt für einen urbanen Mythos. So wie die Geschichte der Frau, die nach einem One-Night-Stand überall allergischen Ausschlag vom Leichenwasser verschwundener Menschen hatte.

Gute Nacht.

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11 Kommentare zu “Die Geschichte von Schlingelding

  1. Ich muss gerade ganz laut und herzhaft lachen, nicht über Dich, sondern mit Dir, über dieses Elend. Der Nickname „Schlingelding“ wird mich vermutlich noch bis meinen dunkelsten Alpträume verfolgen.

  2. Pin-up, nicht Pop-up-Girl. Und nach neuer Rechtschreibung sind großgeschriebene Anreden nur noch bei „Sie“ und „Ihnen“ vorgeschrieben. Ich wünsche dir, dass du bald einen Partner findest.

  3. @chlorophyllosoph… Klugscheißer will hier keiner sehen..;-)
    Ganz fabelhaft geschriebener, sehr charmanter und definitiv amüsanter Text, liebe Autorin! Bin absolut erquickt 😀

  4. Wenn Die Eskapistin aber klugscheißt, dann dürfen die Leser das auf humorvolle Art aber auch 😉 Meint ja (hoffentlich) keiner böse. Aber das mit dem du/dein wollte ich auch eben schreiben 😉 Ansonsten aber seeehr witzig geschrieben, danke für etwas Lachen am Montag Morgen!

  5. Lustig zu lesen, so ’ne Singlebörse wäre auch nix für mich. (Aber das kleine „du“, das ist erlaubt zurzeit!)

  6. Du scheinst ein schwieriger Fall zu sein. Was mir aber total unverständlich ist. All diese erfrischenden Texte hier im Blog, dahinter steckt zwangsweise eine sehr interessante und spannende Persönlichkeit mit viel Esprit. Anderseits, bei diesen Ausschlusskriterien!!! Das halbe Twitter fällt schon mal unter den Tisch. Du weißt schon, dass die meisten Männer den Fussball einfach lieben? Und ich hoffe, du hast auch kein Faible für italienisches Essen. Da wäre fatal. Schließlich, wer mag schon kein italienisch? Das war alles hoffentlich nur Spass. Weil das alles in der Liebe keine Rolle spielt. 🙂

  7. Liebe ulle ich überlege gerade ob ich eine mail m. mannes bei ner singelbörse eine chance gegeben hätte. Wahrsch. nicht er schreibt nämlich alles klein benutzt abkürzungen verzichtet meist auf kommas usw. und das finde ich

    FÜRCHTERLICH! Zumindest hätte er sich nicht Schlingelding genannt, da bin ich mir sicher.

    So, und jetzt ZACK, ZACK wieder anmelden, liebe Ulle, wenn Du’s aushältst: wir wollen nämlich alle mehr davon lesen!

    Außerdem solltest Du mal mit Marco einen Kaffee trinken gehen, der scheint das Herz am richtigen Fleck zu haben (hier bei Bedarf einen zwinkernden Zwinkersmiley einfügen).

  8. Um es mit den Worten einer Freundin zu sagen: „Vergiss Online-Dating. Das sind die letzten Übriggebliebenen, die willst du nicht. Endstation Internet.“ Sie hatte recht und für mich hat es dort auch nicht geklappt.

  9. Haha, wie cool! bin there, done that! gibt mir hoffnung (zumindest, dass wir weiber dann im alter alle statt mit katzen gemeinsam in ner kommune leben und bei rotwein und käsefondue bridge spielen…oder uns die nägel lackieren…)

  10. *been there, meine ich, nich *bin* there! obwohl das natürlich auch irgendwie
    stimmt!

  11. Tja nun. Auf Twitter wäre dir das nicht passiert. Da gibt es noch Restesprit. Auch und vor allem beim männlichen Geschlecht. Und Twitterer per sé von vornherein auszuschliessen passt irgendwie auch gar nicht zu meinem Bild von deinem Tellerrand.
    Twitterer stolpern ggf. einfach in dein Leben. Ohne Fragebogen und ohne Plan. Von jetzt auf gleich. Und sowas willst du nicht?

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