Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Laufen. Rennen. Fallen. Aufrappeln. Schmerz unterdrücken. Laufen.

3 Kommentare

Laufen. Rennen. Hinfallen. Aufrappeln. Weiterlaufen. Und dabei soll man auch noch hübsch aussehen.

Laufen. Rennen. Hinfallen. Aufrappeln. Weiterlaufen. Und dabei soll man auch noch hübsch aussehen.

Wieder einmal hat die Bekannte sich in den Falschen verliebt, hat Zeit in Jemanden investiert, der es nicht wert war. Nun ist sie frustriert, weil auch sie nicht mehr 21 Jahre alt ist, sondern auch die 30 überschritten hat. Diese magische Grenze, die vermutlich aus einer Idee heraus gezogen wurde, um die Linie zwischen „Wird nicht ernst genommen“ und „Haha. Alt!“ zu markieren.

„Nun wird aber die Zeit knapp“ hat ihre Großmutter gesagt. Als würde ein Geburtstag bedeuten, dass nun nicht mehr Zeit für irgendetwas ist, als würde die Attraktivität nicht sinken, sondern mit einem Mal verschwunden sein. In der einen Minute noch witzig, schlagfertig und ganz hübsch, dann einfallslos, langweilig und verwelkt.

Der Gedanke, dass die Dinge sich nicht verändern sondern enden, der zieht sich durch alle Bereiche unseres Lebens. Wenn wir mit 34 Jahren nicht Erfolg im Beruf hatten, dann wird er nicht mehr kommen. Wenn wir mit 37 keinen Marathon gelaufen sind, dann werden wir es nicht mehr schaffen. Keine Kinder bis 35? Die Gebärmutter bitte sofort eintüten. Keine Hochzeit mit 29? Huh, sich doch lieber ein zeitfüllendes Hobby suchen.

Für alle Dinge werden uns Grenzen gesetzt. Keine Grenzen, die sich nach den Fähigkeiten richten – sie richten sich nach der Zeit. Und so hasten wir durch irgendwelche Level, um die Ziele zu erreichen. Wie in einem Jump And Run, in dem es nicht darum geht, zu sein, sondern das Ziel mit möglichst wenigen verlorenen Leben zu erreichen, möglichst viele Punkte zu sammeln und möglichst schnell zu sein. Wir haben nur keine zwei Versuche. Wir haben nur einen.

Bei dem Tempo, das wir gezwungen sind an den Tag zu legen, ist es kein Wunder, dass wir immer wieder und mit voller Wucht auf die Schnauze fliegen. Die Knie aufgeschlagen, das Kinn kaputt liegen wir dort. Vermutlich trampeln alle anderen noch über uns drüber, weil wir nicht mithalten konnten, nicht schnell, nicht bissig genug waren. Und weil liegen bleiben nicht gilt, müssen wir wieder hoch. Rappeln uns mit den schmerzenden Handgelenken auf, blinzeln die Tränen weg und gönnen uns keine Minute zum Fluchen oder Hassen oder Verzweifeln. Oder zum Nachdenken darüber, warum wir uns das antun, warum wir laufen und rennen, fallen, aufrappeln und humpelnd weiterlaufen, ein Ziel vor Augen, deren überreichter Pokal uns nur sagt „Nun gehörst Du auch dazu“. Wozu auch immer.

Ich bin bekanntlich eine ziemliche Bewegungslegasthenikerin. Ich kann kaum eine Runde spazieren gehen, ohne nicht mindestens einmal zu stolpern, mit der Jacke im Gebüsch hängen zu bleiben und mit dem Gesicht durch Spinnenweben zu streifen. Und schon so manche Bordsteinkante brachte mich zu Fall, ließ meine Knie aufspringen, die Strumpfhose zerreißen und sowieso. Den Rest des Weges dann noch würdevoll zurückzulegen: beinahe unmöglich.

Und so ist es auch in jedem Level der Aufgaben, die es zu erledigen gilt. Wir wissen gar nicht mehr, wer die Aufgaben gestellt hat, wer irgendwann sagte, dass man mit 29 Jahren einen Apfelbaum gepflanzt und mit 33 alle Sneaker aus dem Schuhregal geworfen haben sollte. Wir laufen einfach mit, ungefragt, mit schmerzenden Knien, Dreck an den Händen und einem verzweifeltem Schluchzen irgendwo versteckt im Hals, das niemand hören soll. Wir wissen selber nicht, ob wir eigentlich mitlaufen wollten oder ob irgendjemand unsere Hand nahm und uns einfach mitriss.

Hin und wieder brüllt Jemand „Langsamer!“ und einige von uns nicken und stimmen zu, laufen dann aber im selben Tempo weiter. Immerhin gilt es, nicht den Anschluss zu verlieren, das Ziel zu erreichen und sich nicht irgendwann als Letzter oder Letzte am vermeintlichen Endpunkt einzufinden, um dann von allen ausgelacht und als „Versager“ oder „übrig geblieben“ verspottet zu werden. Ideen zur Entschleunigung des Ganzen hören wir uns gern an, nur die Umsetzung funktionert nicht, weil wir doch – siehe oben – am Ende den Pokal des „Dazugehörens“ in den Händen halten wollen.

Und so bleibt jedem Mitlaufenden nur übrig, möglichst viele Pflaster und Jod für die Stürze auf dem Weg zu diesem nicht klar definierten Ziel einzupacken, sich irgendeine Zusatz-Motivation wie phrasenhaftes „Wer weiß, wozu es gut ist“ zurechtzulegen und zumindest etwas vom Weg mitzunehmen – und sei es nur die Erkenntnis am Ende des Levels zu sagen: „Ey, es reicht. Ich habe kaputte Knie, ich bin müde, die Strumpfhose ist zerrissen und die Schuhe sind kaputt. Ich will nicht mehr laufen. Ich will sitzen und sein und endlich meine Ruhe haben.“

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3 Kommentare zu “Laufen. Rennen. Fallen. Aufrappeln. Schmerz unterdrücken. Laufen.

  1. Jetzt kann ich nicht mehr einschlafen. Und einen Smiley mit nach unten gezogenen Mundwinkeln und mit ohne Nase traue ich mich hier auch nicht hinzusetzen. Menno!

  2. Das könnte ein miefiger, deinen Blogtext unnötig problematisierender Beitrag werden … 😉

    Man kann sich dem durchaus verweigern. Das sieht man an den vielen Schriftstellern und anderen künstlerischen Freischaffenden, vor allem in Leipzig (und ihre Zahl ist höher als man glaubt), von denen die Wenigsten wirklich von Buch- und Textverkäufen oder Lesungshonoraren, etc. leben können, die sich stattdessen alle tapfer von gelegentlichen kleinen Stipendien, Preisgeldern und Wohngeld ernähren; und die sich vor Jahren bewusst von der klassischen Karriere verabschiedet haben, es in den seltensten Fällen bereuen. Labels wie „brotlose Kunst“ oder „gescheiterter Schriftsteller“ interessieren sie Gott sei Dank (meist) nicht.

    Und auch in der Riege der Geistes- und Kulturwissenschaftler lässt sich, teils aus Gründen der Resignation oder der Notwendigkeit, teils als zielgerichtete Entscheidung, dieser Verzicht ablesen. Bei weitem nicht alle davon werden jemals entsprechend ihrer Qualifikation (die Promoviertendichte ist da sehr hoch) bezahlt werden, das weiß man aber – idealerweise – im Moment der Immatrikulation bereits; nachher kann sich keiner beschweren, nicht wie ein Zahnarzt entlohnt zu werden. Das ist kein Gejammer, das ist der bekannte Unterschied zwischen einem human- oder naturwissenschaftlichen Fach und der (glücklicherweise immer noch) oft von Idealismus geprägten Wahl einer „schöngeistigen“ Studienrichtung. Es gibt sie aber noch, die Menschen, die eigene Interessen und das kitschig gewordene Prinzip der „Selbstentfaltung“ über die Arbeitsbiografie stellen. So ausgelatscht und pathosgeschwängert das nun klingen mag.

    Das soll nicht heißen, dass diese Beispiele keinen Ehrgeiz kennen, er richtet sich lediglich nicht auf das klassische ‚Vorankommen‘, sondern vielmehr auf die Qualität dessen, was sie tun und schaffen, und auf das Ziel, damit halbwegs über die Runden zu kommen.

  3. Fallen und Wiederaufstehen gehoert zum Leben. Manchmal laueft man auch gern mal eine Extrarunde, beschleunigt sein Temp, um dann auch mal kurz aus der Grundgeschwindigkeit auszusteigen. Am Ende fuegt sich doch wieder alles zusammen. Den idealen Weg gibt es nicht – jeder muss fuer sich selbst und auch aus seiner Situation heraus entscheiden – welchen Weg er in welchem Tempo gehen will. Warum sollte sich so eine Entscheidung aber im Leben nicht auch wieder revidieren, ueberdenken und aendern lassen. Leben ist Entwicklung und Sichtweisen koennen sich aendern.

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