Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Was ist schon würdevolles Altern?

6 Kommentare

Ups, das bin ja ich.

Ups, das bin ja ich.

Der aufmerksame Leser erinnert sich vielleicht noch an meinen kleinen Beitrag zur erwachsenen Wohnungseinrichtung. Ich zweifelte in nur geringem Maße an den Quietscheentchen am Badewannenrand und anderen Möbeln, habe ich doch mittlerweile die 30 überschritten. „Mittlerweile“ lässt sich übrigens durchaus in Jahren messen.

Meine Gedankenwelt ist – und das ist kein Geheimnis – recht stark darauf fixiert, ständig über alles nachzudenken und auch zu zerdenken. Daher ist es beruhigend, wenn man erfährt, dass auch andere sich Gedanken über Dinge machen.

Um den Bogen zum Artikel über meine Wohnung zu bekommen: Ich sprach mit dem Leipziger Freund Alex und dem von mir mehr als geschätzten Twitterer @svente_fox über das Thema, über Möbel und Einrichtungsgegenstände und all die Dinge, die zu einem Alter gehören – und welche nicht. Ich sprach getrennt mit ihnen, die zwei kennen sich nicht. Ich führe ein recht umtriebiges und überkommuniziertes Leben.

Es ging um die „altersgerechte“ Kleidung, altersgerechte Frisuren und die Frage, ob es so etwas überhaupt gibt. Das dynamische Uno sortierte vor einiger Zeit ihre Kapuzenpullover aus, weil sie meinte, mit Mitte 30 seien die nicht mehr angemessen. Ich starre morgens auf meine bequemen Sneaker von Vans und denke: Mit 32 noch Sneaker? Und das schwarze Kleid: Ist es nicht eigentlich zu kurz? Der Nagellack zu rot, der Lippenstift zu grell?

Oder der Leipziger Freund. Er hadert mit seiner Frisur. Er sagt, er würde Haar verlieren – ich sehe ihn regelmäßig, habe diesen Verlust jedoch noch nicht bemerkt. Nun steht er vor der Frage, ob er die Haare einfach abrasiert und die – wie gesagt: nicht sichtbaren – Lücken auf dem Kopf mit Würde trägt. Oder ob er es bis zum Ende da lässt und hofft, dass es schon irgendwie geht.

Da haben wir dann auch schon das wichtigste Wort in der ganzen Diskussion, die sich seit Ende August entwickelte: Würde. Von überall prasseln Artikel und Fotostrecken auf uns ein, in denen es um das „würdevolle Altern“ geht. Dabei sind die Rahmenbedingungen keineswegs definiert. A.) Ab wann altert man eigentlich und wird nicht nur älter? Und b.) was ist würdevoll und was nicht?

Ich habe bisher nicht das Gefühl, dass ich altere. Klar, ich werde älter. Sonst hieße ich Ulle Gray und wäre sicherlich so berühmt, dass ich hin und wieder joviale Gespräche mit Markus Lanz bei Wetten, dass…? führen dürfte.  Aber unter „altern“ verstehe ich das Einbüßen jeder gedanklichen Flexibilität, die Unfähigkeit, Neuerungen anzusehen, zu reflektieren und seinen Standpunkt gegebenenfalls zu verlassen;  „Altern“ also eine Einstellungssache, „älter werden“ ein körperlicher Prozess.

Kommen wir zum Problem des Dritten im Bunde. Er trägt gern Shirts mit Aufdruck. In meinen Kommoden sind kaum T-Shirts, Tops oder gar Pullover mit Schriftzügen oder Bildern zu finden; das hat aber einen einfachen Grund: Druck vergrößert Brüste optisch und das muss ich echt nicht haben. Ich besitze im Druck-Bereich nur das Oberteil, das ich oben auf dem Bild trage, und ein Shirt einer meiner Lieblingsbands: Thrice.

Aber wie gesagt: der Dritte im Bunde trägt nicht nur Oberteile, er trägt Statements in Stoff, mit Bildern und Zitaten und nerdigen Witzen. Und auch da ist natürlich die Frage: tragen? Ja? Bis wann? Und überhaupt noch? Wirkt latentes Nerdtum irgendwann unreif? Sind Comic-Druck-Oberteile irgendwann zu bunt?

Es ist schon etwas her, da saß ich beim Friseur. Und dort, ich bekam es mit, als ich mich kurz nicht für eine der zahlreichen royalen Dramen interessierte, dass einer Frau gesagt wurde, lange und vor allem offene Haare seien ab einem bestimmten Alter – so ungefähr 40 – nicht mehr sonderlich schick. Sondern vielmehr der zwanghafte Versuch, jung zu wirken. Sie bekam kurze Haare, die dunkel gefärbt wurden und „fesche“ Strähnchen in Lila. Ich klammerte mich panisch an den Stuhl und zog in Erwägung, meinen Personalausweis zu essen.

Kurze Haare hatte ich einst, es gefiel mir rund drei Monate gut, dann störte mich mein Mondgesicht. Nun trage ich die Haare nach der Quälerei des Wachsen-lassens wieder lang. Aber dann dunkel einfärben – und Strähnen rein, damit ich altersgemäß aussehe? Ich bin sicher, dass es von dort nur noch einer kurzer Schritt zur Teilnahme an Schwiegertochter gesucht ist.

Mir ist bisher kein Mensch begegnet, der sagen konnte, was gesetzlich vorgeschrieben altersgemäß ist. Es gibt keinen Minister für das Alter – und ich hoffe sehr, dass es Ursula von der Leyen nie wird, ist ihre Frisur in meinem Verständnis doch nie tragbar. In keinem Alter, zu keiner Party mit noch so absurdem Motto.

Wann wurde festgelegt, dass Sneaker jung wirken und ab 33,7 Jahren lächerlich? Dass offene Haare ab 47,1 Jahren wie ein trauriger Versuch, seine Jugend zu behalten. Wer beschloss, dass Oberteile mit einem Bild oder einem Spruch jenseits der 23 als Straftat am Begriff „Jugend“ zu beurteilen sind?

Sicherlich: Sind nur noch drei Strähnen spröder Haare auf dem Kopf zu sehen und werden diese quer über den blinkenden Schädel gekämmt, um Volumen und Anwesenheit zu simulieren – ja, das ist nicht gut. Aber vor allem deshalb, weil der Tragende sich selber seine Würde nimmt. Aber das hat nichts mit dem Alter zu tun. Ich kenne (damals) 20-Jährige, die zu Beginn des Studiums schon beinahe kahl waren. Kein Mensch würde ihnen sagen, sie seien alt.

Und so kommen wir doch tatsächlich einmal zu einer Essenz. Das überrascht mich, hinterlasse ich doch meist nur Fragezeichen in meinem Umfeld und quäle mich rum, mag ich Texte doch nicht beenden, wirke ich doch schnell pastoral.

Das Fazit: Unwürdig ist, was mit Unwürde getragen wird.

Werden die Sneaker mit Überzeugung getragen, dann sind sie eine Feststellung. Werden sie aber getragen, um vorzutäuschen, man sei gar nicht 38 sondern eigentlich erst 19 – ja, das tendiert in Richtung Unwürde und ist durchaus peinerregend. Und deshalb bleiben meine Haare offen, bleibt der Rock kurz, der Lippenstift drauf. Und deswegen kommen die Haare beim Leipziger Freund ab – weil man sich eben wohlfühlen muss. Und das nächste Mal gibt es wieder keine Lösung für mein aufgeworfenes Problem. Sonst kann ich ja gleich einen Beratungsblog Frag Ulrike einrichten.

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6 Kommentare zu “Was ist schon würdevolles Altern?

  1. Interessanter Beitrag! Ich bin zwar noch in meinen 20ern, aber ich merke, wie sich langsam alle über sowas Gedanken machen.

  2. Ich habe mir – nach dem blaugeblümten Leipziger Lieblingsschnäppchen – unlängst ein orange-lila-schwarzes Colourblocking-Kleid für die amtierende Jahreszeit gekauft und altere darin gerade der Würde entgegen. In aller Schreibuntheit.

  3. Solche Probleme hat man im spießigen Deutschland, wo sehr viele noch ein ausgeprägtes Schubladendenken haben. In den USA kann man unabhängig vom Alter das anziehen, was man möchte und da schaut sich niemand entsetzt um und zeigt mit dem Finger drauf. Ich habe dort schon öfers Omis mit kurzen Shorts und T-Shirts mit lustigen, jugendlichen Sprüchen gesehen. Auch welche mit Zöpfen und es wirkte gar nicht lächerlich. Das kann man sich in Deutschland nicht erlauben.
    Wer diktiert uns vor, was altersgerecht ist? Man ist so alt, wie man sich fühlt und so sollte man auch leben.

  4. Bei diesem grausigen, von dir wunderbar aufbereiteten Thema fällt mir wieder ein, wie viel besser die Welt ohne Privatfernsehen dran wäre. Als ich das letzte Mal bei meinen Eltern war und meine Schwester auf RTL oder so hängen blieb, erklärte eine übertakelte Schreckschraube, welche Frisuren schon ab 25 tabu seien, insofern man etwas auf sich halte.
    Zugegebenermaßen sind mir bei dem ein oder anderen Teil, das ich noch aus der Abizeit oder den ersten Semestern besitze, aber auch schon Zweifel gekommen … gerade weil ich auf Arbeit im Buchladen eben nicht alles anziehen kann, da würde unsere Stammkundschaft Ü65 womöglich aus den Gesundheitslatschen kippen. Also habe ich meinen Kleiderschrank in buchladentauglich und buchladenuntauglich geteilt. Und seitdem fühl ich mich wie ein Superheld! Tagsüber die brave Buchhändlerin, aber nach Feierabend … 😉

  5. Ja, das Sneaker-Problem..
    Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Nacht im letzten Sommer, als ich (damals 32) mit einem Freund aus alten Zeiten (wir hatten uns schon länger nicht gesehen) leicht angetrunken (okay.. ziemlich angetrunken) auf einer Leipziger Brachfläche rumgammelte, Biere und Zigaretten konsumierend, über Gott und die Welt fabulierend, und wie er (in einer Gesprächspause) aus dem Nichts, versonnen, vollkommen unaufgeregt und einfach so sagte:
    Echt krass, dass Du noch Turnschuhe trägst..

  6. Ich habe einen neuen Hoodie gekauft und trage ihn mit Würde!

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