Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der große kleine Bruder

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Geburtstagskuchen.

Geburtstagskuchen.

An diesem Montag hat mein kleiner großer Bruder Geburtstag. „Klein“ ist er natürlich nicht, er wird 30 Jahre alt – und er kann mir – zwar mit einiger Anstrengung, aber immerhin – auf den Kopf spucken (was er noch nie tat). Es ist eine Merkwürdigkeit dieser Welt, dass wir – egal wir sind – einige Rollen nicht verlieren. Meine Mutter, mittlerweile 50 Jahre alt, merkte vor einiger Zeit entnervt an, dass sie für ihre Mutter eben immer noch „das Kind“ sei. Und meine Brüder sind eben auch klein, obwohl sie mittlerweile 30 und 24 sind; auch meine kleine Schwester ist eben „klein“, dabei ist sie 19 Jahre alt und hat sogar einen Führerschein.

Vermutlich würde das Geburtstagskind des Tages eine ganze Menge dafür tun, dass ich ihn nicht mehr als „kleinen“ Bruder bezeichne, auch wenn er der „große kleine Bruder“ ist. „Klein“ hat immer etwas von: Ich nehme Dich nicht ernst. Dabei kann mein Bruder Dinge, für die ich ihn bewundere. Er ist in so vielen Dingen größer als ich, dass es selbst meine Weihnachtswunschzettel-Länge von 1995 übertreffen sollte; damals wünschte ich mir Bücher und Bücher und Bücher – ich glaube, auch ein neues Fahrrad stand auf der Liste, außerdem ein Kuss von dem süßen Typen aus dem Bus, eine neue Schultasche und sehr viel Kleidung. Maßlosigkeit, Dein Name sei Ulrike.

Das Verhältnis zu seinen Geschwistern ist ziemlich interessant und hin und wieder, wenn hier eine Tür dank schlechter Lüfttechnik knallt, muss ich daran denken, wie sehr wir uns gestritten haben – so zwischen 1987 und naja… Manchmal vielleicht auch heute noch. Geschwister kämpfen um die Liebe der Eltern, um die Aufmerksamkeit, um die größten Weihnachtsgeschenke, die ausgefallenste und später wilde und späte Geburtstagsparty. Geschwister kämpfen um die Liebe untereinander, schmieden Allianzen (wenn es mehr als zwei Kinder sind) gegeneinander und merken manchmal erst viel zu spät, wie viel Spaß man miteinander hätte haben können, wäre man nicht damit beschäftigt gewesen, Tagebücher zu suchen und zu lesen, gegen Türen zu hämmern und das liebste Lego-Haus zu zerschmettern.

Mein großer kleiner Bruder hatte ganze Städte aus Lego, jedes Jahr zu Weihnachten bekam er neue Stücke, die er versteckt hinter dem Sofa zusammenbaute. Da saß er dann, in sich versunken, konzentriert, die Augen irgendwann ganz müde – hinter das Sofa schien nicht viel Licht, zumal an Weihnachten meist ohnehin nur die Kerzen des Baumes brannten. Aber den Aufbau des neuen Lego-Technik-Autos auf den kommenden Morgen verschieben? Das war für meinen Bruder nie eine Option. Ist es heute nicht. Er hat eine Geduld, die ich nicht in Ansätzen von meinen Eltern mitbekommen habe. Ich hätte bei diesen komplizierten Autos mit Hebe-Teilchen nach drei Teilen einen Tobsuchtsanfall bekommen. Heute baut mein Bruder Fahrräder; nebenbei, zur Entspannung. Ich bekomme schon hysterische Schreianfälle, wenn ich die Schraube zum Neu-Spannen der Bremse löse.

Für seine Master-Arbeit lief er durch das sumpfige Gebiet im ostfriesischen Fehn und suchte Libellen, ungezählte Zecken hat er dabei abbekommen, Mückenstiche in Zwei-Euro-Stück-Größe. Ich hätte schon bei einem Matschfleck, der eine Zecke nur hätte sein können, die Flucht ergriffen. Er aber harrte aus und hielt Ausschau nach der Gemeinen Becherjungfer, der Glänzenden Binsenjungfer, der Frühen Adonislibelle oder dem Kleinen Granatauge. Für mich sind die alle nur „Aaaaah! Geh weg!“

Wenn man Geschwister hat, dann nimmt man sie als gegeben hin. Weil sie eben schon immer da sind – oder schon so lange. Ich war zwei Jahre, drei Monate und acht Tage, als das Geburtstagskind geboren wurde. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie er plötzlich zur Familie dazu kam. Als mein Erinnerungsvermögen einsetzt, gehört er schon fest zu meinem Leben dazu. Wie er mir in den Arm biss, weil wir uns um Spielzeug stritten. Wie wir nachts zum Arzt rannten, weil er wieder einen schlimmen Pseudo-Krupp-Anfall hatte.

In den lustigsten Geschichten unserer Kindheit spielt er immer eine Hauptrolle. Weil er mit seinen roten Locken, den großen blauen Augen und den vielen Sommersprossen die Bestätigung aller Lausbuben-Geschichten rund um Rothaarige war. Wie er unsere Oma fragte, wer denn der Mann neben ihr sei. (Es handelte sich um die Landwirtin von nebenan, die einfach nur eine tiefe Stimme und kurze Haare hatte und in ihrem Anzug, mit dem sie die Kühe von der Weide holte, nur wie ein Ballon aussah.) Wie er im Kindersitz auf dem Fahrrad einen Herren freundlich mit „Guten Tag, Herr Arschloch“ grüßte, weil er das Wort auf dem Spielplatz gelernt hatte, aber nicht wusste, was es sein könnte.

Und so häufig ich in meinen Tagebüchern – vor allem während der Pubertät – noch lese, dass ich ihn hassen würde und doch hoffte, er würde verschwinden, so muss ich heute drüber lachen. Im Abstand von mehr als 15 Jahren sind eben nur die tollen Momente präsent, all die Streitereien werden zum „Haha, weißt Du noch“ und verdrängt durch die Augenblicke, in denen man wusste, dass man nicht allein sei – denn zur Not wären da immer noch die Geschwister. (In der Tat wollten meine Brüder mal einen mir nicht guttuenden Mann auflauern, um ihn zu verprügeln. Sie taten es nicht, aber es machte glücklich zu wissen, dass sie es tun würden. Auch mit kleinen Brüdern kann man offenbar drohen. Erst recht dann, wenn der eine wie ein grimmiger Wikinger aussieht und der andere wie Thor an einem Tag mit schlechter Laune.)

In diesem Sinne: Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, kleiner großer Bruder!

Der große kleine Bruder, November 1989

Der große kleine Bruder, November 1989

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2 Kommentare zu “Der große kleine Bruder

  1. Eine großartige Libeserklärung!

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