Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die About-Seite

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Ja. Ich wusste schon vor mehr als 30 Jahren nicht, wie mir geschieht.

Ja. Ich wusste schon vor mehr als 30 Jahren nicht, wie mir geschieht.

Jeder gute Blog braucht eine About-Seite. Und weil ich auch zu den Guten gehören will – wer will das nicht? – brauche ich das natürlich auch. Ich habe auch eine, aber leide unter der Beschreibung meiner Person. Ja, Leid ist das richtige Wort, fehlen mir doch meist kaum selbige – nur in diesem besonderen Fall eben schon. Während offenbar jeder Mensch auf dieser Welt genau weiß, wie, wer und was er ist, tappe ich in meinem Fall in lichtloser Nacht.

Aber nicht nur Blogs haben ein „Über mich“, „Wer hier schreibt“, ein „About“ oder oder oder… Auch Magazine, Nachrichtenseiten, selbst bei Facebookseiten. Alle. Und alle sind dabei rhetorisch geschickt, berichten von unfassbaren Dingen, die sie einst taten, sehen klug in die Kamera und geben eine Richtung vor, in die es mit ihnen geht. „Komm mit mir und Du erfährst alles über Technik“. „Komm mit mir und sage Dir, wie die Frauen ticken.“ „Folge mir und ich sage Dir, wie Du einen Klopapierrollenbehälter an die Wand bohrst, der nie abbrechen wird.“ Ich kann nur sagen: „Du kannst mit mir kommen, aber ich habe keine Ahnung, wo es hingeht. Und ich habe gerade kalte Füße und hätte gern heißen Kakao. Können wir auch hier bleiben?“

Das ist natürlich nicht sonderlich herausragend. Kein Mensch möchte jemanden lesen, der nicht weiß, wo es hingeht. Und vor allem niemanden, der keine Profilseite anlegen kann, ohne an den Rand einer Existenzkrise zu driften; aber immerhin das mit rasender Geschwindigkeit.

Allein an den Formulierungen hapert es. „Meine Gedanken“ klingt schon sehr beängstigend. Zumal ich immer einmal wieder darüber nachdenke, was ich mit störenden Menschen in der 3. Halbzeit machen würde, ob Fleisch mit Vanillesauce wohl wirklich ekelig schmeckt (sturzbetrunken erzählte ich einst jemanden, der noch sehr viel betrunkener als ich war, dass das mein Lieblingsessen sei: Steak mit Vanillesauce. Er glaubte mir jedes Wort) und was ich morgen anziehe. Das sind recht uninteressante Gedanken mit denen man niemanden jemals belästigen sollte. Und beim Gedanken an Fleisch mit Vanillesauce wird mir ohnehin gerade ganz anders.

Ich könnte mich natürlich auch über meine Arbeit definieren. Aber wen interessiert in meinem Blog schon, was ich den ganzen Tag über mache, während ich am Schreibtisch sitze und über dies und das nachdenke und dies und das tue? Da stehen dann Dinge wie „Vollblut-Journalist“ und ich denke: „Wäre auch schlimm, wenn er nicht voller Blut in seinem Innersten wäre“, ärgere mich über diesen dummen Gedanken für das Phrasenschwein und hasse diese About-Seite fortan. Oder „Ich lebe Social Media“ und ich frage mich, wie man das leben kann und was es bedeutet: Ob wichtige Informationen nur in 140 Zeichen weitergegeben und mit einem aufmerksamkeitserregenden Bild versehen werden – und wie man das auf dem 90. Geburtstag bei Eierlikör und Sahnetorte in die Tat umsetzt, wo Onkel Herbert doch so schlecht sieht und Cousin Alfred nicht so gut lesen kann.

Außerdem dürfen nur die positiven Eigenschaften und Fähigkeiten erwähnt werden. Da will ich nicht jammern. Mein Pflaumenquark vom Wochenende brachte beim Leipziger Freund ein lautes „Boah, ist das geil“ hervor. Man munkelt, ich könne recht unterhaltsam sein – selbst bei schlechter Laune lachen Freunde noch über mich; leider nicht mit mir, aber das Wohl meiner Mitmenschen liegt mir bekanntlich am Herzen. Mein Haupthaar ist nicht sonderlich fettend und ich muss es nur alle zwei Tage waschen. Auch das ist eine positive Fähigkeit oder Eigenschaft.

Aber natürlich sind das keine Dinge, die in einen About-Text gehören. „Ich kann gut kochen, ich bin witzig und habe auch nach 47 Stunden keinen fettigen Ansatz“ klingt nicht berauschend. Ohnehin ist „Ich bin witzig“ wie „Ich bin verrückt“: ein Allgemeinplatz für die langweiligsten Menschen der Gesellschaft. Sich mit Menschen zu treffen, die sich selber als verrückt bezeichnen, das ist wie an einem Projekt zu arbeiten, das als „spannend“ eingestuft wird: die Höchststrafe.

Man – ich – könnte all die persönlichen Kapriolen durch kindliche Traumata erklären, die im About-Text ausschweifend beschrieben werden. Dort würde dann stehen, wie ich einst gezwungen werden sollte, Milchreis zu essen und meine Mutter irgendwann, gegen 16 Uhr und mein Magen knurrte ganz furchtbar, sagte: „Gut Kind. Du bekommst ein Käsebrot.“ Oder wie ich im Alter von drei meiner Mutter unter die Arme greifen wollte und davon lief, einkaufen. Am nach Kölnisch Wasser stinkenden Drogerie-Markt des Dorfes wurde ich schlussendlich aufgegriffen, ohne Einkäufe. Ich hatte nicht einmal den Supermarkt gefunden.

Natürlich könnte man auch schreiben „Über mich gibt es nichts zu sagen“. Aber das stimmt natürlich auch nicht. Es gibt über jeden Menschen etwas zu sagen, hin und wieder nicht viel Gutes, aber doch: Es gibt Dinge zu sagen.

Das Über-mich-Seiten-Problem wird mich wohl noch länger begleiten. Und gemeinsam mit meinen Launen mal in die und mal in die andere Richtung tendieren. Denn auch das ist ja schlimm: Ist einmal alles „Über mich“ gesagt, dann gibt es nicht mehr viel. Dabei bin ich so wankelmütig und im einen Moment noch kurz davor, jemandem ein Steak zu braten, und dann möchte ich ihn bereits mit vergammelten Kartoffeln bewerfen. Ich lade jemanden zum Tee ein und denke Sekunden später: „Verdammt, hätteste das man nicht getan, Badewanne wäre doch viel schöner. Allein.“

Ich gucke jetzt weiter About-Seiten von anderen Menschen an und bewundere die nachdenklichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die geschilderten kindlichen Ereignisse, die schon vor 25 Jahren verrieten, dass dieser Mensch einmal genau auf diese Art und Weise in die Kamera sehen würde, und den gezeichneten Weg, dem man folgen möchte. Geht lieber nicht mit mir, ich bin heute schon zweimal mit dem Ärmel an der Tür hängen geblieben und habe einmal ohne Hand vorm Mund geniest. Außerdem muss ich jetzt Klopapier kaufen. Es ist mir unangenehm, wenn jemand dabei ist.

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11 Kommentare zu “Die About-Seite

  1. Öhm, bisher habe ich noch nicht über eine „About-Seite“ nachgedacht… Jetzt schon!

  2. Huah, die sind auch im beruflichen Kontext schlimm, diese Gedanken. Bin gerade dabei und weiß nie, wie das denn nun werden soll, das mit dem „About“… Bislang dachte ich, ich müsse eine Managerin anheuern, die die PR für mich macht. Aber nun sehe ich – das ist ein umfassendes Problem.

  3. Die About-Seiten werden auch immer recht häufig angeklickt, aber ich will dich da nicht unter Druck setzen… 😉 Mir langt es ja auf einem neu entdeckten Blog ja immer schon, wenn ich erkennen kann, woher jemand ungefähr kommt (auch wenn das eigentlich keinen Unterschied macht) und ich ihn grob in Schüler, Student oder Berufstätig einsortieren kann.

    • Exakt, das geht auch nur um das „Einsortieren“. Ich hatte eine ganze Weile gar keine About-Seite, weil ich genau das nicht wollte. Einsortiert-werden. Sollen die Menschen mich doch anhand meiner Texte in Schubladen packen, aber nicht anhand meiner Selbstbeschreibung. Jetzt hab ich schon eine Weile eine About-Seite und tatsächlich: Sie wird sehr oft angeklickt. Jeder will wissen: Wer schreibt dieses/diesen Blog? Lies doch einfach mal los…. denk ich mir da.

  4. Bei all den wundervollen Gedankenkapriolen about about-Kapriolen bleibt am Ende nur (pseudo-)informativer Purismus. Weiterführende Selbst-Interpretationen lässt „man“ besser nur im eigenen Kopf herumturnen 😉

  5. Pingback: What’s all the fuzz about “about”? | luks blog

  6. Neben einer About-Seite müsste es eine Seite geben, auf der man sich von den Lesern beschreiben lässt 🙂 Eine „write about me“ Seite.

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