Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Einfach liegen bleiben

7 Kommentare

Warum nicht? Einfach auf dem Sofa bleiben.

Warum nicht? Einfach auf dem Sofa bleiben.

Wir leben in einer recht leistungsorientierten Gesellschaft. Möglichst viele „Gefällt mir“s bei Facebook für das neue Profilfoto, viele Herzen bei Instagram, Sterne bei Twitter, per App wird der letzte Lauf den Hügel hoch verglichen. Wir ringen bei Foursquare darum, wer am häufigsten an der unbedachten Haltestelle eingeloggt war und übertrumpfen uns auf Partyrunden darum, wer den coolsten Job, die witzigsten Erlebnisse und den kürzesten Rock respektive prachtvollsten Bart hat.

Das ist okee. Ein wenig Ehrgeiz hier und da kann nicht schaden. Ansonsten würden wir vor uns hindümpeln.

Ungünstig nur, dass diese ganze Leistungssache permanten Einsatz fordert. Während man nämlich selber schweigt, trumpfen alle anderen herum auf. Man bleibt stehen und die anderen laufen weiter. Es ist so anstregend, dabei möchte man doch irgendwann nur im Bett liegen bleiben. Auf dem Sofa. Im Sessel. Irgendwo. Nur nicht bewegen.

Nicht einmal eine Pause wird einem gegönnt. Selbst am Sonntag, während man Ei-Brot essend den Doppelpass sieht, erfährt man über alle Kanäle, dass andere arbeiten. Und man selber denkt: „Verdammt. Bin ich faul. Wie kann es sein, dass alle anderen offenbar seit 8.15 Uhr am Schreibtisch sitzen, während ich zu dieser Zeit noch Doctor Who guckend und Kaffee trinkend im Bett lag?“

Und so geht es die ganze Woche. Wenn ich in der Woche abends gegen 23 Uhr ins Bett falle, gibt es bei Facebook und Twitter „Feierabend“-Meldungen und ich frage mich, ob die alle wirklich so lange gearbeitet haben oder aber ihre Freizeit zur Arbeit hinzuzählen, weil sie sich doch von der Arbeit erholen und es somit irgendwie dazugehört.

Schuld an dieser hohen Geschwindigkeit von Mitteilsamkeit ist, dass wir nicht nur ein leistungsorientierten Gesellschaft leben, sondern auch in einer Experten-Gesellschaft. Gab es früher nur wenige Universalgelehrte, ist offenbar heute jeder allwissend.

Als Syrien vor wenigen Wochen (endlich) in das Bewusstsein der Menschheit drang, wusste offenbar jeder alles über dieses Land. Ich hätte gerade einmal mit einer Toleranz von rund 1000 Kilometern schätzen können, wo das Land liegt. Immerhin weiß ich, dass Damaskus die Hauptstadt ist. Aber überall, und ich meine: ÜBERALL, waren Menschen, die die gesamte politische Entwicklung herunterbeten konnten, Splittergruppen nebst der wichtigsten Köpfe kannten und ein paar Worte syrisch murmeln konnten. Selbst mit ausführlichem googeln über einen Abend hinweg hätte ich das nicht wissen können.

Und es geht durch alle Themenbereiche: die richtige Versorgung von Verletzungen (ich mag kein Blut), der Aufbau eines Automotors (ich bin froh, wenn ich die Klappe aufbekomme), die richtigen Globuli bei Magenverstimmung (ich glaube nicht an Eso-Kram), die perfekte Herstellung irgendwelcher Speisen. Ich mit meinen Fähigkeiten in nur einem klein wirkenden Spektrum kann da kaum mithalten. Zumal ich zu oft den richtigen Einsatz verpasse. Wenn ich einmal den Finger hochreißen könnte, um zu sagen „Ich weiß was. ICH WEIß WAS!“, dann ist garantiert ein Universalgelehrter schneller – oder aber ich liege ohnehin noch im Bett und verschütte Kaffee.

Es ist anstrengend und ich bewundere diese Menschen ein wenig, die alles wissen, alles können und ein Gefühl für das perfekte Timing haben. Hin und wieder möchte ich beinahe eifersüchtig werden, aber dann überlege ich mir, wie anstrengend es sein muss, universalgelehrter Experte – respektive Expertin – zu sein und 24 Stunden am Tag wichtig für alle zu sein und sich permanent auszutauschen. Zumal der Mehrwert natürlich recht gering ist, wenn alle bereits wissen und es nur noch darum geht, sich gegenseitig zu bestätigen, dass man alles weiß.

Einfach liegen zu bleiben und nicht mit zu wissen, mit zu experten, mit zu rennen – das erfordert eine große Willensanstrengung. Und nein, es ist keine Faulheit. Es ist einfach nur das Kapitulieren vor dem Expertentum. Ich pflege meine Inselbegabungen lieber weiterhin und bleibe auch kommenden Sonntag lange im Bett liegen, trinke Tee oder Kaffee und gucke Serien. Und versuche einfach gar nicht mehr, irgendwann zwischendurch den Finger zu heben, um Nischenwissen zu kommunizieren.

So. Und ich nehme mir nun einen Atlas und suche Syrien. Sicher ist sicher.

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7 Kommentare zu “Einfach liegen bleiben

  1. Ich winke vom Sofa. Mein gesamtes Syrienwissen ziehe ich übrigens aus einem einzigen Roman, was auch ungefähr so viel wert ist, wie zu behaupten, man sei Magier, wenn man Harry Potter gelesen hat. Ich stehe dazu, wenn ich etwas nicht weiß, was, wie ich gemerkt habe, Leute nachhaltig verwirrt. Aber ich habe auch eine ganze Zeit dafür gebraucht. Früher dachte ich auch, es sei wichtig, wenigstens immer so zu wirken, als könnte ich zu allem was sagen. Und mehr ist es in der Regel bei den meisten Menschen auch nicht. Warum man sich dieses Hochgeschaukel an Besserwissen dann antut? Ich weiß es nicht. Anstrengend ist das richtige Wort dafür. Warum nicht mal richtig reden?

    • Welcher Roman? Ich habe mir vorgenommen, aus jedem Land der Welt einen Roman zu lesen bzw. einen, der dort spielt. Syrien fehlt noch, genau wie ca. 120 andere Länder 😉

  2. Die deutsche Gesellschaft schaukelt sich mit dem künstlichen Fleiß hoch. Jeder möchte den anderen übertrumpfen und setzt sich selbst unter Druck. Ich lag fast 2 Tage auf der Couch und schaute Dexter, so völlig ohne schlechtes Gewissen – schon alleine wg. dem miesen Wetter.

  3. Oder kürzer: Wegen des permanenten „Hier! Ich!“ rufen müssens vergessen wir manchmal zu sein. Danke für den warmen Artikel.

  4. Wer sonntags und abends spät immer noch arbeitet und das cool findet, hat meiner Meinung nach ein Problem. So ein Workaholic-Koks-Bänker-oder-Werber-Problem.

  5. Das ist ein so so wahrer und gleichsam guter Blogeintrag.

  6. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 38 in 2013 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2013

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