Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Marktwert: Frühstück mit Zimtzucker-Milchschaum

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Frühstück. Sonntagmorgens frühstücke ich am liebsten. Würde ich der chefkoch’schen Forensprache – „Ich bin eine Süße“ „Mein GöGa ist eher ein Salziger“ „Ich bin eine ziemlich Scharfe“ – folgen, dann wäre ich wohl ein Frühstück. Vermutlich wäre ich auch Bier, blutiges Steak und geschmolzener Käse. Ich bin ziemlich viel, und ja: Ich bin auch Frühstück.

In der Woche halte ich Frühstück für vernachlässigbar. Tee oder Kaffee, Müsli oder ein Käsebrot – meist nebenbei. Aber am Wochenende, wenn man – also ich – Zeit hat, dann halte ich es für eine menschliche Pflicht, sich den Tisch zu decken, ein Ei zu kochen, frische Brötchen zu besorgen und extra viel Milchschaum für einen Milchkaffee mit Zimtzucker obendrauf zu schlagen. Was wäre das für eine Welt, in der man sich am Wochenende nichts Gutes mehr tun kann?

Schockierenderweise schockiere ich mit meiner vor allem sonntäglichen Frühstücksroutine meine Umwelt. „Du machst das für Dich allein?“ sagen sie und schütteln halbgesenkt den Kopf, als wäre es die traurigste Handlung der Welt, für sich allein ein vernünftiges Frühstück zu machen.

Dabei: Traurig ist das Gegenteil. Wenn ich es mir selber nicht wert bin, ein Frühstück für mich zu machen – warum sollte ich diesen Wert jemals für einen anderen Menschen erlangen?

Aber gut: Es ist nicht gut, Nicht-Vergeben zu sein. Das sagen einem die Frauenzeitschriften, die zu jeder Jahreszeit schreien, es sei nun aber endlich Zeit, den Partner für das Leben zu finden. Das sagen einem eine Vielzahl an Serien, die über sieben Staffeln hinweg den Weg zum Richtigen finden, nicht ohne bis Staffel 4 dem nichtsahnenden Zuschauer den Falschen zu präsentieren, der zwar zwei Staffeln ganz toll war, aber dann anfängt, alles rumliegen zu lassen und anderen Frauen hinterhersieht. Ach, ich bin es so leid.

Statt Nicht-Vergeben hätte ich natürlich auch Single schreiben können. Aber mal ehrlich: Single-Wohnung. Single-Küche. Das alles klingt nach nicht-fertig-eingerichtet. Eine Single-Wohnung ist klein, hat nur einen minimalen Flur und macht den Anschein einer Übergangslösung. Und eine Single-Küche? Zwei-Platten-Herd, auf dem es nicht einmal möglich ist, zur Hauptspeise eine Vorsuppe zu kochen; kein Gefrierfach mit Tür, sondern nur solch eines ohne – eines, das ständig vereist und kaum die Mini-Packung Tiefkühlspinat beherbergen kann.

Ich hätte auch alleinstehend schreiben können, aber das klingt nach einem Baum, der ohne schützenden Wald ist und von jedem lauen Lüftchen umgewemst wird. Und das ist nun wirklich eine Beleidigung meiner ganzen Person. Gut, eine Bootskante zerdepperte mir einst mein Kinn, eine Zementmischmühle zermalmte meinen Finger. Aber: Ich bin noch da, während das Boot sicherlich rostig und dreckig, die Zementmischmühle nur noch Alt-Metall ist. Und eigentlich ist auch Allein-lebend falsch, weil mir meine Nachbarn jeden Tag aufs Neue zeigen, dass ich nicht allein auf dieser Welt bin und meine Freunde es nicht verdient haben, als Nichts bezeichnet zu werden.

Nun, komme ich zurück. Das Frühstück. Wobei das Frühstück nur ein Teil einer Einstellung ist. Nämlich, sich selber etwas Gutes zu tun. Ebenso koche ich regelmäßig für mich, decke den Tisch mit Serviette, mache hin und wieder eine Kerze an und setze mich gerade hin, schlinge das Essen nicht auf dem Sofa vor dem Fernseher hinunter.

Wir reden so häufig über den Marktwert, den Singles haben. Und rechnen das Aussehen ein, den Beruf, den Wagen, die Wohnung, den Humor. Aber was bringt all das, wenn man ständig nölt, dass man allein und Allein-Lebend is(s)t, seinen Status vor sich herträgt, der doch Bedürftigkeit vermittelt und nichts anderes?

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einem Mann. Er machte sich nie Frühstück („Für wen denn?“), rauchte mit ständiger Bronchitis wie ein Schlot („Für wen sollte ich denn aufhören?“) und jammerte ständig, er sei so allein, er bräuchte einen Grund für ein Frühstück, für das Kochen, für neue Schuhe, für das Rauchenabgewöhnen. Der geneigte Leser erinnert sich: Solche Exemplare Männer begegnen mir ständig; ich bin ein Magnet für jammernde Kreaturen.

Ich fand diese Einstellung unfassbar unaufregend. Welcher erwachsene Mensch möchte denn der Grund dafür sein, dass jemand anders aufsteht, sich vernünftig ernährt und die Schuhe mit dem herbstfeindlichen Loch aussortiert und sich endlich neue Sneaker kauft? Das ist Druck. Und ich mag keinen Druck. Ich würde das nicht aushalten. Ich kann kaum damit umgehen, dass mein Kater die Futterdose nicht allein aufbekommt (Dabei sollen Siamkatzen so klug sein).

Ich glaube, eine von mir durchgeführte – und daher äußerst glaubwürdige – Studie bestätigt das, dass diese Art von Jammerlappen – ob männlich oder weiblich – es gar nicht so schlimm findet, allein-lebend zu sein. Es geht viel mehr darum, Selbstbestätigung durch Fremdmitleid zu generieren. „Aber Du bist doch so hübsch, ich kann gar nicht verstehen, dass Du allein bist.“ „Echt, die Männer/Frauen sind doch blind.“ „Nein, Du hast es nicht verdient, allein in Deiner Badewanne einzuschrumpeln.“ All diese Dinge, die dem eigenen Ego schmeicheln und doch nicht weiterbringen. Und die hin und wieder Mitleid in körperlicher Form bringen. Es ist mir unklar, was daran erstrebenswert ist.

Nun gut. Ich mache mir jetzt Essen. Und ihr euch auch. Am gedeckten Tisch. Mit Servietten und schönem Licht. Egal, ob ihr allein seid oder nicht.

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7 Kommentare zu “Marktwert: Frühstück mit Zimtzucker-Milchschaum

  1. Ich auch. Jeden Tag ein wirklich gutes, leckeres Abendessen. Warm und nährend, nur für mich. (Nicht für die Kinder, die essen vorher. Auch so ein Tabubruch.)

  2. Zimtzucker auf den Milchschaum – das klingt als sollte ich das unbedingt mal probieren. Ansonsten kann ich dir nur zustimmen. Als vergebener Mensch sollte ich hier zwar vermutlich nicht den Mund aufmachen, aber immerhin hatten wir 5 1/2 Jahre eine Fernbeziehung und ich habe trotzdem noch gekocht :)! Wenn man sich selbst kein gutes Essen wert ist, was denn dann…

  3. Ich habe mir in meiner Single-Küche auch immer samstags und sonntags tolles Frühstück gemacht. Und das war wundervoll.

  4. Schöner Artikel! Täglich ordentliche Mahlzeiten am Tisch einzunehmen ist für mich selbstverständlich, egal ob da jemand mit dransitzt oder nicht.

  5. Ich habe an mir festgestellt, dass ich gerade die seltenen Mahlzeiten, die ich allein einnehme, besonders zelebriere. Vielleicht ja, um mich dabei nicht allein zu fühlen? Möglich, aber das kulinarische Selbstverwöhnen macht mir großen Spaß.

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