Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die erwachsene Wohnung

6 Kommentare

Rosen. So schön. Und so Teil meiner Wohnung.

Rosen. So schön. Und so Teil meiner Wohnung.

Ich wurde für 25 Jahre gehalten. Noch einige Tage danach bin ich ganz aufgeregt unterwegs und lächle mich zwischendurch im Spiegel an – dabei schließe ich sonst die Augen, weil mich die Lage meiner Haare und der Wirbel in der linken Augenbraue furchtbar unglücklich machen. Aber so, sieben Jahre jünger geschätzt, kann man ruhig mal hinsehen, in das Gesicht ohne Falten.

Aber je länger ich darüber nachdenke, umso mehr frage ich mich: Möchte ich überhaupt für 25 Jahre gehalten werden? Immerhin arbeite ich seit bald fünf Jahren – möchte ich immer noch wie eine Studentin aussehen, deren schwierigste Aufgabe es ist, in der langweiligen Vorlesung zur „Frühen Neuzeit“ nicht einzuschlafen?

Es passierte etwas Seltenes. Mein oberflächliches Wesen kehrte in sich und ich fragte mich, wie ich mir jemanden mit 32 Jahren eigentlich vorstelle. Ja, auch der geneigte Leser ist nun überrascht, dass ich so alt bin; ist meine Haut doch makellos und meine Hände sind noch nicht arthritisch zu Krallen verformt.

Es überkommt vermutlich jeden Menschen in regelmäßigen Abständen, dass er sich fragt: Handle ich meinem Alter entsprechend? Sehe ich aus wie 29 Jahre – oder doch eher wie 41? Gehäuft kommt es zu dieser Art von Selbstreflexion, wenn im Fernsehen Sendungen wie Bauer sucht Frau, Frauentausch oder Schwiegertochter gesucht laufen; Sendungen also, in denen das Alter der Protagonisten eingeblendet wird, man erstaunt auf die Furchen im durch ungezählte Sonnenbankstunden gegerbten Gesicht sieht, denkt: „Whoah. Die ist 27?“ und hysterisch vor den nächsten Spiegel springt, fassungslos, wie alt viel jüngere Menschen aussehen können.

So saß ich also da, dachte nach und sah auf mein Sideboard.

Bücher. Alkohol. Und ein echter Martin Neuhof.

Bücher. Alkohol. Und ein echter Martin Neuhof.

Eigentlich ist es gar kein Sideboard. Es ist ein gelegtes Expedit von Ikea. Ich habe auch noch eines hochkant stehen – mit noch mehr Büchern und mit CDs. Mit Anfang 20, fiel mir auf, als ich gedankenverloren auf meine Schulbuchsammlung und den Stapel zu lesender Bücher sah, da dachte ich, mit Anfang 30 würde ich in einem schicken Appartement wohnen. Ich hätte eine krasse und vor allem teure Wohnungseinrichtung, eine Putzfrau, die wöchentlich kommt und meinen Dreck wegwischt und einen Mann an meiner Seite, der Bilder an der Wand anbringt, obwohl ich das doch selber total gut kann; aber das Gefühl genieße, dass ich es nicht selber machen muss.

Und merkwürdigerweise: Wenn mir andere Menschen sagen, sie seien 32 Jahre alt, dann sehe ich eine durchgestylte Wohnung. Mit zueinander passenden Möbeln, ohne Bücherstapel, Alkoholitäten auf einem Tablett am Boden und Hemingway’schen Merkzetteln am Schreibtisch. Die anderen 32-Jährigen haben handgeschriebene Aphorismen an der Wand nämlich nicht nötig. Sie wissen alles und sind Meister im Fach, das sich Leben nennt.

Ernest Hemingway. Der Mann hatte es drauf.

Ernest Hemingway. Der Mann hatte es drauf.

Nein, ich finde es gar nicht schlimm, wie es ist. Alles ist gut und richtig. Aber wenn man mich auf 25 Jahre schätzt, weil ich – Zitat – „so niedlich“ sei, dann frage ich mich, ob man mit 25 Jahren niedlich sein darf und kann, es mit 32 dann aber doch schon anders ist. Und niedlich, niedlich bin ich ja ohnehin überhaupt nicht.

Auf dem Weg der Selbstfindung ging ich zum Kühlschrank. Denn eine erwachsene Frau müsste sich doch der eigenen Verwelkbarkeit bewusst sein; eine Feststellung, die ich doch im Kühlschrank, dem Herzstück jeder Wohnung wiederfinden müsste?

Gut: Ich habe ein Gemüsefach, das nach dem Wocheneinkauf gut befüllt ist und am Ende der Woche leer ist. Ebenso ist es mit meiner Joghurtschublade, die ich mit einer gewissen Wahnhaftigkeit beobachte. Aber die Tür! Die Tür! Die sah und sieht aus wie eh und je.

Käse. Alkohol. Nagellack. Grillsaucen. Die Spannweite meines Lebens.

Käse. Alkohol. Nagellack. Grillsaucen. Die Spannweite meines Lebens.

Nagellack in Rot und Pink, damit er länger hält; obwohl ich ohnehin einen exorbitanten Verbrauch habe. Grillsaucen, weil ich doch so gern grille und Gäste immer neue Flaschen mitbringen. Auch im Kühlschrank an sich sind noch unfassbare Mengen – ein Pfundstopf zum endgültigen Verbrauch ist unausweichlich. Alkohol. Weil Weißwein und Wodka doch kalt sein müssen. Es ist schockierend, wie viel Alkohol in meiner Wohnung rumsteht (Regal mitte: Bratapfelschnaps). Und ganz viel Käse, denn ohne Käse ist ein Kühlschrank nicht komplett. Ich würde so weit gehen und sagen: Ohne Käse ist ein Kühlschrank leer. Da kann er noch so voll sein.

In meiner Vorstellung steht bei anderen Menschen nur Quark im Kühlschrank. Dazu Gurke und ganz viel Lauch, weil ein Einkauf doch kein Einkauf ist, wenn kein Lauch aus der Einkaufstasche ragt. Nein, meine Kühlschranktür sieht nicht erwachsen aus. Eine erwachsene Kühlschranktür ist ordentlich, ohne sechs verschiedene Nagellackfarben und kalten Vodka. Sie ist ein wenig leer, mit vielleicht einer sehr teuren Flasche Weißwein, mit Mangochutney aus dem Feinkostladen.

Immerhin ein Blick auf meinen Nachttisch sagte mir, dass die Studentenzeiten mit Stift und Papier und Uni-Büchern und Wassergläsern mit Rotweinrand neben dem Bett vorbei seien.

Hohe Literatur. Ein geheimnisvolles Kästchen. Eine Lampe. Ja, so hat auch sicherlich der Nachttisch vom American Psycho ausgesehen.

Hohe Literatur. Ein geheimnisvolles Kästchen. Eine Lampe. Ja, so hat auch sicherlich der Nachttisch vom American Psycho ausgesehen.

Was das Bild allerdings nicht zeigt, ist das Chaos in den zwei Schubladen. Mit Taschentüchern und kaputten Strumpfhosen, die ich nicht in den Müll brachte, weil ich morgens zu faul war, in die Küche zu gehen und sie wegzuwerfen. Mit einer Nagelschere und zwei Ausgaben der Maxi und einer Brigitte. Und obwohl ich gern lese, kann es doch passieren, dass das Buch einstaubt, weil ich mich hin und wieder abends dann doch lieber den Banalitäten des Lebens widme und mich von Dr. Who, Torchwood oder Being Erica berieseln lasse (oder Fußball oder einer Talkshow, der ich nicht folgen kann, weil alle so viel reden und ich es für inhaltsleer halte und dann irgendwann meinen Kopf ausschalte, nicht aber das iPad).

In meiner Vorstellung wird in erwachsenen Schlafzimmer sonnabends nicht der erste Kaffee des Tages getrunken. In erwachsenen Schlafzimmern wird auch nicht jeden Abend der Plüschhund aus der Schublade geholt, weil der Kopf eben doch am besten auf seinen Bauch passt; und das, obwohl der Plüschhund schon längst kein Plüsch mehr ist, weil er Weihnachten auch 32 Jahre alt wird und ihn niemand mehr für 25 Jahre halten würde, weil die ehemals glänzenden Augen von ungezählten Wäschen ganz stumpf sind und im Bett immer wieder Teile der Füllung auftauchen, die dann am Morgen traurig zurück in das kleine Loch unterm Ohr gestopft wird, weil Putzi, so sein Name, nicht sterben darf.

Und weil dieser Artikel nichts ohne die Betrachtung des Badezimmers wäre: ein erwachsenes Badezimmer beinhaltet Anti-Falten-Cremes und sowieso: ganz viele hochpreisige Pflegeprodukte. Und was steht bei mir in der Dusche?

Shampoo. Duschgel. Die BVB-Ente.

Shampoo. Duschgel. Die BVB-Ente.

Bis vor rund 18 Monaten stand dort noch viel mehr. Dann machte ich, der langjährige Leser wird sich erinnern, mein „Sieben Wochen ohne Plastik“-Experiment. Seitdem stehen nicht mehr sieben bis acht Shampoos und Duschgele herum. Dabei muss ich nun häufiger zu DM gehen und Nachschub kaufen, aber immerhin sieht es bei mir nicht wie bei einer Plasteverschwenderin aus. Und vielleicht ist das ja auch irgendwie ziemlich erwachsen; auch wenn die BVB-Ente dann doch den erwachsenen Eindruck etwas schmälert.

Als ich mich dann, um diesen langen und sehr bildreichen Text zu einem Ende zu bringen, fragte, warum ich mir Gedanken darüber mache, ob 25 Jahre nun jung ist und wie die Wohnung einer 25-Jährigen aussehen sollte und wie meine Wohnung mit 32 Jahren aussehen sollte, da musste ich dann doch sehr über mich lachen. Es gibt so viele andere Dinge, über die man nachdenken sollte – aber ich stehe fünf Minuten sinnierend an meiner offenen Kühlschranktür. Anstatt mich darüber zu freuen, dass mir jemand einfach ein Kompliment machen wollte und deshalb die 25 Jahre ins Spiel brachte.

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6 Kommentare zu “Die erwachsene Wohnung

  1. Interessant, interessant. Ich werde mich demnächst mal in meiner Wohnung umsehen und mich auch fragen, ob das eine erwachsene Wohnung ist. Immerhin: Mit 48 müsste ich ja gemeinhin als „erwachsen“ gelten … aber meine Wohnung? Hmm … hmm … grübel.

    Aber schöner Text und: Hauptsache, deine Wohnung passt zu dir. Gemütlich ist sie auf jeden Fall! Und ich finde, sie passt genau. Nämlich zu dir.

  2. Sohoooo, erwachsene Wohnung. Du müsst mal wieder aufem fehn vorbeischauen. Da weißte dann bescheid!!! Hehe. Ich bin ūbrigens , äh, 29???? Hm. Gefūhlt.

  3. Mein Bruder hat schon seit Jahren ein Farbkonzept für seine Wohnung. Es unterscheidet zwischen Wohn- und Nutzräumen und definiert Grund- und Akzentfarben. Mein Bruder ist jünger als ich. Ich habe mal versucht, das zu imitieren. Als ich meinen ersten Job antrat und dachte, es wird Zeit erwachsen zu werden. Seitdem hängt eine lila Decke über meinem blauen Sessel – rausschmeißen ging nicht, er ist einfach saubequem! Und lila, weil ich zwei Wochen zuvor die offenen Ivar-Regale mit lila Jalousien verschönert habe – das sieht gleich viel aufgeräumter aus. Also erwachsen. Lila Jalousien waren die einzigen, die es in allen Breiten gab. Und naja, ich mag Lila, so ist das nicht. Meine Küche ist grün, alles original, nichts verhangen. Original, weil ich da fast alles neu kaufen musste. Ich habe sogar eine grüne Teekanne – die gabs bei Rossmann im Angebot. Und grün, weil mir die Vormieter ein grünes Rollo dagelassen haben. Wohl, weil es kaputt ist. Haben sie mir nicht gesagt, seitdem hängt es schief. Wie bei Studenten, würde meine Mutter sagen. Meine Wohnung ist irgendwie auch jünger als ich. Ich fühle mich aber auch noch nicht so alt, wie ich bin. Ich bemühe mich. Manchmal funktionierts. Wenn ich einen Umweg fahre, um bei Rossmann noch eine grüne Teekanne zu ergattern – nach der Arbeit. Das war vielleicht ein wenig kindisch, ein Umweg nur für eine Teekanne. Aber es diente dem Erwachsenwerden. Und es fühlte sich gut an. Habs gleich auf facebook gepostet. Da war ich dann irgendwie gleich wieder ganz jung. Ich glaube, dass mit dem Erwachsenwerden kann man nicht erzwingen. Die durchgestylte Wohnung kommt von ganz alleine. Wenn der blaue Sessel einfach nicht mehr so saubequem ist – subjektiv.

  4. Ich bin 25. Und wurde letzte Woche am Einlass zu einem Provinz-Festival von einem ganz korrekten Ordner nach meinem Ausweis gefragt. Nach meinem empörten Einwurf, ich sei bereits 25, meinte er, ich sehe aber jünger aus. Jünger, okay. Aber mehr als 7 Jahre jünger, was die Frage nach dem Ausweis berechtigt hätte? Nun ja. Ich möchte weder noch wie 17 aussehen noch für 17 gehalten werden noch wieder 17 sein. Auf dem gleichen Festival unterhielt ich mich später mit der Freundin des Bruders von meinem Freund und fand heraus, dass sie erst 16 ist. Ich hätte sie auf Anfang 20 geschätzt. Nun ja.

    Meine Wohnung: 1 Zimmer, 20qm. Im Kühlschrank hauptsächlich Alkohol. An den Wänden Postkarten, Fotos, Landkarten und Post-Its. Unter meinem Bett stapeln sich die Ausgaben der Maxi, Jolie, Glamour und Joy der letzten 2 Jahre. Einen Schrank besitze ich aus Platzgründen nicht, nur ein großes Regal mit einem Vorhang davor. Im Regal im Küchenbereich Schuhe, Bücher, DVDs und all das, was sonst nirgends Platz findet. Ich glaube, auch mein 17jähriges Ich hätte sich nicht anders eingerichtet. Das einzig halbwegs erwachsene ist mein Balkon, auf dem ich Basilikum, Minze und Oregano züchte. Immerhin etwas.

  5. Meine (unsere) Wohnung – ist wohl auch nicht erwachsen. Das merkt man daran, dass meine Mutter uns JEDESMAL sagt, dass wäre so eine süße KLEINE Studentenwohnung. Seit 8 Jahren sagt sie das. Es stört sie nicht, dass wir Mitte/Ende 30 sind, einen SOhn haben und überhaupt abgenabelt sind. Manchmal würde ich gerne alles in Stahl und Chrom umdekorieren. Vielleicht wäre es dann professioneller…..

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