Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

In Missionarsstellung

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Sonnenuntergang.Vor einiger Zeit war es mal wieder an der Zeit: es gab eine Diskussion über Fleisch und Gemüse und die Gefühlswelt von Sonnenblumenkernen, die in einer generellen Auseinandersetzung über der Welten Lauf endete. Reden wurden geschwungen, Argumente in den inhaltsleeren Raum geworfen und der ein oder andere ereiferte sich bis zum Glatzenschweiß.

Es gibt Themen, da werden Menschen zum eifrigen Missionar. Da braucht es keine Bibel, keinen schwarzen Anzug und keinen zu fest geschnürten Rucksack, um den Vernunftteil des zuständigen Gehirnlappens völlig auszuschalten. Es genügen Stichworte. Fußball, Fleisch oder Frucht. Eigentlich ist der Themenbereich egal. Es muss zwei starke Gegenpunkte geben, stammtischplatitüdenartige Argumente, die auch im Vollrausch noch heruntergepredigt werden können und irgendeine Studie „amerikanischer Wissenschaftler“, die niemand je las, niemand je verstand, aber Zahlen liefert, die niemand je geprüft hat.

Beliebt ist immer wieder die Frage nach Fleischkonsum und gemahlenen Erdnüssen als Fleischersatz. Fleischesser raten Vegetariern oder Veganern, sich lieber mal der Fleischeslust hinzugeben und dadurch an gesunder Wangenröte zu gewinnen. Vegetarier und Veganer sehen Fleischesser an und verweisen auf den Hüftring, der nur vom Genuss der letzten Frikadellen kommen könne, nicht aber von mangelnder Bewegung und der Vorliebe für Sour Creme-Chips.

Wer klug und schnell oder nur eines von beidem ist, der macht sich gleich zu Beginn dieser Gespräche aus dem Staub. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich einer der Missionare umdreht, ein Opfer suchend, das beschämt „Du könntest Recht haben“ murmelt, um fortan von der Gegenseite auch als Feind, als Opfer subtiler PR diverser Interessengruppen gesehen zu werden.

Missionare, und jeder kann einer werden, verlassen sich ganz auf die Überzeugungskraft ihrer eigenen Worte. Es ist meist ein Geheimnis, ob hinter diesen Worten auch Taten stehen, ob die hinausgebrüllten eigenen Blutwerte einer ärztlichen Untersuchung standhalten. Es ist so einfach, mit fiebrigen Worten und glänzender Stirn den Untergang diverser Abendländer heraufzubeschwören, sich selber herauszunehmen und zu sagen, man selber sei daran nie Schuld. „Ich habe noch nie Leberwurst gegessen“ und „nie“ ist vielleicht erst seit dem 15. Geburtstag, seitdem Muttern nicht mehr die Pausenbrote schmiert. Vielleicht gibt es auch kein „nie“, aber es ist doch gerade dieses wundervolle Argument, das einen ins richtige Licht rückt. „Ich kannte einmal jemanden, der ist aufgrund einer Überdosis Wirsingkohl ins Krankenhaus gekommen“, erwidert vielleicht der andere Missionar und verschweigt, dass der Wirsingkohl eigentlich Rohrreiniger war.

Ich kenne keinen einzigen Menschen, der aufgrund missionarischer Grundsatzdiskussionen, sei es auf einer Party, beim Familientee, bei Facebook oder Twitter seine Meinung geändert hat. Die häufigste Reaktion ist es ein entnervtes Augenrollen und ein betretenes Schweigen, weil man tatsächlich Menschen kennt, die sich einem unreflektierten Dogmatismus hingeben. Aber „unreflektiert“ ist natürlich keiner der Missionare – sie spiegeln sich im Glanze ihrer eigenen salbungsvollen Worte und der lückenlosen Argumentationskette; meinen sie.

Natürlich gibt es Missionare nicht nur im kulinarischen Bereich, auch wenn sie dort besonders – durch Bluthochdruck oder Mangelerscheinungen angetrieben – häufig vertreten sind. Es gibt sie im Fußball, wo es um den Verlust jeglicher Kultur geht, weil der Bratwurstlieferant der liebsten Stadionwurst seinen Vertrag gekündigt hat. Es gibt sie im Wetter-Bereich, weil nicht klar ist, ob wir einen Jahrhundertwinter oder nur eine Kältephase haben. Es gibt sie im Bereich der Geschlechterdiskussion, weil man sich nicht einig ist, ob Frauen gar nicht unterdrückt werden (was sich zeigt, weil man Alice Schwarzer immer noch nicht geknebelt und wie Napoleon ins sonnige Exil nach Elba geschickt hat) oder immer noch unterdrückt werden (was sich daran zeigt, dass man die komplette Besetzung vom Sport1 Doppelpass immer noch nicht geknebelt und wie Napoleon ins sonnige Exil nach Elba geschickt hat).

Dabei tun sich Missionare gar keinen Gefallen. Zum einen will sich niemand missionieren lassen. Deswegen stellt man Sonnabends seine Klingel aus, damit die religiös motivierten Missionare den Schlaf des – in ihren Augen – ungläubigen Ruhesuchenden nicht stören. Zum anderen finden sie in Menschen wie mir die Definition eines Trotzkopfs. Wenn mir einer sagt, ich solle fortan nur noch mit dem Fahrrad fahren, dann baue ich mir einen röhrenden und Gänseblümchen vergiftenden Auspuff dran und bewege mich wie ein übergewichtiger Frührentner darauf in Richtung in Bangladesh produzierender Textilkette.

In der Missionarsstellung gibt es kein Mittelmaß. Es gibt nur 100 oder Null. Nur den glorreichen Sieg oder eine vernichtende Niederlage. Sie vergessen, dass man Menschen eher überzeugt, wenn man sich in passiver Zurückhaltung und ohne diktatorische Rhetoriken übt. Sind die verbalen Jahrhundertschlachten in der Partyküche die ersten fünf Minuten noch recht interessant, langweilt der Starrsinn doch irgendwann und vertreibt selbst die Nichtraucher auf den Balkon. Siehe oben: Kein Mensch ändert sich, weil ein von Glatzenschweiß getränkter Pseudo-Intellektueller stundenlang über Proteinketten in Lammfleisch referiert.

„Oh, Du siehst gut aus…“ „Ja… “ „Diät?“ „Nein, ich esse einfach weniger Fleisch und mehr Gemüse.“ „Ach cool. Das probiere ich auch mal aus.“ Was viel besser ist als „Wenn Du kein Fleisch isst, dann hasse ich Dich und Du bist dumm und auf dem Klo riechst Du sicherlich nach Mehlaufguss und Brottrunk.“

Ich nehme mich nicht aus. Auch in mir erwacht immer einmal wieder die Missionarin, im Kampf gegen Smiley, Hashtags und ewiglich ekelig (ausgesprochen: ewiglich ekelich) riechenden Milchreis. Ich empfinde Smiley-verwendende Menschen beinahe durchweg als unerträglich und unanziehend, möchte manchen gar in den Kerker werfen, um ihm 15 Jahre langes „Smileys sind nicht witzig“-Kratzen in die Schieferwand aufzutragen. Hashtags! Ich möchte allen die Raute in den Rachen rammen und pastorale Ausführungen zu Foodporn, Cloudporn und Ich-fotografiere-mich-in-jeder-noch-so-demütigenden-Situation-selber-Porn halten.

Aber gut, ich versuche, hin und wieder zu schweigen. Manchmal nehme ich mir dann einfach eine Flasche Bier (auf Partys) und schließe meinen rotbemalten Mund so.  Und wehe dem, der unter diesen Text Smiley oder Hashtag oder Milchreisbilder setzt. Ich eile mit wehender Soutane heran und zermale alle mit einem doktrinären Redeschwall.

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3 Kommentare zu “In Missionarsstellung

  1. Gut gepredigt! #smiley

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