Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Alles im Preis reduziert

3 Kommentare

Ganz kostenlos auf der Wiese. Gänseblümchen.

Ganz kostenlos auf der Wiese. Gänseblümchen.

Die meisten, eigentlich alle, Menschen sind ein Gesamtpaket. Nun, vielleicht sind die einen ein ziemlich zerdelltes Gesamtpaket, andere sind ziemlich groß und klobig, andere sind gerade mehr als ein Maxibrief. Aber doch sind wir alle dann doch so umfangreich, dass wir ein Paket sind.

Merkwürdigerweise oder leider oder vielleicht auch zum Glück zeigen sich manche Menschen nur von einer Seite. Sie reduzieren sich selber auf eine Eigenschaft. Manchmal auf ihre Stärken, zumeist aber auf ihre Schwächen. Wir sehen uns ja auch den ganzen Tag selber, da ist es schon schwer, den Überblick zu behalten. Es ist wie im Wald, den man vor lauter Bäumen sieht. Und manchmal sehen wir uns selber nicht, weil wir nur die Schwächen sehen. Aber nicht das, was unsere Freunde an uns mögen. Und hin und wieder sehen wir nur unsere Stärken und wollen nur gern die Schwächen ignorieren.

Ich nehme mich nicht selber aus. Je nach Umfeld reduziere ich mich auch. Ich kann das sogar sehr gut. Ich reduziere mich auf den Kumpeltyp, mit dem man Fußball gucken und Bier trinken kann. Ich reduziere mich auf die gute Bäckerin und Köchin, weil man dann doch so schnell gemocht wird. Ich reduziere mich auf meine zu breiten Hüften und wiege mich in Selbstmitleid und Selbstzweifeln.

Ich kenne auch viele Menschen, die das tun. Es ist gut zu wissen, dass man nicht allein ist. Es gibt Menschen, die schöne Haare haben und deren ganzes Denken darum dreht. Wie die Taktung von Spülung und Waschen war und ob das Wasser weich oder hart ist.

Schuld an diesem Zustand ist die Aufforderung ungezählter Frauenmagazine, sich bei Selbstzweifeln zu überlegen, was man gern an sich mag. Da kommt dann „meine Augen“ raus und fortan gibt es nur Duckfaces, bei denen die Augen weit aufgerissen sind und ein Filter die Farbe hervorstechen lässt – ich weiß, wovon ich rede; ich mache das so.

Diese Einseitigkeit ist – eigentlich und uneigentlich – kontraproduktiv. Wer immer nur auf „witziger Klassenclown“ macht, der macht selber vergessen, dass er gut zuhören kann, seine Schnitzel perfekt paniert und Kreuzworträtsel in Rekordzeit lösen kann.

Als ich heute Nachmittag über das Thema nachdachte, die Fenster putzend und den Boden wischend, da fiel mir auf, dass ich meine Freunde vor allem aufgrund ihrer Schwächen mag. Nun, vielleicht mag ich nicht die Schwächen in ihrer Einzelheit, aber ohne diese Kerben in ihrer Persönlichkeit, wären die Menschen doch glatt und uninteressant. Es sind vor allem diese Momente in einer Freundschaft; die Punkte, an denen man grummelnd denkt „Orrrrrrrh, Mann!“ und dann lächelnd an den letzten Abend mit Bier zurückdenkt und sich tatsächlich einmal in Toleranz, Verständnis und einer großen Portion freundschaftlicher Ignoranz übt.

Nun, es ist ja auch nicht leicht, zu seinen Schwächen zu stehen. Häufig versuche ich beispielsweise, mein Zickentum zu verbergen. Aber es geht einfach auf Dauer nicht gut. Irgendwann eruptiere ich wie ein Vulkan, der über Monate hinweg brodelte – und dann kann es passieren, dass ich alles um mich herum vernichte. Wie der Mount St. Helens. Auch ich bin auf freundschaftliche Ignoranz angewiesen.

Stärken. Schwächen. Als wäre die Welt nicht kompliziert genug, müssen wir uns auch noch mit diesen Untiefen unseres Charakters befassen und quälen uns mit der Suche nach den Plus- und Minuspunkten unseres Wesens, versuchen, unsere Stärken hervorzuheben und die Schwächen zu vertuschen. Damit reduzieren wir uns nicht nur auf eine bestimmte Facette, sondern reduzieren auch unseren ganz eigenen Grad des Interessanten. Siehe oben. Kerben und so.

Und weil mir einmal mehr kein sprachlich und auch inhaltlich anerkennenswerter Schluss einfällt, widme ich mich nun einer weiteren Schwäche meiner Persönlichkeit. Ich liege faul auf dem Sofa und esse Wasabi-Erdnüsse. Auf dass meine Hüften noch breiter werden.

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3 Kommentare zu “Alles im Preis reduziert

  1. Menschen mit Ecken und Kanten sind gut. Sonst würde es ja langweilig. Ich stosse mit meiner Pizza auf dich und unser Zickentum an. Prost.

  2. Ich konnte vielen Jahre lang nicht aufhören darüber zu staunen, dass ich auf die Schwächen meiner Freunde einen viel liebevolleren Blick werfen konnte als auf meine eigenen. Erst, als ich nach Jahren des Scheiterns einsehen musste, dass ich bestimmte Dinge, die ich als Schwäche empfinde, partout nicht ablegen kann, habe ich quasi als Ausweichstrategie versucht, sie wenigstens zu tolerieren. Dann passierte etwas Tolles: Ich habe begriffen, das Schwächen und Stärken oft zwei Seiten einer Medaille sind. Wer offen, begeisterungsfähig und neugierig ist, tendiert vielleicht dazu, oberflächlich und unstet zu sein. Wer sich schwer auf neue Dinge einlassen kann, unspontan und ängstlich ist, ist wahrscheinlich sehr gut organisiert und unglaublich ordentlich. Die darunter liegende Eigenschaft ist die gleiche, sie wirkt sich nur in zwei Richtungen aus.

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