Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Teufelskreisverkehr

6 Kommentare

Kreisverkehr. Kurz davor. in Düsseldorf.

Kreisverkehr. Kurz davor. in Düsseldorf.

Wir sind in der Mitte des Lebens und noch ein Stück davor und sollten doch eigentlich froh sein: Schule, Ausbildung und eventuell das Studium hinter uns, vor uns das Leben mit diesen ganzen Möglichkeiten, die wir uns vorher nicht leisten konnten, weil wir unsere letzten 29 Cent in Dosenchampignons investieren mussten. Und trotzdem, trotzdem ist kaum einer zufrieden. Wobei: Vermutlich sind die meisten Menschen schon zufrieden, sie machen es sich nur nicht bewusst. Aber dann gibt es da eine Kategorie, bei der man doch etwas mehr ausholen muss.

Der Bekannte gehört zu dieser Kategorie. Um die 30 Jahre alt, ziemlich klug, gutaussehend – da ist nur eines: In seinen Augen hat er in diesem Leben noch nichts erreicht. Er stromert von einem Job zum nächsten, auf das Studium hatte er nie Lust. Die Frauen, die er kennenlernt, die sind ihm nicht gut genug. Ihm fehlt die Richtung im Leben, er sieht sich in zehn Jahren – nirgendwo. Die Frage überfordert ihn. Was nicht schlimm ist, woher soll man schon wissen, wo man dann ist? Es gibt so viele scharfe Kurven und Umleitungen im Leben, dass die Orientierung hin und wieder einfach verloren geht. Nur: dieser Bekannte – er ist in einen Kreisverkehr gefahren; und immer wenn er abbiegen könnte, ja, dann ist er zu schnell, er sieht zu spät hoch, er zögert mit der Entscheidung, weil der eine Weg vielleicht Schlaglöcher und der andere Weg keinen Schatten hat.

Nun hat er einen Plan. Er hätte gern eine Frau an seiner Seite, die ihm den Weg weist. Nicht nur aus diesem Kreisverkehr. Auch aus dem nächsten und aus dieser Einbahnstraße mit der Verkehrsinseln, um die man nur mit viel Geschick herumkommt.

Ein ziemlich guter Plan, mit nur einem Haken: Menschen, die den Weg kennen oder zumindest eine Ahnung von der Richtung haben – die haben keine Lust, jemandem zu erklären, wo es lang geht. Ab einem bestimmten Zeitpunkt möchte man einen Menschen an seiner Seite, der mit einem geht – und dem man nicht ins Gesicht schreien muss, dass nun die richtige Zeit für „Links“, Rechts, verdammt… nun brems doch endlich!“ ist. Zumal man dann plötzlich daran Schuld ist, dass die Sonne ins Gesicht scheint oder die nächste Tankstelle mit akzeptabler Kaffee-Bar noch so weit weg ist.

Es ist klar, dass diese Argumentation bei dem Bekannten nicht zieht. Er sucht keine Frau, er sucht eine Fahrschullehrerin. Vielleicht will er auch gar nicht selber fahren, vielleicht möchte er sogar nur auf dem Beifahrersitz sitzen. Was bedeutet, dass er den Weg gar nicht selber fährt, sich stattdessen zurücklehnt und machen lässt. Praktisch: Man verlässt den Kreisverkehr, der einem vorher das Leben so sehr erschwerte und ganz hilflos im Kopf machte. Und man kann sich zurücklehnen, muss sich nicht einmal mehr dem Problem stellen, nicht einmal mehr den Weg aus einem Kreisverkehr zu finden. Einmal ganz davon abgesehen: Am Besten meckert es sich doch aus der Passivität heraus.

(„Wenn Du nur meckerst, kannst Du auch fahren.“ „Och, nee. Du machst das schon ganz okee.“)

Es ist verwunderlich, wie der Bekannte nicht versteht, dass jede Frau mit Verstand schnell merkt, dass es für eine kurze Zeit ganz amüsant ist, mit ihm durch den Kreisverkehr zu jagen. Das erinnert an diese Zeit, als man siebzehnjährig am Wochenende im Golf 2 des Schwarms vor dem Hauptbahnhof seine Runden drehte, während das letzte Bier sich unglücklich in Erinnerung rief, die Sommerluft durch den Wagen strömte und Rage Against The Machine Killing In The Name die billigen Boxen mehr dröhnten als Bass zu verbreiten. Aber das ging ein paar Minuten gut; dann wurde es langweilig. Und es wird noch schneller langweilig, wenn man weiß, dass es noch sehr viel tollere Dinge gibt, als sich Sonnabendnacht zum Deppen der Stadt zu machen.

Das Ende der Geschichte? Der Bekannte fährt immer noch im Kreis. Und mit ihm noch mehr seiner Leidensgenossen. Es sind so viele, dass sie sich im Kreisverkehr beinahe stauen. Aber anstatt das langsame Tempo zu nutzen, stürzt es sie nur in noch mehr Verzweiflung. Und die, die sie eigentlich aus diesem Teufelskreis herausholen sollen, die kennen den Umweg und fahren dem Sonnenuntergang entgegen. Vielleicht mit Rage Against The Machine. Vielleicht ganz ohne Musik. Aber ziemlich sicher ohne ein schlafendes Etwas auf dem Beifahrersitz, das vom Jammern über die Schlaglöcher ganz müde ist.

6 Kommentare zu “Der Teufelskreisverkehr

  1. Hervorragender Artikel! 🙂

  2. Wenn man schnell genug im Kreis fährt, wirkt es auch irgendwann wie eine Zentrifuge und man landet irgendwo. Man sollte von hinten nicht drängeln oder sich drängeln lassen. Vielleicht mag er die richtige Ausfahrt nehmen wollen, hat aber Angst, dass es versehentlich doch die falsche ist. Ein Umweg kann auch Erfahrungen bringen, man sollte aber auf die Hinweisschilder am Straßenrand achten, oder wenigstens wissen, wo sie stehen…

  3. Ich liebe Deine Art zu Schreiben.
    Du beschreibst „unsere Generation“ (oh Gott, wie klingt das?!) und das Nicht-entscheiden-wollen so gut. Ich kenne das Vermeiden nur allzu gut. Aber ich habe beschlossen, die Leichen aus dem Keller zu holen – es ist Zeit!
    Herrliche Wortspiele – danke.

  4. Hoffentlich fährt er sich nicht fest. Fürs Leben gibts keinen ADAC.

  5. Diese Beobachtung hab ich auch gemacht. In meinem allernächsten Umfeld gibt es einige Männer, Ende Zwanzig Anfang Dreißig, die stehen beruflich und finanziell alle prima da. Aber davon abgesehen passt es irgendwie nicht. Beziehungen werden abgebrochen, sobald der erste Funken Alltag droht einzutreten oder aus Angst vor diesem Moment gar nicht erst begonnen. In der Zeit nach Feierabend wissen sie fatalerweise nichts mit sich anzufangen und suchen verzweifelt nach Hobbys. Und von dieser Sorte gibt es mittlerweile verdammt viele.

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